Red Star Line Museum: Geschichten zur Geschichte

Die flämische Hafenmetropole Antwerpen ist um eine Attraktion reicher geworden. In der Nähe des erst kürzlich eröffneten Museums am Strom (MAS) wurde jetzt das Auswanderermuseum Red Star Line Museum eröffnet. Das Museum fand seine Heimat in den letzten noch bestehenden Gebäuden der ehemaligen Red Star Line Reederei. Die Besucher erwartet ein Haus voller Geschichten.

Millionen Auswanderer aus ganz Europa suchten Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts ihr Glück in Amerika oder in Kanada, in der so genannten „Neuen Welt“.

Als die Nazis in Deutschland die Macht übernahmen, wanderte noch einmal eine Welle jüdischer Europäer in die USA aus.

Rund 2 Millionen dieser Auswanderer überquerten den „Großen Teich“ zwischen 1873 und 1934 an Bord eines Schiffes der Antwerpener Red Star Line.

An diese Zeit erinnert das jetzt eröffnete Red Star Line Museum im Antwerpener Hafenviertel am so genannten „Eilandje“.

Hier stehen noch einige Hallen der traditionsreichen Reederei und hier fand das Museum sein Zuhause.

Geschichten sind das zentrale Element des Museums

Im Red Star Line Museum stehen die Geschichten der Auswanderer zentral. Deren Geschichten von der Suche nach dem Glück im gelobten Land Amerika und die Hürden, die sie nehmen mussten, um dorthin zu gelangen, werden an diesem symbolischen Ort erzählt.

Fotos, Dokumente, persönliche Gegenstände von Auswanderern und aufgeschriebene oder in Ton und Bild aufgenommene Erzählungen erinnern an einen Teil unserer europäischen Geschichte auf eine ganz besonders eindringliche Art und Weise. In diesem Sinne vermittelt das Museum Geschichte auf interaktive Wege.

Und das Museum hört nicht am Ende der Geschichte der Red Star Line Reederei auf, sondern widmet sich auch dem heutigen Phänomen der Auswanderung, denn Völkerwanderungen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Noch heute suchen die Macher des Museums nach Geschichten und nach Dokumenten, die das Erzählte weiter vervollständigen können. Dabei geht es ihnen nicht nur um Auswanderergeschichten, sondern auch um eine Ergänzung der Dokumentation zur Red Star Line als Reederei.

Die Gebäude sind die wichtigsten Stücke der Kollektion

Unzählige Auswanderer verbrachten in den Gebäuden der Red Star Line am Rijnkaai in Antwerpen wichtige Stunden und Tage, die aber nicht immer leicht verdaulich waren. Hier wurde bestimmt, wer nach Amerika oder nach Kanada auswandern durfte und wer nicht.

Hier wurde entlaust und nach Krankheiten gesucht, denn die US-Einwanderungsbehörden auf Ellis Island vor New York waren streng. Nicht selten brachten auch Ozeanriesen der Red Star Line unglückliche Auswanderer wieder nach Antwerpen, die die Amerikaner nicht reinlassen wollten.

Das führte zu zerbrochenen Familien, zu getrennten Paaren, zu Verzweiflung und zu Angst. Schließlich versuchte auch so mancher politische Flüchtling Europa in Richtung „Neue Welt“ zu verlassen.

Die Gebäude der Reederei sind eigentlich drei Lagerhallen und Stapelhäuser, die die Red Star Line entweder besaß oder die sie für ihre Zwecke gemietet hatte: Ein einfaches Lagerhaus von 1894, das frühere Hauptgebäude von 1922 und ein kurz vor dem Ersten Weltkrieg durch die Stadt Antwerpen errichtetes Lagerhaus, wo der Zoll untergebracht war. Der Komplex an der Ecke Rijnkaai/Montevideostraat kurz vor der stadtnahen Biegung der Schelde ist inzwischen denkmalgeschützt.

Ergänzend dazu baute das renommierte amerikanische Architektenbüro Beyer Blinder Belle Architects and Planners einen Turm dazu, der die schräge Form eines Schornsteins eines Ozeandampfers symbolisiert. Dieser Turm erinnert an den gleichförmigen Turm der Red Star Line an gleicher Stelle, der bis 1936 auf den Standort hinwies und der schon von weit her zu erkennen war. Dieser Turm ist begehbar und bietet, wie auch schon die Aussichtsplattform des benachbarten MAS-Museums, einen tollen Blick über Hafen und Schelde.

