Liberaler Peter Pan, Grünes Duo oder griechischer Che Guevara?

Die Spitzenkandidaten für den Posten des EU-Kommissionspräsidenten stehen schon seit einiger Zeit fest. Mehrere Namen und Gesichter treten in den Vordergrund. Zwei, Jean Claude Juncker und Martin Schulz haben wir im Teil I vorgestellt. Lesen Sie hier eine Zusammenfassungen über die Kandidaten Guy Verhofstadt (für die Liberalen), Ska Keller und José Bové (für die Grünen) sowie Alexis Tsipras (für die Linken).

Guy Verhofstadt: Der Peter Pan der Belgier

Obwohl er selbst auf einer Konferenz zur Euro Reform im Europaparlament Ende Januar in Brüssel seine Chancen, tatsächlich Kommissionspräsident zu werden, als äußerst gering einschätzte - seine ALDE ist nur drittgrößte Fraktion im Europaparlament - ist Belgiens ehemaliger Premier und heute Vorsitzender der liberalen Fraktion im EP, Guy Verhofstadt, mit Kampfesgeist in den Ring gestiegen. Sogar gedroht hat der Flame, seine Fraktion wolle es nicht hinnehmen, dass er nicht zum Duell mit seinen gegnerischen Kandidaten, Jean-Claude Juncker und Martin Schulz, im deutschen Fernsehen eingeladen worden sei.

Die Belgier, die ihn noch aus Premier-Zeiten kennen, mögen ihn, denn in unserem Land ist er mit Abstand der beliebteste Spitzenkandidat für das Amt des Kommissionspräsidenten. Das geht aus dem jüngsten Wahl-O-Mat des französischsprachigen öffentlich-rechtlichen Fernsehens und der französischsprachigen Zeitung La Libre Belgique vom 25. April hervor. 33 Prozent der Befragten hätte Verhofstadt gerne als neuen Kommissionspräsidenten. Hierzulande liegen Jean-Claude Juncker (für die Christdemokraten) und Martin Schulz (für die Sozialisten), die in den Medien immer wieder als chancenreiche Kandidaten gepriesen werden, mit respektive 10 und 6 Prozent weit zurück. Trotz der guten Ergebnisse für Verhofstadt ist jedoch 42 Prozent noch unschlüssig darüber, wer Kommissionsvorsitzender werden soll.

Verhofstadt verkörpert einen sozialeren Kurs als ein anderes bekanntes Gesicht der Partei, als der Finne Olli Rehn. So ist Verhofstadt inzwischen nach Polen gereist, um dort die Kampagne von Europaplus zu unterstützen, ein Kartell aus Liberalen und Sozialdemokraten. Es sei die erste pro-europäische Liste – "eine pro-europäische Liste gegen all die Nationalisten, Populisten und euroskeptischen Parteien, die wir überall sehen", sagte Verhofstadt in Polen.

Der 61-Jährige ist ein ausgesprochener Verfechter des Föderalismus, er träumt von den "Vereinigten Staaten von Europa" und will radikale Reformen, damit die Union funktionieren kann. Sein föderalistisches Europa kommt für viele jedoch offenbar zu früh. So manchem Staats- und Regierunschef in der EU scheint er gar zu "proeuropäisch" zu sein. Doch diese Vorhaltung, konterte Verhofstadt in einem Interview mit flanderninfo.be Anfang April dieses Jahres, sei unsinnig: "Das ist so, als würden Sie einen Papst wählen und sagen, aber wir werden doch sicher keinen Katholiken nehmen. Sie müssen doch, um eine gute europäische Politik zu haben, jemanden wählen, der an Europa glaubt!"

