Damals schon Showroom: Das Haus Cauchie in Brüssel

Im Rahmen der Jugendstil- und Art Déco-Biennale werden an den vier Wochenenden im Oktober zahlreiche Themenführungen in Brüssel angeboten zu berühmten Plätzen, aber auch in weniger bekannte Privathäuser, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind. Beim Cauchie Haus unweit des Jubelparks lohnt sich sogar schon die mit einem Stadtführer gemeinsame Betrachtung der Fassade, um mehr über den Jugendstil, den belgischen Architekten und Dekorateur Paul Cauchie und das Haus als Gesamtkunstwerk zu erfahren.

Fast täglich und vor allem bei schönem Wetter fotografieren mindestens eine Handvoll ausländischer Touristen, aber auch Belgier selbst das Cauchie Haus unweit des Jubelparks im Brüsseler Stadtteil Etterbeek gelegen.

Mit seinen großflächigen Verzierungen, Sgraffiti genannt, fällt das 1905 von Paul Cauchie und seiner Frau Caroline Voet erbaute Jugendstil-Wohnhaus sofort ins Auge. Und das sollte es auch, erklärt der belgische Kunsthistoriker und Stadtführer Valentin Thijs (auf dem großen Foto zu sehen) auf Deutsch.

Das Haus des Architekten Cauchie und seiner Frau, einer Künstlerin, diente als Modell des Ehepaares. Im Kellergeschoss, also unten im Atelier, hat sie wahrscheinlich Mal- und Zeichenunterricht gegeben.

Davon zeugt heute noch ein Sgraffito-Schild links vom Eingang mit der Aufschrift „M & MME CAUCHIE, DECORATEURS, COURS PRIVE, D’ART APPLIQUE / PEINTURE / DESSINS /BRODERIE D’ART / APPLICATIONS DIVERSES“ (auf Deutsch: Herr & Frau Cauchie, Dekorateure, Privatkurs, angewandte Kunst / Malerei/ Zeichnen / Kunststickerei / verschiedene Anwendungen).

Dort befand sich auch das „Geschäft“ der beiden mit den verkleinerten Sgraffiti-Entwürfen von Paul Cauchie. „Man muss sich das vorstellen, als würde man heute in ein Tapetengeschäft gehen und sich einen Katalog mit Tapetenmustern ansehen. So konnte man sich damals im Atelier der Cauchies Sgraffiti-Entwürfe aussuchen“, erklärt Thijs und zeigt dabei auf das Sgraffito-Schild rechts neben der Eingangstür, auf dem noch stets „ATELIERS CAUCHIE / INSTALLATIONS MODERNES / TRANSFORMATIONS ORIGINALES D’INTERIEURS ET DE FACADES / DECORATION: PEINTURE / SGRAFFITO: BRODERIE / MEUBLES: TEINTURES“ (auf Deutsch: Atelier Cauchie / Moderne Anlagen / originelle Umgestaltung innen und außen / Dekoration: Malerei / Sgraffito: Stickerei / Möbel: Farben) in goldenen Lettern zu lesen ist.

Paul Cauchie hatte sich in seiner Karriere vor allem auf in Architektur integrierte Sgraffiti spezialisiert. Bei der Sgraffito-Technik, die übrigens schon bei den Römern benutzt und Ende des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde, werden verschiedene Schichten Zement aufgetragen.

Die erste Schicht ist eine Schicht schwarzen Putzes, die zweite hellen Zements. In die obere Schicht wird mit einem Werkzeug oder einem großen Nagel das gewünschte Muster eingraviert. Die Schwierigkeit, so der Kunsthistoriker Thijs, bestehe nun darin, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten, um das Muster „einzukratzen“. „Man muss das machen bevor die Schichten trocken sind, aber zu nass dürfen sie auch nicht mehr sein.“ Die durch die vertieften Linien entstandenen abgegrenzten Flächen können dann farbig gestaltet werden.

„Die Fassade war gleichzeitig Werbung für Herrn Cauchie und darum geht es“, fügt der Flame Thijs mit einem kaum hörbaren niederländischen Akzent hinzu. Alle Figuren habe der 1875 im wallonischen Ath geborene Architekt und Dekorateur selbst entworfen, so auch die Frauengestalten auf der Hauswand.

In der Mitte über dem Eingang und dem Balkon, also auf der Höhe der Bel Etage, ragt als Säule Klio, die den Gesang lobte, heraus. Sie hält die Inschrift „Par NOUS / POUR NOUS“ hoch, was so viel heißt wie „Wir machen das, aber wir machen das für uns, also auch gerne“, erklärt Thijs weiter. Er erzählt von dem Einfluss der Glasgower Schule und insbesondere von Charles Rennie Mackintosh auf Cauchie und vom vielen Einfluss aus dem Japonismus, der auch im Cauchie Haus zu finden sei. Als Beispiel hierfür nennt Thijs die beiden aus Flacheisen und Blech ausgeschnittenen, sich überlagernden Buchstaben M und A auf dem Balkon des oberen Fensters der Fassade.

