Red Star Line: Die Reederei der Auswanderer

Vor zwei Monaten ist in Antwerpen das Red Star Line Museum eröffnet worden. Dieses Museum, das sein Zuhause in den ehemaligen Gebäuden der gleichnamigen Reederei im Hafen gefunden hat, erzählt zum einen die Geschichte eben dieser Schifffahrtsgesellschaft und zum anderen beschäftigt es sich mit dem Thema Auswanderung. Die Kombination zwischen beiden Bereichen bietet einen spannenden Museumsbesuch in einem Haus voller Geschichte und Geschichten.

Die Vorgeschichte

Seit es Menschen auf dieser Erde gibt, gibt es Völkerwanderungen und diese Wanderungen sorgen seit Menschengedenken für Ein- und Auswanderung. Die Menschen suchen ihr Glück nicht immer nur an den Orten, an denen sie zur Welt kamen, sondern sie gehen dahin, wo das Leben besser zu sein scheint. Manche haben dabei das Glück, ein schönes neues Leben beginnen zu können. Viele andere stranden in einem ähnlichen Unglück, wie das, aus dem sie zu fliehen versuchten.

Die Entdeckung der neuen Welt, wie Amerika oft genannt wurde, sorgte für einen riesigen Schub von Völkerwanderung, denn viele aus dem alten Europa wollten dort ihr Glück versuchen. Die Erfindung der Dampfmaschine und die darauf folgende Industrialisierung Europas sorgte in der Folge auch für technische Neuerungen auf Ebene des Transportwesens. Ozeandampfer sorgten dafür, dass die Welt kleiner wurde und als im 19. Jahrhundert in Europa große Hungersnöte für weitreichende Armut und Hoffnungslosigkeit sorgten, wollten viele Menschen weg und machten sich auf den Weg in die neue Welt, nach Amerika.

In vielen Fällen lag die flämische Hafenmetropole Antwerpen auf diesem Weg und hier sorgte die Red Star Line mit ihren Ozeandampfern für ein geeignetes Transportmittel. Antwerpen war damit lange Jahre eine Auswandererstadt, denn hunderttausende Menschen aus ganz Europa kamen hierher, um einen Dampfer in Richtung USA oder Kanada zu besteigen. Diese Geschichte erzählt das Red Star Line Museum auf eine besonders spannende und beeindruckende Art und Weise.

Erstes Ausstellungsstück: Das Gebäude

Wenn man sich auf den Weg aus Richtung MAS (Museum am Strom) zum Red Star Line Museum begibt - beide Institutionen liegen nah beieinander und es lohnt sich, beide zu besuchen - dann kann man auf dem Pflaster aufgeklebten roten Sternen folgen, auf denen die Namen von Menschen oder Familien stehen, die von hier aus nach Amerika ausgewandert sind. Darunter sind auffallend viele deutsche und jüdische Namen.

Am Ende dieser neugierig machenden Wegweiser steht man vor einen wunderschönen mehrteiligen roten Backsteingebäude auf dem in weißen Lettern „Red Star Line“ geschrieben steht. Gekrönt wird das Ganze von einem modernen Aussichtsturm, der in seiner schräg anmutenden Form an den Schornstein eines Ozeandampfers erinnert. Und das ist genau so gewollt!

Im Inneren angekommen, findet man sich in einer großen Halle wieder, in der sich eigentlich seit Jahrzehnten nicht viel verändert hat: Ziegelwände, von denen Farbe abblättert, eine spitze Decke, die von einer schönen altehrwürdigen Holzkonstruktion getragen wird und einige moderne aber erstaunlich gut ins historische Bild passende Treppenelemente, die die Wege durch das Gebäude andeuten. Die Architektur, irgendwo zwischen wunderbarer Konservierung und zeitgemäßer, zeitgenössischer Notwendigkeit, ist gelungen und verspricht einen auch optisch spannenden Besuch.

Begonnen wird der Besuch mit einer klassisch aufgebauten Übersicht über die Geschichte der Migration. Sie beginnt 40.000 vor Christus und endet mit der aktuellen Flucht der Syrer vor dem Bürgerkrieg in ihrem eigenen Land. Schön dabei sind Fotos und Kurzgeschichten von Menschen, die erst jetzt auswandern und von Migranten, die ihr neues Leben in Antwerpen, der Heimatstadt des Museums gefunden haben. Diese Beispiele zeigen, dass die Geschichte der Migration niemals aufhören wird und unendlich bleibt.

