Solvay: Der Chemieriese aus Belgien wird 150

Der belgische Industrieriese und Stolz des hiesigen Chemiesektors, Solvay, feiert in diesen Tagen sein 150jähriges Bestehen. Am 26. Dezember 1863, einen Tag nach Weihnachten, riefen die Gebrüder Ernest (Foto) und Alfred Solvay gemeinsam mit einigen Investoren das Unternehmen Solvay & Cie. ins Leben.
BELGA/PAPEGNIES

Ernest Solvay war erst 23 Jahre alt, als er sich das Patent auf eine bestimmte Produktionsweise zur qualitativen Verbesserung von Natriumcarbonat, auch kurz Soda genannt, sicherte.

Während der Industriellen Revolution herrschte für dieses Produkt, das auf Basis von Salz, Ammoniak und Kohlensäure hergestellt wird, eine große Nachfrage. Soda wurde für die Herstellung von Glas, Seife oder Leim und für die Entschwefelung von Eisen in der Metallverarbeitung dringend gebraucht.

Trotz dieser regen Nachfrage dauerte es recht lange, ehe Solvay & Cie. auf festen Beinen stehen konnte. Natriumcarbonat oder Soda (Na2CO3) wurde damals in einer Fabrik in Couillet in der Nähe von Charleroi (Provinz Hennegau) hergestellt, doch die ersten Jahre waren schwierig und ein Konkurs konnte nur knapp vermieden werden.

Erst gegen 1870 konnte man auf den internationalen Märkten Fuß fassen und Solvay konnte in Richtung Europa und USA expandieren.

Soziale Verantwortung

Ernest Solvay war nicht nur ein ideenreicher Industrieller und findiger Chemiker, sondern auch ein Philanthrop. Für ihn war die soziale Verantwortung für seine Arbeiter selbstverständlich. Er ergriff soziale Maßnahmen zu Gunsten seiner Belegschaft lange, bevor die belgische Gesetzgebung so etwas verpflichtete.

Nicht zuletzt aus diesem Grund konnte Solvay & Cie. in der Zeit des Jahrhundertwechsels auf sozialer Ebene in ruhigem Fahrwasser bleiben und sich während der Unruhen der Arbeiterschaft in ganz Europa auf seine Expansion konzentrieren. Um 1990 herum wurde das belgische Unternehmen der weltgrößte Hersteller von Soda und hatte 95 % der gesamten Produktion in Händen. Damit war der erste belgische Multinational schon damals ein Fakt!

Wissenschaft und Kultur

Ernest Solvay hat nie eine Universität besucht, doch er hegte große Liebe für die Wissenschaft. Physik und Chemie waren seine Lieblingsbereiche und aus diesem Grunde war er an der Gründung von einigen entsprechenden Stiftungen und Einrichtungen beteiligt.

Unter seiner Regie entstanden Institute für Physiologie und Soziologie und 1903 rief er die Solvay Business School ins Leben, die heute zu den freien Brüsseler Universitäten VUB (niederländisch-sprachig) und ULB (frankophon) gehören. In der Nähe des Leopold-Parks in der belgischen Hauptstadt entstand auch die mittlerweile weltberühmte Solvay Bibliothek.

Ernest Solvays Sohn Armand rief den Jugendstil- und Art Nouveau-Architekten Victor Horta zu sich und ließ ihn die Familienvilla Hotel Solvay bauen. Dieses Gebäude an der Louizalaan in Brüssel ist inzwischen von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg versammelte die Familie Solvay die renommiertesten Wissenschaftler dieser Zeit zu Kongressen um sich. Darunter waren u.a. Marie Curie, Max Planck, Ernest Rutherford, Niels Bohr und auch Albert Einstein. Unter diesem Einfluss wurde 1912 das heute weltberühmte Institut für Physik und Chemie gegründet, das mittlerweile ebenfalls zur VUB/ULB gehört.

Ganz im Geiste des sozialen Gedankens von Ernest Solvay gründeten Studenten dieses Instituts 1985 die so genannten „Restos du Coeur“, die Restaurants der Herzen, die vor allem im Winter zur Armenspeisung dienen. Dieses Projekt konnte auch nach Frankreich „exportiert“ werden. Der berühmte französische Komiker Coluche, der sich leider das Leben genommen hat, förderte diese Idee in seinem Heimatland.

Zwei Kriege und eine Neuorientierung

Der Erste Weltkrieg fügte der Solvay & Cie. einen schweren schlag zu. Zwar blieben die Fabriken des Konzerns von Kriegsschäden verschont, doch die Werke in Russland waren nach der kommunistischen Revolution verloren. Solvay musste sich neu orientieren, zog sich auch aus den USA zurück und konzentrierte sich auf Europa, wo man nicht nur im Soda-Bereich auf starke Konkurrenz stieß.

Dann kamen die Nazis und der Zweite Weltkrieg und die Gruppe sah sich gezwungen, zweigleisig zu fahren: Ein Bereich arbeitete im besetzten Europa und der andere in der freien Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Solvay & Cie. auch ihre Niederlassung in 17 Ländern in Osteuropa, als die Sowjet Union gegründet wurde und unter den Kommunisten dort alles verstaatlicht wurde.

Jetzt investierte der Konzern wieder in die USA und weitete seine Produktpalette deutlich aus. Jetzt waren Plastik und PVC gefordert, Produkte, die der neue Massenkonsum ab den 1950er Jahren dringend brauchte. Nicht zuletzt richtete sich Solvay auch auf den Pharmabereich aus und begann Medikamente herzustellen.

Die Börse ruft

Seit 1967 ist das Familienunternehmen Solvay auch an der Brüsseler Börse notiert. Die Familienmitglieder gründeten zu diesem Zweck die Holding Solvac, die mit 30 % der Anteile der Hauptaktionär der Solvay & Cie. ist. Der Rest der Aktien gehört dem Management oder ist über den Markt verteilt.

Inzwischen ist der Konzern auch in Asien präsent und nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des Ostblocks erhielt Solvay einige der dortigen Standorte wieder zurück. 2008 stieß der Konzern seine Pharma-Aktivitäten ab und 2011 wurde für 3,4 Mia. € die französische Chemiegruppe Rhodia übernommen, eine Tochter des Konzerns Rhône-Poulenc. Der ehemalige CEO von Rhodia, Jean-Pierre Clarnadieu (Foto) leitet heute Solvay & Cie.

Solvay ist heute in 55 Ländern auf der Welt vertreten und hat einen Jahresumsatz von 12,4 Mia. €. Weltweit beschäftigt die Gruppe über 29.000 Mitarbeiter von denen rund 5.400 im Heimatland Belgien tätig sind.