Thijs fasst zusammen: „Cauchie nutzte die menschliche Form als Ornament sowie Horizontalität und Vertikalität. Er war überdies Gesamtkünstler mit viel Aufmerksamkeit für die dekorative Kunst.“

Eine Mikrowelt der Gesamtkunst

Bis dato habe man in Belgien allein Museen mit Malerei gekannt. Zu dem Zeitpunkt, zu dem Cauchie das Haus in der Frankenstraat 5 baute, änderte sich das jedoch, so der Stadtführer, der auch bei der bevorstehenden Jugendstil- und Art Deco-Biennale, die an diesem Wochenende des 5. und 6. Oktobers beginnt, für Führungen auf Deutsch eingeplant ist.

Das Ehepaar Cauchie habe mit dem Haus versucht, eine Mikrowelt der Gesamtkunst zu schaffen, „deshalb brachte Paul Cauchie mit seinen Sgraffiti auf der Fassade des oberen Stockwerks acht weibliche Figuren, Allegorien der Künste, an.“

Die weibliche Figur oben links mit Farbpalette und Pinsel ist die Malerei, rechts oben, also diejenige, die die Lyra spielt, die Musik. Unten links befinden sich drei Figuren, eine mit Zirkel, eine mit Statuette und eine mit Hammer und Meißel, die man der Bildhauerkunst zuordnen könnte, aber das wisse man nicht so genau, weiß Thijs. Rechts hält die Architektur einen Tempel in der Hand. Auch von der Figur daneben ist eine eindeutige Zuordnung nicht mehr möglich. Die Frau vorne rechts trägt Schmuck, eine Halskette. Sie stehe deshalb für das Kunstgewerbe. Die Sgraffiti, so Thijs noch, seien eindeutig eine Idealisierung, die Aufhebung des Unterschieds zwischen der Malerei einerseits und dem Kunstgewerbe und der dekorativen Kunst sowie der Architektur andererseits.

Die „Gesamtkunst“ würde damit betrachtet, die übrigens nicht nur auf Deutsch, sondern auch in anderen Sprachen wie im Niederländischen und Französischen „Gesamtkunst“ heißt.

Auf die Frage, warum man Paul Cauchie zu Einzelheiten wie der Darstellung seiner Figuren nicht einfach habe befragen können - schließlich sei sein Tod ja noch nicht so lange her (Er starb 1952 in Etterbeek) - antwortet Thijs: „Niemand hat sich dafür interessiert. Die Tochter der Cauchies, Zuzanne, hat die Sgraffiti nicht gemocht und mit Stuck besetzt. Sie wollte das Haus gar abreißen lassen und ein Appartementgebäude dort hinstellen lassen.“ Erst Ende der 70er Jahre habe man den Jugendstil wegen seiner Extravaganz wiederentdeckt. „Zu diesem Zeitpunkt hatte man jedoch noch nicht begriffen, dass Funktionalität und Dekoration oder Ästhetik zusammengehen können.“

Unter Denkmalschutz

1975 wurde das Haus schließlich unter Denkmalschutz gestellt, drohte aber zu verwahrlosen. 1980 kauften es zwei Jugendstilliebhaber, Guy und Léona Dessicy und ließen es renovieren. Im Haus kann man Fotos von vor und nach der Restaurierung sehen. Der Keller und das Atelier sind heute zu einer Galerie umgestaltet mit Malereien von Paul und seiner Frau „Lina“.

Die oberen Stockwerke sind heute offenbar vermietet. Zwei Namensschilder weisen jedenfalls am Eingang des Hauses darauf hin.

Im Erdgeschoss befinden sich teilweise noch die Original-Möbel aus Eiche. Die Räume und das Mobiliar passen perfekt zueinander. Auch einige Innenwände sind mit Sgraffiti verziert. Paul Cauchie habe sein Wohnhaus unter dem Aspekt der Funktionalität konzipiert, die aber erst in den letzten 30 Jahren untersucht worden sei, schließt Thijs das Gespräch.

Eigentlich hätte auch noch ein Rundgang mit den heutigen Besitzern im Haus statt finden sollen, aber sie hätten sich kurzfristig anders entschieden, heißt es bei den Veranstaltern der Jugendstil- und Art Déco-Biennale, „Voir et Dire Bruxelles“.

Die Renovierungsarbeiten hätten 15 Jahre gedauert und die Besitzer des Hauses seien eben damals schon recht alt gewesen und heute entsprechend noch älter, erklärt Thijs die Situation. Doch schon allein die Außenfassade hinterläßt einen großen Eindruck beim Passanten und es besteht ja auch noch am Wochenende des 12. und 13. Oktobers die Möglichkeit, das Haus im Rahmen der Biennale zu besichtigen.

Wer an besagtem Wochenende keine Zeit hat oder die Führung bereits ausgebucht sein sollte, der kann jeweils am ersten Wochenende eines jeden Monats von 10 bis 13 Uhr und von 14.00 bis 16.45 Uhr regulär die Cauchie Räume besuchen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, dort Themenabende zu veranstalten.

Jugendstil-und Art Déco-Biennale

Die Jugendstil-und Art Déco-Biennale findet an den vier Wochenenden im Oktober statt. Besichtigt werden können unter anderem auch Privathäuser, die dem Publikum normalerweise nicht zugänglich sind. Weitere Informationen zur Jugendstil- und Art Déco-Biennale finden Sie unter www.voiretdirebruxelles.be.