Die Red Star Line

Die Red Star Line Reederei bildet den roten Faden durch das Museum. Sie gehörte zu den wichtigsten Schifffahrtslinien, die in der Zeit von Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts Europa mit der neuen Welt verbanden. Die Fahrgäste der Schiffe kamen aus ganz Europa nach Antwerpen, um mit ihnen nach Amerika oder Kanada zu fahren.

Die meisten von ihnen hatten dabei keinen Fahrschein mit Rückfahrt, denn sie wollten dort ihr Glück finden. Andere fuhren sogar regelmäßig mit der Red Star Line hin und her, zum Beispiel Albert Einstein, der zwischen 1920 und 1933, dem Jahr seiner endgültigen Auswanderung aus Deutschland wegen der Machtergreifung der Nazis, mehrmals nach New York und wieder zurück fuhr.

Zur Reederei hat das Museum viel zu bieten: Schiffsmodelle, Werbeplakate in allen Sprachen, Reproduktionen von historischen Fotos und Postkarten, vieles zur technischen Geschichte der Schiffe und als Besonderheit befassen sich einige Bereiche mit dem Komfort der Reisenden und der ihnen zukommenden Dienstleistung sowie mit der Besatzung - vom Kapitän über das Restaurantpersonal bis hin zu den Heizern im Bauch der riesigen Schiffe. Viele Stücke der einst stolzen Reederei blieben erhalten und so manches fand glücklicherweise den Weg in das Antwerpener Museum.

Das Auswandern, die Reise und das Ankommen

Dort, wo sich die Themen Auswanderung und Red Star Line treffen, kommt es zu einigen verwunderlichen Entdeckungen. Überall, in ganz Europa, unterhielt die Reederei Agenturen und Reisebüros, die Tickets für die Überfahrt inklusive Bahnfahrt nach Antwerpen und Übernachtung in verschiedenen Hotels während dieser ersten Phase der Reise verkauften.

Sibirien war dabei und auch Moskau oder Sankt Petersburg. In Deutschland gab es ein ganzes Netz an Red Star Line-Agenturen: Dresden, Leipzig, Breslau, Frankfurt, Trier, Stuttgart, um nur einige Städte zu nennen, aber auch in Hafenstädten, wie Hamburg oder Bremen.

Der letzte Teil des Museums beschäftigt sich mit dem Ankommen der europäischen Auswanderer auf der vor New York gelagerten Insel Ellis Island mit Sicht auf die Freiheitsstatue und mit der Weiterreise in Amerika, zumindest für die, die nicht in New York hängenblieben.

Kontrolle der Identität und der Gesundheit, die anschließende Suche nach Anschluss, Unterkunft und Arbeit sowie letztendlich der Weg durch die USA oder durch Kanada, um eine neue Heimat zu finden. Viele, auch das erzählt das Museum, gingen dorthin, wo bereits Landsleute oder gar Freunde und Verwandte aus der Heimat waren. Das erklärt auch, warum es bis heute überall in der neuen Welt regelrechte Kolonien von Nachkommen von europäischen Auswanderern gibt, was im Red Star Line Museum ebenfalls beschrieben wird.

Ausklang

Am Ende des Museumsbesuchs hat man mehrere Möglichkeiten, den Rundgang ausklingen zu lassen. Man sollte aber eigentlich alle diese Möglichkeiten ins Auge fassen. Am Ende der anfangs betretenen Eingangshalle bietet ein kleines Museumscafé die Möglichkeit, einmal kurz innezuhalten. Oder man steigt in den schornsteinähnlichen Turm und genießt die Aussicht über Hafen, Schelde und Antwerpener Innenstadt.

Oder aber man macht sich auf den Weg zu Fuß durch die Gässchen der Stadt an den vielen alten Stapelhäusern, von denen einige übrigens durch neue Nutzung zugänglich sind, vorbei in Richtung Altstadt. Dort wird man leicht feststellen können, dass Antwerpen eine Stadt der Migranten ist und auch das macht den besonderen Reiz dieser alten flämischen Hafenmetropole aus.

Das Red Star Line Museum

Montevideostraat 3
2000 Antwerpen
tel. +32 3 298 27 70
redstarline@stad.antwerpen.be
www.redstarline.be