Protestbrief: Deutschsprachige wollen ARD & ZDF wieder im Belgacom-Angebot

Mit einem offenen Brief an Belgacom, ARD und ZDF, unterzeichnet von mehr als 450 an deutscher Kultur und Information Interessierten verschiedener Nationalitäten, darunter auch mehrere Mitglieder des Europäischen Parlaments, drücken nicht nur Deutsche und deutschsprachige Belgier ihren Unmut über die Streichung von ARD und ZDF aus dem Programmangebot des größten belgischen Kommunikationsanbieters aus. Gleichzeitig haben innerhalb kürzester Zeit schon über 2.200 Menschen eine Petition gegen das Abschalten von ARD und ZDF beim Fernsehanbieter Belgacom unterzeichnet.

Ohne direkte Vorwarnung hatte Belgacom am 14. Mai dieses Jahres einfach die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF aus seinem Programmangebot in Belgien gestrichen und diese durch die privaten Sender ProSieben und Sat.1 ersetzt. RTL Deutschland ist seit Februar neu im Programm von Belgacom.

Auf der Belgacom-Webseite hagelte es Protestschreiben. Eine Peititon machte die Runde und diese erhielt innerhalb kürzester Zeit nicht nur Unterschriften von in Belgien lebenden Deutschen, sondern auch von vielen Belgiern. Besonders aufgeregt hat sich auch die deutschsprachige Gemeinschaft, die deutschsprachrige Minderheit des Landes.

Außerdem schrieben zahlreiche Privatpersonen an Didier Bellens, dem Chef von Belgacom und drohten mit einem Wechsel zu einem anderen Anbieter.

Am gestrigen Freitag ist nun auch ein offener Brief an die verhandelnden Parteien also Belgacom, ARD und ZDF gesandt worden. Unterzeichnet haben über 450 an deutscher Kultur und Information Interessierten verschiedener Nationalitäten. Es verwundert wohl kaum, dass darunter Namen wie Karl-Heinz Lambertz, Ministerpräsident der DG Belgiens zu finden waren. Zahlreiche deutsche und belgische Europaabgeordnete, z.B. Marc Tarabella, Alexander Graf Lambsdorff und Doris Gisela Pack, sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der EU Institutionen und Vertreter/-innen des öffentlichen Lebens mit Bezug zu Deutschland in Belgien haben den Brief ebenfalls unterzeichnet. Sie appellieren an alle beteiligten Parteien, "die Verhandlungen wieder aufzunehmen und möglichst bald  zu einer Lösung zu kommen, die eine Verbreitung der qualitativ hochwertigen Angebote der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus Deutschland im europäischen Nachbarland Belgien sicherstellt."

Initiator des offenen Briefes ist übrigens die PES Group in the Committee of the Regions (CoR).

Lesen Sie hier den gesamten offenen Brief:

Sehr geehrte Herren Bellens, Bellut und Marmor,

mit großem Befremden und wachsendem Unverständnis nehmen die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner zur Kenntnis, dass seit dem 14. Mai 2013 die beiden öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehprogramme ARD und ZDF über Belgacom TV (einem der größten Fernsehanbieter in Belgien) nicht mehr zu empfangen sind.

Nachfragen zur Begründung für diese kultur- und informationspolitisch kaum nachvollziehbare Entscheidung führen zu einem lächerlichen Schwarze-Peter Spiel zwischen der Belgacom und den beiden Rundfunkanstalten, die sich gegenseitig bezichtigen, durch unangemessene Forderungen eine gütliche Einigung im Interesse der Fernsehzuschauer zu blockieren.

In Belgien und besonders in der Hauptstadt der europäischen Einigung ist hochwertige, verlässliche und pluralistische Information und niveauvolle Unterhaltung in möglichst vielen Sprachen noch dringender vonnöten, als anderswo. Nicht nur aus Sicht der Konsumenten, deutschsprachige Bewohnerinnen und Bewohner Belgiens aus allen Nationen, sondern auch im Interesse der Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in den europäischen Institutionen ist Zugang zu Informationen aus und über Deutschland von größter Bedeutung.

Medienvielfalt, Meinungspluralismus und offene Debatten auf Grund verlässlicher Informationen sind Grundvoraussetzung für demokratisches Zusammenleben und die europäische Integration. Nicht umsonst sind diese Grundsätze sowohl in den Verfassungen und Mediengesetzen der Mitgliedstaaten als auch in der EU Grundrechtecharta verankert. Die Medienlandschaft im grenzüberschreitenden europäischen Zusammenhang ist nach wie vor zerstückelt und wird, wie am Beispiel Belgacom-ARD/ZDF zu sehen, offenkundig unter rein kommerziellen, kurzfristigen Kriterien betrachtet.

Solange dies so ist, kann eine europäische Öffentlichkeit nicht entstehen.

Wir appellieren daher an ALLE beteiligten Parteien, die Verhandlungen wieder aufzunehmen und möglichst bald zu einer Lösung zu kommen, die eine Verbreitung der qualitativ hochwertigen Angebote der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus Deutschland im europäischen
Nachbarland Belgien sicherstellt.
In einer Zeit, in der in Europa wieder nationale Vorurteile wachsen und Informationen über die jeweils ‚anderen’ immer seltener werden, ist dies ein Gebot der Vernunft.

Mit freundlichen Grüßen,
im Namen der Unterzeichner (siehe Liste)
Justus Schönlau
Matthieu Hornung
Katja Turck