Der Peter Pan der Belgier war in der letzten Legislatur sehr aktiv als Europaparlamentarier, meldete sich im Plenarsaal immer wieder zu Wort. Seinen Spitznamen hat er übrigens noch zu Premier-Zeiten von seinem jahrelangen Berater erhalten, denn Verhofstadt hat einen ausgesprochen starken Willen und bekommt meistens, was er will. So setzte er sich gegen Olli Rehn durch, der zwar neben Verhofstadt für die europäischen Liberalen ebenfalls an der Spitze in die Europawahlen Ende Mai zieht, doch hat ihm der Finne den Vortritt bei der Bewerbung um die Nachfolge von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso gelassen.

2004 hat der mit einem gesunden Humor ausgestattete Verhofstadt allerdings nicht bekommen, was er wollte: Damals hatten die Briten bereits ein Veto gegen seinen Wunsch, Kommissionspräsident zu werden, eingelegt. Verhofstadt wäre jedoch nicht Verhofstadt, würde er es nicht noch einmal versuchen. Und falls es wieder nicht klappen sollte, bleibt ihm ja vielleicht noch die Möglichkeit, Präsident des Europaparlaments zu werden.

Ska Keller und José Bové: Andere Ideen

Die Grünen schicken gleich zwei Personen als Spitzenkandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten in den Europawahlkampf: Die Deutsche Franziska (Ska) Keller (32), die mit Abstand die jüngste Kandidatin für dieses Amt ist und José Bové (60), ein Bauer aus Frankreich.

Die Grünen haben ihre Spitzenkandidaten über Online-Abstimmung bestimmt. Ska und José bekamen die weitaus meisten Stimmen (respektive 11.791 und 11.726) bei diesem digitalen Experiment, wie es die Grünen selbst nannten. Die Beteiligung insgesamt war jedoch enttäuschend.

Sie steht für ein solidarisches Europa und eine humane Flüchtlingspolitik, er ist ein hartnäckiger Lobbykritiker (zum Beispiel Auto- oder Tabaklobby) sowie Umwelt- und Verbraucherschützer. Seit 2009 ist er Europaabgeordneter und er gedenkt, Daniel Cohn-Bendit abzulösen, der sich nach vier Mandaten vom Europäischen Parlament verabschiedet.

Die Chancen für Bové, tatsächlich Kommissionspräsident zu werden, werden im Allgemeinen als gegen Null tendierend eingeschätzt. Auch Kellers Chancen auf den Posten sind eher unwahrscheinlich.

Keller, die mit einem finnischen Aktivisten der Grünen verheiratet ist, Markus Drake, bringt jedoch die dringend nötige Vielfalt, Jugend und andere Ideen in die Wahlkampfarena mit. Das Tandem, das für die Grünen in den Europawahlkampf gezogen ist, zielt auch eigentlich weniger auf den Posten des Kommissionspräsidenten ab, als vielmehr auf einen starken Einfluss bei der Wahl des Präsidenten.

Alexis Tsipras: Der griechische Che Guevara

Auch dem Griechen Alexis Tsipras werden wenig Chancen auf das Amt des Kommissionspräsidenten eingeräumt. Der 1974 in Athen geborene Tsipras steht für den Kampf gegen die Kommission von Brüssel, gegen die Europäische Zentralbank und gegen den Internationalen Währungsfonds.

Die strengen Sparpläne, die Griechenland auferlegt wurden, haben das Bündnis der radikalen Syriza zu einer politischen Stärke des Landes werden lassen. Ihr Chef Tsipras hat sich zum Sprachrohr der linken Gegner dieser Sparpolitik gemacht. Feindbild Nummer eins für Tsipras ist das Europa der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Ende letzten Jahres wurde Tsipras zum Spitzenkandidaten der Europäischen Linken (EL) gewählt, einem Zusammenschluss von linken und kommunistischen Parteien aus über 20 Ländern. Tsipras, der in den deutschen Medien auch schon ‘Mal als Griechenlands Che Guevara umschrieben wird, will die EU, wie er in einem Interview mit AFP sagte, auf ein neues Fundament stellen und plant nach den Europawahlen eine politische Front gegen die deutsche Bundesregierung.