Die "Kahn-Akten" sind zurück in Belgien

Nach rund 70 Jahren sind 250 ursprünglich aus Belgien stammende aufwendig restaurierte Akten, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs im Landesarchiv NRW in Düsseldorf lagerten, an ihren Bestimmungsort zurückgekehrt. Die Restaurierung und die Rückgabe stellen einen symbolischen Akt der Wiedergutmachung dar.

Diese Akten wurden während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg aus Belgien nach Düsseldorf verschleppt. Kurz vor Ende des Krieges wollten die Deutschen das Archivmaterial per Schiff zu einem Salzbergwerk im Landesinnern bringen, um es zu verstecken und vor Bombenangriffen zu schützen. Doch die Angriffe kamen schneller als erwartet näher und der Frachter, auf dem sich 25 Tonnen Aktenmaterial aus den von den Nazis besetzten Ländern befindet, wird im Hafen von Hannover von Bomben getroffen und sinkt mitsamt der Dokumente.

Dass Belgien diese Unterlagen - manche von ihnen sind über 300 Jahre alt - je wieder sehen sollte, schien lange Zeit unwahrscheinlich. Doch ein halbes Jahr nach dem Bombenangriff auf den Hafen von Hannover wird die Fracht geborgen. „Dass die Akten überhaupt wieder lesbar gemacht werden könnten, hatte damals niemand geglaubt“, erzählt Andreas Pilger vom nordrhein-westfälischen Landesarchiv in Düsseldorf. Völlig durchnässt, verschimmelt und auch mit Brandschäden versehen, die nach der Bombenexplosion entstanden, waren die Dokumente in äußerst schlechtem Zustand.

Doch die Akten wurden aufwändig restauriert und an diesem Dienstag bekam Belgien die 250 wiederhergestellten Papiere, die ursprünglich aus den preußischen Landkreisen Eupen und Malmedy in Ostbelgien stammen, zurück. Der Präsident des Landesarchivs NRW, Prof. Dr. Wilfried Reininghaus (Foto links), und Frank Bischoff, der die Abteilung Rheinland des Landesarchivs in Düsseldorf leitet, übergaben die restaurierten Unterlagen den entsprechenden Stellen im Rahmen einer Feierstunde in der NRW-Landesvertretung in der belgischen Hauptstadt Brüssel dem Generalarchivar des Königreichs Belgien, Karel Velle (Foto rechts).

Aufwändige Restaurierung

Die Restaurierungsarbeiten im NRW-Landesarchiv begannen schon kurz nach Ende des Krieges. Sie waren nach Ansicht der Verantwortlichen in Düsseldorf die umfangreichsten Restaurierungen dieser Art, die je in Deutschland vorgenommen wurden. Wegen der starken Schäden dauerte es allerdings Jahrzehnte, bis die Akten wieder lesbar gemacht und zugeordnet werden konnten. Verklebte Seiten wurden von Spezialisten des Landesarchivs gelöst, hauchdünne Blätter wurden mit feinem Japanpapier stabilisiert und Schäden mit flüssigem Papierbrei ausgebessert.

Dass Deutschland die in Fachkreisen sogenannten „Kahn-Akten“ (der Name verweist auf die Tatsache, dass die Akten an Bord eines Frachters gesunken waren) aus dem Düsseldorfer NRW-Archiv am Dienstag zurückgab, ist „ein Stück späte Wiedergutmachung“, erklärte NRW-Archivar Pilger gegenüber der Nachrichtenagentur DPA. Es sei eher ein symbolischer Akt, denn einen direkten Wert haben die historischen Unterlagen aus Belgien wohl nicht. Die meisten Stücke sind Verwaltungsakten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, in denen es um Straßenbau, Gesundheitsvorsorge, Schulen oder Denkmalpflege geht. Doch für Historiker und Archivare aus der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens können sie eine neue Quelle zur Erschließung der jüngeren lokalen Geschichte sein.