"Mein Weg in ein neues Leben!"

Im aktuellen Studienjahr (2012/2013) sind 81 Genter Studenten mit dem Erasmusaustauschprogramm in Deutschland, 43 deutsche Studenten sind zum Austausch an der Universität in Gent. Die Österreicherin Christina-Maria aus Salzburg war in diesem Wintersemester ebenfalls mit dem Erasmusprogramm in Gent. Sie ist nun wieder zurück in ihrer Heimat und schreibt Niels in ihrer Email, dass sie eigentlich nichts über Belgien wusste, als sie nach Gent zog. Doch schon bald hatte sie gute Freunde, die ihr das Gefühl gaben, dazuzugehören.

Lieber Niels!

Anfang letzten Jahres fiel bei mir plötzlich die Entscheidung, einen Auslandsaufenthalt zu wagen, was mich in gewisser Weise selbst überraschte.

Ich habe mich in meiner Heimatstadt Salzburg immer sehr wohl gefühlt, wollte aber auf einmal mehr von der Welt sehen, als man durch einige relativ kurze Städtereisen in den Ferien erfahren kann und darum entschloss ich mich, diesen aufregenden Schritt zu wagen. Doch wohin sollte mich mein noch ungewisser Weg führen? Über die Gründe für meine Wahl bin ich mir selbst nicht ganz im Klaren. Ich wollte in den Norden, eine neue Sprache lernen, wusste nicht viel über Belgien und traf trotzdem eine eindeutige Entscheidung, die ich bis jetzt in keinem Moment bereut habe. Mein Weg in ein neues Leben auf Zeit führte mich also nach Gent!

Das Abenteuer Erasmus

Rückblickend wird mir klar, dass ich mich im Vorfeld wirklich sehr wenig mit meiner Erasmusstadt auseinandergesetzt habe und ich sozusagen ins Ungewisse fuhr.

Ich hatte noch kein Zimmer und lebte daher in der ersten Woche mit einem Spanier und einer Spanierin zusammen, die auch noch auf ihr Zimmer warteten. Diese erste Zeit war wunderbar und aufregend. Heute denke ich mit einem Schmunzeln an diese Tage zurück, in denen wir gemeinsam die Stadt erkundeten und relativ hilflos versuchten, uns in der fremden Umgebung zurechtzufinden.

Die Anfänge meiner tiefen Verbundenheit zu Gent sind wohl in diesen Tagen zu finden und ich habe nie aufgehört, mehr über die Einwohner und das Land erfahren zu wollen und neue Freunde zu finden. Glücklicherweise fand ich bald ein wunderschönes Zimmer, das nahe dem Boekentoren lag und konnte schon bald Freundschaft mit zwei meiner belgischen Zimmernachbarn schließen.

Spreek je Nederlands? – Ja natuurlijk!

Ein einmonatiger Sprachkurs begann Ende August und ich kam das erste Mal in engen Kontakt mit „Nederlands“, dieser wunderbar wohlklingenden und für uns Deutschsprechende so einfach zu erlernende Sprache, die mir meinen Aufenthalt versüßt und mir viele lustige Begegnungen ermöglicht hat.

Der Sprachkurs wurde meiner Meinung nach zum Schlüssel für das Geborgenheitsgefühl, das ich in Gent hatte, denn ich lernte sofort viele andere Erasmus-Studenten kennen, die alle mit denselben Fragen und Problemen konfrontiert waren wie ich und auch auf der Suche nach neuen Freunden waren.

Viele dieser Bekanntschaften wurden gute Freunde und einige sogar enge Vertraute, die mir ein sicheres Umfeld und das Gefühl, dazuzugehören, schenkten.

Deutsch, Französisch, Nederlands?! Oder lieber Schokolade, Bier und Frietjes?

Die 5 Monate, die ich in Gent verbracht habe, haben mir gezeigt, dass die Belgier sehr aufgeschlossene, hilfsbereite und unkomplizierte Menschen sind. Von meinen Zimmerkollegen über die Leute auf der Straße bis hin zu meinen KommilitonInnen und Professoren wurde ich überall mit offenen Armen empfangen und fühlte mich sofort als vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft.

