Verhofstadts Auftritt erweist Ukraine keinen Dienst

Dem Historiker und Slawisten Idesbald Goddeeris (Katholische Universität Löwen) zufolge spiele Europa keine wirklich ehrenhafte Rolle im Konflikt in der Ukraine. "Europa hat unter anderem durch die Aktion von Guy Verhofstadt Öl ins Feuer gegossen. Das Ende ist noch nicht in Sicht", betonte Goddeeris am Samstagmorgen im VRT-Radio.

"Wir spielen uns als Vermittler in dem Konflikt auf. Aber eigentlich haben wir uns in Spannungen eingemischt, die schon lange bestehen. Wir mischen uns jetzt aus anderen Gründen als aus denen purer Demokratie und Freiheit ein. Wenn wir der Ukraine wirklich hätten helfen wollen, dann hätten wir das bereits 2005 bei der Orangenen Revolution tun müssen."

Europa handele aus alten Motiven heraus, so Goddeeris. "Einerseits kommt aus der polnischen Ecke eine anti-russische Haltung, andererseits spielt der neoliberale Faktor eine Rolle."

Goddeeris weist auf die Unruhen hin, die anläßlich des gescheiterten Freihandelsabkommens zwischen der Ukraine und der Europäischen Union entstanden sind. "Ein Abkommen, das vor allem Europa nutzte", so der Historiker noch. "Wir blenden die Ukrainer."

Europa habe Erwartungen geschürt, die es nicht erfüllen könne. "Die Ukraine träumt jetzt von einer Assoziation oder sogar einem EU-Beitritt, aber das kommt derzeit gar nicht in Frage. Wir klagen doch jetzt schon über Bulgaren und Rumänen, also warum sollten wir Ukrainer aufnehmen."

AP2013

"Pervers oder dumm?"

Was der Europaparlamentarier Guy Verhofstadt jetzt gemacht hat mit seinem Vorpreschen und Applaus an die ukrainische Opposition, sei entweder pervers oder dumm, fährt Goddeeris fort. "Die Opposition in der Ukraine ist gespalten. Der ehemalige Boxer Klitschko ist echt kein Demokrat. Sogar die ehemalige Premier Julia Timoschenko ist eine Oligarchin und eine gerissene Geschäftsfrau. Indem wir uns jetzt hinter sie stellen, machen wir einen großen Fehler."

"Verhofstadt wettert im Europaparlament besonders scharf gegen die Faschisten, während er ihnen in Kiew jetzt zujubelt. (Der ukrainischen Opposition werden auch faschistische Strömungen vorgeworfen, Red.!) Das wird Europa bedauern, wir haben Partei bezogen."

Der Historiker fügte auch noch hinzu, dass wir uns in die internen Angelegenheiten von Russland einmischen würden und Putin werde sich nicht gerade dafür bedanken. Er wird nicht akzeptieren, dass die Ukraine in den Einflußbereich Europas gerät.