Rückgabe von Diplomatenarchiv: Politisch heikle Dokumente?

An diesem Mittwoch gibt das belgische Generalstaatsarchiv 17 laufende Meter an diplomatischen Archivalien der Deutschen Botschaft Brüssel aus den Jahren 1914–44 an Deutschland zurück. Das Archivmaterial sei vor allem ein zentraler Bestand für die deutsch-belgischen Beziehungen bis zum Einmarsch der Deutschen, erklärt der Archivar René Rohrkamp in Eupen, der das Inventar ins Deutsche übersetzte.

Der Archivar des belgischen Generalstaatsarchivs, Gerdjan Desmet, hat das Inventar, das alle Akten benennt und strukturiert, angefertigt. Der deutschsprachige René Rohrkamp hat das Inventar samt Einleitung, die die Geschichte und Arbeit der deutschen Botschaft in Belgien und der Konsulate in Antwerpen und Lüttich beschreibt, vom Niederländischen ins Deutsche übersetzt.

Rohrkamp erzählt, dass es sich bei dem Inventar vor allem um Korrespondenzen im Bereich Wirtschaft und kulturelle Angelegenheiten handele. Es ginge dabei unter anderem um Dokumente zum Erwerb und Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft, um Nachlässe und Erbschaften oder Unterhaltszahlungen an Familien, bei denen eine Person in Belgien im Wehrdienst stand. "Man kann sehen, wie die Botschaft bis Kriegsbeginn gearbeitet hat. Danach reißt die Überlieferung weitgehend bis auf Familienunterhaltsregelungen ab."

Die Botschaft wurde umstrukturiert und bis zur Befreiung Belgiens zu einer Dienststelle des Auswärtiges Amtes und die wickelte hauptsächlich Familienunterhaltsfragen ab.

Ein Teil der Akten, vor allem politisch brisante Dossiers, zum Beispiel über politische Parteien und Spionage, wurden bereits 1940 nach Deutschland zurückgesandt. Das war eine Woche vor dem deutschen Einmarsch. In einem Bericht vom November des gleichen Jahres in Berlin stehe, so Rohrkamp, dass der Rest der politischen Akten vernichtet werden sollte.

Das Archivmaterial, das an diesem Mittwoch Deutschland zurückgegeben werde, sei also ein zentraler Bestand für die deutsch-belgischen Beziehungen bis zum Einmarsch der Deutschen, insbesondere auch, was die Wirtschaftsbeziehungen angehe. Sie enthielten aber keine politisch brisanten Dinge, so der Archivar Rohrkamp noch.

Wirklich keine einzige heikle Akte? Während des Telefongesprächs mit René Rohrkamp, fällt dem Archivar dann aber doch noch etwas auf: "Eine Akte über die Rückkehr und aktuelle Situation von im Mai 1940 verhafteten Internierten und nach Frankreich deportierten Deutschen und Belgiern."

"Diese Akte von 1940 behandelt Personen aus dem Zuständigkeitsbereich des Generalkonsulats Antwerpen - es geht auch um Leute aus Gent und Sint-Niklaas und vor allem um Reichsdeutsche und deutschfreundliche Belgier wie REX-, VNV- und VERDINASO-Mitglieder (frühere faschistische Bewegungen in Belgien, Red.!). Die Akte enthält Berichte aus französischen Lagern und einige Listen der Deportierten."

Eine symbolische Übergabe

Die Dokumente, Bücher, Fotos und auch Propagandamaterial sowie Karten und Pläne von Gebäuden waren damals in der Deutschen Botschaft in Brüssel, im Generalkonsulat in Antwerpen und im Konsulat in Lüttich angefertigt worden. Das deutsche diplomatische Personal hatte die Unterlagen zurückgelassen, als es Ende August 1944 - einige Tage vor der Befreiung von Brüssel - die Anordnung bekam, Belgien zu verlassen. Kurz nach dem 2. Weltkrieg wurden die Unterlagen in rund 100 Kartons zunächst von dort in das belgische Kriegsarchiv Anderlecht überführt.

1953 wurden sie dann in das belgische Generalstaatsarchiv in Brüssel gebracht. Das hat die Bestände ab den 60er Jahren mit einem Inventar versehen und später teilweise digitalisiert, so dass sie bald auch elektronisch im Lesesaal des Generalstaatsarchivs in Brüssel konsultiert werden können.

Während der gesamten Zeit blieb Deutschland übrignes der rechtmäßige Besitzer dieser Dokumente.

Eine einzelne symbolische Akte aus dem 100 Kartons umfassenden Material wird an diesem Mittwoch feierlich dem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Königreich Belgien, Dr. Eckart Cuntz, in dessen Residenz übergeben.

Endbestimmung der gesamten Akten ist das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin.