Expats interessieren sich doch für unsere Politik

Aufgrund der zahlreichen europäischen und internationalen Einrichtungen, der Lobbies, Nichtregierungs-Organisationen und Medien in Brüssel, ist die Konzentration der Ausländer, die in der belgischen Hauptstadt arbeiten, sehr groß. Inwieweit diese internationale Gemeinschaft hierzulande jedoch auch integriert ist, wollte die Brüsseler Regierung wissen und staunte nicht schlecht über das Ergebnis einer entsprechenden Umfrage des Verbindungsbüros Brüssel-Europa.

Die europäischen und andere internationale Einrichtungen machen direkt und indirekt 12,9 Prozent der Wirtschaftsaktivitäten und 12,7 Prozent der Gesamtbeschäftigung in der Brüsseler Region aus. Das geht aus einer Studie hervor, die 2007 von der Freien Universität Brüssel im Auftrag der Region Brüssel Hauptstadt durchgeführt wurde.

Da zu diesem Zeitpunkt die Länder Bulgarien und Rumänien gerade erst der EU beigetreten waren, werden diese Anteile inzwischen noch höher eingeschätzt.

Die Diversität der Bevölkerung in der Region Brüssel wird stets größer. Mit der am heutigen Montag veröffentlichten Umfrage wollte die Brüsseler Regierung deshalb herausfinden, welche Erwartungen diese internationale Gemeinschaft hat und wie die Regierung diese Erwartungen erfüllen kann.

Um möglichst viele Informationen über Expats in Brüssel, über ihr Leben und ihre Arbeit zu sammeln, wurde die Umfrage über verschiedene Kanäle verbreitet. 9.000 Personen nahmen anonym an der Umfrage teil. Alle EU-Nationalitäten waren vertreten sowie Nordamerikaner und andere Staatsangehörige. Bei den Fragen konnte zwischen den Sprachen Englisch, Französisch, Niederländisch und Deutsch ausgewählt werden. In den EU-Institutionen hielten die Institutionen selbst ihr Personal dazu an, an der Umfrage des Verbindungesbüros Brüssel‐Europa teilzunehmen.

Wer sind die Expats, die die Umfrage beantwortet haben?

85,8% der Befragten lebt in der Region Brüssel Hauptstadt. Die anderen leben entweder in Flandern (10,7%) oder in Wallonien (3,1%).

92% sind Nicht‐Belgier und die große Mehrheit kommt aus den anderen EU‐Mitgliedsländern.

Die meisten der Expats leben in den Gemeinden, die den EU-Institutionen am nächsten sind, also in Elsene, im Zentrum von Brüssel, Etterbeek, Sint‐Lambrechts‐Woluwe, Schaarbeek und Sint‐Pieters‐Woluwe. Übrigens hat ein erheblicher Anteil der in den EU-Institutionen arbeitenden Personen an der Umfrage teilgenommen.

Expats leben gerne in Brüssel

Die Mehrzahl der Befragten lebt gerne in Brüssel, geht aus der Umfrage hervor. Viele Expats schätzen vor allem die große Auswahl an Kultur und die Gastronomie hierzulande. Auch die Qualität des Gesundheitswesens in Belgien wird bei vielen Expats hoch eingeschätzt.

Immerhin 50,2 Prozent schätzt die vielen Grünflächen der belgischen Hauptstadt. Im Vergleich zu anderen großen europäischen Städten stimmt 49,3 Prozent zu, dass die Lebensqualität in Brüssel besser als woanders ist.

Die Befragten kritisieren übrigens die gleichen Schwachstellen, über die sich auch die Belgier immer wieder aufregen: So findet 77,5 Prozent, dass es in Brüssel dreckig ist. Der gleiche Prozentsatz ist zudem der Meinung, dass die Stadt Brüssel dringend ihr Verkehrsproblem angehen müsse und 67,2 Prozent findet, dass die Armut in dieser Stadt viel zu groß sei. 51,1 Prozent fühlt sich übrigens weniger sicher als in anderen großen europäischen Städten.

Expats nutzen das Kulturprogramm in Brüssel

Die Befragten nehmen auch aktiv am kulturellen Leben der Stadt teil. Theater /Tanz, Museen/Ausstellungen und Konzerte sind dabei die beliebtesten Aktivitäten. Die Befragten unterstützen übrigens auch aktiv verschiedene Vereine und Verbände, zum Beispiel Sportvereine und Freizeitclubs, Kulturvereine und religiöse Organisationen.

Die Mehrzahl der Nicht-Belgier (87,6%) gibt an, belgische Freunde zu haben und die Zahlen nehmen zu, je länger die Personen in Brüssel wohnen. Von denjenigen, die schon über 10 Jahre in Belgien wohnen, sagen nur 6,6%, dass sie keine belgischen Freunde haben.

Auch sehen sich die Ausländer, die hier arbeiten, selbst als umweltfreunlich an. 63% von ihnen geht fast täglich zu Fuß und 11,4% fährt mit dem Fahrrad. Je länger die Expats in Brüssel wohnen, desto eher lassen sie ihr Auto zu Hause stehen.

Expats interessieren sich für unsere Politik

Eine der angenehmen Überraschungen der Studie ist, dass sich viele Expats für unsere Politik auf lokaler und regionaler Ebene interessieren. Das Interesse, auch bei den Regionalwahlen zur Urne gehen zu dürfen, ist besonders groß.

Würde das Wahlrecht bei den Regionalwahlen in Belgien auf EU-Bürger ausgeweitet, wäre 44,4% der Befragten bereit, sich registrieren zu lassen und 38,6% würde zumindest eine Registrierung in Erwägung ziehen. Nur 17,4% reagiert negativ.

49% der Befragten fürchtet jedoch die Wahlpflicht in Belgien, die es in den meisten anderen EU-Mitgliedsländern nicht gibt.

Eine mögliche Feststellung, die die Studie macht und die für unsere Politiker interessant sein könnte, ist übrigens, dass die EU-Bürger innerhalb der internationalen Gemeinschaft offenbar viel eher geneigt sind, sich aktiv für die Lokalpolitik zu interessieren als andere Europäer, die sich während der verschiedenen Immigrationswellen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Brüssel niedergelassen haben.

Je länger die Expats in Belgien sind, desto eher sind sie an der Lokal- und Regionalpolitik sowie an der Politik auf belgischer Ebene interessiert. Trotzdem interessieren sie sich auch immer noch für die Politik ihres Herkunftslandes und natürlich für die internationale Politik.

Immerhin erklärt 87% der Befragten, dass er oder sie sich sehr oder mittelmäßig für die belgische Politik interessiert. 71% will über die Regionalpolitik informiert sein und 67% über die Politik in seiner oder ihrer Stadt. Im Vergleich dazu will noch immer 96% über die Politik seines oder ihres Herkunftslandes bescheid wissen und 98,5% über die europäische und internationale Politik.

BELGA

Ausschüsse für europäische Angelegenheiten einrichten

Die Ergebnisse könnten Belgien dazu ermutigen, das Wahlrecht der Expats auf die Regionalwahlen auszuweiten, heißt es in einem Pressebericht des Verbindungsbüros Brüssel‐Europa. Das Büro rät schließlich, auf der Lokalebene Stadtbeiräte für europäische Angelegenheiten und beratende Ausschüsse innerhalb der Gemeinden einzurichten, wie das einige Gemeinden in Brüssel bereits gemacht haben. So könne man die Bürger mit ausländischer Staatsangehörigkeit besser ins lokale Geschehen mit einbeziehen, heißt es noch.