Blog - Juncker versus Schulz: It's show time!

Erinnern Sie sich noch? Bislang wurde das Fehlen einer "europäischen Öffentlichkeit" für das wachsende Desinteresse und die stetig sinkende Wahlbeteiligung an den Europawahlen verantwortlich gemacht. Nun, wo jede Parteienfamilie einen europaweiten Spitzenkandidaten aufgestellt hat, soll das ganz anders werden. Eine massenmedial hergestellte Öffentlichkeit soll die abgegrenzten (Sprach-)Räume in Europa überwinden und miteinander verbinden. Bis zum 25. Mai müssen deshalb der deutsche Sozialdemokrat Martin Schulz und Jean-Claude Juncker, der langjährige Mister Euro aus Luxemburg, immer wieder zum Showdown antreten.

Das erste "TV-Duell" der beiden in deutscher Sprache strahlten ZDF und ORF am Vorabend des Schuman-Tages zur besten Sendezeit gemeinsam aus. Im Café Maxburg im Brüsseler Europaviertel fanden sich Deutschsprachige zum "Public Viewing" ein. Das Etablissement in der Rue Stevin verfügt über zwei Tische. An einem, direkt unter dem Riesenbildschirm, reckten Mitglieder der Brüsseler Jungen Union die Hälse und hoben Papierschilder für Jean-Claude Juncker hoch. Am anderen hatten ein paar Jusos ihre Tablets aufgeklappt. Im Niemandsland dazwischen genossen Beobachter aus der Lobbyistenszene und der Diplomatie ihren privilegierten Zugang zur Theke.

Es herrschte drangvolle Enge. Ein Kameramann des ZDF flüchtete alsbald wieder auf die Straße, um durchs Fenster hineinzufilmen: Wie würde der Bürger auf den Schlagabtausch der Spitzenkandidaten reagieren? Wer würde rhetorisch die Nase vorn haben, Juncker oder Schulz? Die Zuschauer aus den Jugendorganisationen ließen jedenfalls den guten Willen erkennen, ihren Kandidaten über Twitter und auch real zu unterstützen. Auftritt Juncker. Beifall aus der einen Ecke. Auftritt Schulz. Beifall aus der anderen.

Gurken und Chlorhühnchen

Aber ganz so einfach ist eine Politisierung der Europawahl halt doch nicht zu erreichen. Nach wie vor sind die Strukturen in Europa anders als auf der nationalen Ebene. Die Sachverhalte sind komplex. Und die Grenzen verlaufen eher zwischen Informierten und Nichtinformierten als zwischen den großen Parteien. Wenn die Einspielungen zum TV-Duell gekrümmte Gurken oder Chlorhühnchen zeigten, stöhnte das Publikum in der Maxburg unisono auf. Auch zwischen den beiden Spitzenkandidaten waren beim Euro oder möglichen Wirtschaftssanktionen wegen Russlands Haltung in der Ukrainefrage große Unterschiede nicht erkennbar. Einen ähnlichen Eindruck hatte ein deutscher Student an der Universität Löwen von der ersten Diskussion der Spitzenkandidaten in Maastricht am 28. April 2014 gewonnen, erzählte er im Café Maxburg.

Große Einigkeit demonstrierten beide außerdem in der Beurteilung ihrer Aussichten auf das Spitzenamt des Kommissionspräsidenten. "Wer SPD wählt, kriegt Schulz. Wer CDU wählt, kriegt nicht Merkel, sondern Juncker," sagte Schulz, "wer das nicht akzeptiert, verübt einen Anschlag auf die Demokratie." Und Jean-Claude Juncker fügte ernst, aber moderater hinzu: "Wenn die Staats- und Regierungschefs sich nicht daran halten, dann eröffnen sie eine Phase interinstitutioneller Konflikte. Und das ist das letzte, was wir in Europa brauchen." Dumm nur, dass im EU-Vertrag lediglich steht, der Europäische Rat werde die Ergebnisse der Europawahlen "berücksichtigen". Nicht aber in welcher Form. Und das ist das eigentliche Politikum bei diesen Wahlen: Der Rat könnte sich über das Bürgervotum hinwegsetzen. Der Schaden für das Ansehen des Parlaments wäre immens.

Bei den wenigen inhaltlichen Hakeleien wirkte Martin Schulz deutlich angriffslustiger als sein Kontrahent und verstieg sich beim Thema Türkeibeitritt sogar zur Behauptung, Angela Merkel hätte den Beginn der Beitrittsverhandlungen zu verantworten, nicht Gerhard Schröder. "Die Auseinandersetzung wirkt gekünstelt," schrieb tags darauf die FAZ. "Den Status eines Beitrittskandidaten hat die Türkei seit dem Gipfel in Helsinki 1999; damals nahm Schröder teil, aber ebenso Juncker als belgischer Regierungschef." Belgischer Regierungschef?

Nun ja. So ist das halt derzeit noch mit der europäischen Öffentlichkeit.

Sehen Sie hier noch einmal das TV-Duell vom 8. Mai 2014 in der ZDF-Mediathek:

Wer ist Renate Kohl-Wachter?

Renate Kohl-Wachter begann ihre berufliche Karriere bei der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ und begann 1990 als freie Journalistin in Brüssel. Sie ist anderem Vorstandsmitglied von www.belgieninfo.net, einer deutschsprachigen Website und war Chefredakteurin des „Belgieninfo Magazins“ für Neuankömmlinge.