Berühmtheiten, die mit der Red Star Line auswanderten

Unter den rund 2 Millionen europäischen Auswanderern, die mit der Red Star Line über den Atlantik fuhren, waren auch mitunter Berühmtheiten bzw. Zeitgenossen, die im Laufe ihres Lebens in Amerika berühmt wurden. Darunter war auch der Komponist Irving Berlin. Albert Einstein fuhr öfter mit der Red Star Line in die USA. Nach der Machtergreifung der Nazis übersiedelte er endgültig dorthin.

Irving Berlin

1893 ging der damals fünf Jahre alte Israel Isidore Baline gemeinsam mit seiner Familie in Antwerpen an Bord des Schiffs „Rijnland“ der Reederei Red Star Line, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Die jüdische Familie hatte damals schon eine weite Reise hinter sich, denn sie stammte aus Sibirien.

„Izzy“, wie der Junge damals in den USA genannt wurde, ist einer der Auswanderer aus Europa, die sich den „American Dream“ erfüllt haben. Unter seinem Künstlernamen Irving Berlin wurde er als Komponist von Gassenhauern, wie ‚White Christmas‘, ‚Puttin‘ on the Ritz‘ oder ‚There’s no Business like Showbusiness‘ weltberühmt.

Keine 20 Jahre nach seiner Überfahrt in der 3. Klasse der Red Star Line spielte das Orchester in den Salons der Schiffe der Antwerpener Red Star Line seine Hits.

120 Jahre, nach dem Irving Berlin als Israel Isidore Baline über Antwerpen ausgewandert ist, kam eines der Pianos, auf denen er seine Lieder komponierte, nach Antwerpen, um als eines der Prunkstücke des zukünftigen Red Star Line Museums ausgestellt zu werden.

Albert Einstein

Der deutsch-jüdische Wissenschaftler Albert Einstein war schon eine weltweit bekannte Persönlichkeit, als er in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gleich mehrmals über Antwerpen an Bord des Red Star Line-Dampfers SS Belgenland in die USA und wieder zurück reiste.

Einstein und seine Gattin Elsa waren beliebt an Bord. Das Schiffspersonal schätzte deren Bescheidenheit und Freundlichkeit. Albert Einstein, der in Berlin lebte und dort an der Preußischen Akademie der Wissenschaften tätig war, reiste gerne über Antwerpen nach Amerika. Mit unserem Land verbanden ihn familiäre Verbindungen - er hatte Familie in Antwerpen - und auch Freundschaften. Einstein war z.B. mit Königin Elisabeth und mit dem Maler James Ensor befreundet.

Doch der weltweit renommierte Wissenschaftler Albert Einstein war Jude und erklärter Gegner Hitlers. Damit wurde es im Dritten Reich für ihn zu gefährlich. Während einer Reise an Bord der SS Belgenland zurück nach Europa vernahm er im März 1933, dass die Nazis all seine Besitztümer beschlagnahmt hatten. Eine Rückkehr war also ausgeschlossen. So blieb er einige Monate lang in Belgien, u.a. in Mortsel bei Antwerpen und im Küstenbadeort De Haan.

Als die Nazis Ende August seinen Freund und Kollegen, den Wissenschaftler Theodor Lessing in der Tschechoslowakei ermordeten, floh Einstein unauffällig nach London und ging in Southampton an Bord des Red Star Line-Dampfers SS Westernland auf eine Reise ohne Rückkehr nach Amerika. Noch an Bord des Schiffes verfasste Albert Einstein auf Briefpapier der Reederei sein Kündigungsschreiben an sein Berliner Institut. Dieser Brief ist im Besitz des Museums und wird dort ausgestellt.

Das Red Star Line Museum

Das Red Star Line Museum wird am kommenden Samstag, den 28. September, dem Publikum geöffnet. In dieser Woche wurden gleich mehrere Eröffnungszeremonien und Pressekonferenzen abgehalten. Nach Presseterminen mit Nachkommen von Irving Berlin am Donnerstag und einer weiteren Zeremonie im Beisein des belgischen Königspaares am Freitag ist das Haus dann endlich offen für das geneigte Publikum.

Montevideostraat 3
2000 Antwerpen
tel. +32 3 298 27 70 (ab dem 28/9)

redstarline@stad.antwerpen.be 

www.redstarline.be