Belgiens Presse über Merkels Wahltriumph in Deutschland

Die ganze Welt hat am gestrigen Sonntag nach Deutschland geschaut, auch Belgien. Fast alle Zeitungen berichten über den großen Triumph, den Merkel feiern darf. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Christdemokraten haben sehr gut abgeschnitten, die Chancen stehen gut, dass sie vier weitere Jahre im Amt bleibt – mit welchem Koalitionspartner ist jedoch noch ungewiss.
AP2013

Und genau das bereite der Bundeskanzlerin doch große Sorgen, unterstreicht die Zeitung De Tijd. Jean Vanempten fasst zusammen: Der liberale Koalitionspartner falle weg, Merkel werde mit den Sozialdemokraten sprechen müssen und die Verhandlungen versprächen schwierig zu werden. Außerdem gebe es da noch die neue Partei, "Alternative für Deutschland", die immer mehr Proteststimmen einfange. Diese durch und durch euroskeptische Partei sei dabei, Merkel rechts zu überholen, so die Zeitung.

Sorgen oder nicht, Fakt sei doch, dass Angela Merkel einen großen persönlichen Triumph erlebe und das liege an der ruhigen Standfestigkeit des "Mädchens", ist in De Standaard zu lesen. "Vertrauen bleibt die beste Garantie für einen schallenden Sieg. Außer in Bayern, haben die Christdemokraten in letzter Zeit (fast, Red.!) alle Landtagswahlen verloren. Die personalisierte Kampagne der abtretenden Bundeskanzlerin Angela Merkel zerschmetterte gestern jedoch jeglichen Widerstand." Merkel, so die Zeitung, habe sich als die zuverlässige Chefin in einem sehr stürmischen internationalen und wirtschaftlichen Kontext präsentiert. Sie verkörpere Stabilität und Wohlfahrt in einer Zeit voller Herausforderungen und das sei offenbar das, was der Wähler wolle. Merkel habe genau gewusst, wie weit sie gehen könne. Bei der europäischen Schuldenkrise hätten bei ihr deshalb innenpolitische Ziele Vorrang gehabt, ohne dass sie jedoch das europäische Engagement aus den Augen gelassen habe.

Die Zeitung De Morgen ist überzeugt, dass bei den Wahlen Emotionen und Psychologie eine wichtige Rolle gespielt hätten. Die Entscheidung für Merkel sei keine begründete Wahl für ein Programm, sondern eine emotionale für das Vertraute gewesen. Bart Eeckhout sieht darin eine wichtige Lehre für die flämischen Naionalisten N-VA in unserem Land, in dem 2014 gewählt wird. Die N-VA wolle schon wieder eine Staatsreform, also große Veränderungen. Doch was lernten wir aus Deutschland? Das sei vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt für "Veränderung".

Die französischsprachige Zeitung Le Soir analysiert: "Die Partner Deutschlands hatten mit einem Sieg Angela Merkels gerechnet, aber sicher nicht mit einem Triumph. Jetzt muss man das hinnehmen." Sie sei mehr denn je die zentrale Figur der föderalen Politikszene. Die "Chefin" in Deutschland ...und im weiteren Sinne in Europa.

Niemand habe nach der Meinung der anderen Europäer gefragt. Das sei eben die brutale Realität dieser Welt, schreibt Maroun Labaki. Er erklärt, warum für Europa jetzt eine große Koalition das beste sei. Zum einen würde dadurch die deutsche Position, zumindest im Tonfall, modifiziert. Das könnte dazu beitragen, die aufgebauten Spannungen der letzten vier Jahre zwischen dem Norden und dem Süden der Europäischen Union zu reduzieren.

Zum anderen würde eine "große Koalition in Berlin einen Antrieb schaffen, quasi eine Lust zur "großen Koalition" in allen Ecken und in allen Bereichen der EU. "Starke Mehrheiten, um den enormen wirtschaftlichen Herausforderungen zu trotzen? Das ist zweifelsohne keine schlechte Idee. Es ist besser, aus der Wiederbelebung eine kleine Wirklichkeit zu machen als große Worte…"

Die FDP hat die Fünfprozent-Hürde nicht geschafft, für Rot-Grün reicht es nicht. Angela Merkel verpasst knapp die absolute Mehrheit. Ein klassisches Patt.

Bleibt zum Beispiel noch die große Koalition, die ist von den Bürgern offenbar auch gewollt, von den Parteien jedoch gehasst.