Dass ich viel über die belgische Kultur gelernt habe, verdanke ich vor allem den StudentInnen aus den von mir besuchten Kursen, die mir während der zahlreichen Besuche in der Mensa etliche spannende Details über Politik, Wirtschaft und das Bildungssystem in Belgien erzählt haben.

So wurde ich auch über die unterschiedlichen Regionen Belgiens und die dort gesprochenen Sprachen aufgeklärt. Dieses kleine Land ist wirklich einzigartig und liebenswert!

Neben wichtigen Grundlagen über den Staat Belgien durften natürlich auch die belgischen Spezialitäten nicht fehlen: Bier, Schokolade und „Frietjes“! Es gibt über 1.000 belgische Biersorten, denen man in keinem Pub oder Supermarkt entkommen kann und die unzähligen Schokoladenshops hinterlassen wohl bei jedem Touristen einen bleibenden Eindruck. Und wer bei einem Aufenthalt in Belgien den Genuss von „frietjes met stoofvlees“ (Pommes mit brauner Fleischsoße) verpasst hat, der sollte dies besser vor keinem Belgier erwähnen, wenn er nicht in Schwierigkeiten geraten möchte!

Österreich als Entwicklungsland?

Ich studierte in Belgien am Fachbereich Deutsch und war erstaunt, wie viel einige meiner Studienkollegen über Österreich wissen! Durch angeregte Gespräche und Diskussionen in Pubs und bei Parties habe ich gelernt eine neue Sichtweise auf viele, mir trivial erscheinende, Dinge zu gewinnen und aktuelle Themen in einem größeren Kontext wahrzunehmen.

Die neuen Perspektiven, die man durch den Aufenthalt in einem fremden Land gewinnt, können nicht genug betont werden und ich bin sehr dankbar, dass ich unglaublich viel Neues über die Welt und die Menschen erfahren durfte.

Mit meinem „Salzburgerisch“ konnte ich meine sprachwissenschaftlich interessierten KommilitonInnen begeistern, während einige meiner deutschen Freunde mich fragten, ob ich auch „richtiges“ Deutsch sprechen würde. Viele Leute waren ratlos, welche Sprache(n) wir denn in Österreich sprechen würden. Es ist mir jedoch nur zweimal passiert, dass jemand Österreich gar nicht kannte.

Ein Teilnehmer des Sprachkurses, der bereits einige Jahre in Belgien lebt, glaubte, auch nach einigen Erklärungsversuchen meinerseits, dass Österreich ein Entwicklungsland sei und fragte mich, ob ich nicht dankbar für das gute Bildungs- und Gesundheitssystem in Belgien sei, das es hier, im Gegensatz zu Österreich, gebe. Doch derartig kleine Beleidigungen waren schon das Äußerste an negativer Erfahrung, was mir in Gent zuteil wurde. Und so kann ich mit gutem Gewissen sagen: Es war eine unbeschreibliche Zeit, die ich nie in meinem Leben vergessen werde!

Viele weitere spannende Dinge durfte ich noch erleben. Gerade fällt mir mein Ausflug nach Antwerpen ein, von dem ich Dir auch ein Foto geschickt habe!

Doch für heute genug, beim nächsten Mal erfährst Du mehr, denn nun möchte ich auch gerne etwas von Dir erfahren, lieber Niels! Wie ist es Dir ergangen, in Deinem Auslandssemester?

Ich hoffe, Du hast keinen Kulturschock erlitten und konntest schnell Anschluss finden. Wie hast Du den Unterschied zwischen den Universitäten wahrgenommen und was war das Prägendste, was Du erlebt hast? Was macht Deiner Meinung nach einen „waschechten Österreicher“ aus?

Ich bin sehr gespannt, was Du mir berichtest und freue mich, von Dir zu hören!

Deine Christina-Maria