"Reiseziel Front", Belgiens Bahn im Großen Krieg

Zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, der in Belgien besonders hart zugeschlagen hat, erscheinen in diesen Tagen zahllose Bücher und Nachschlagewerke. Einige davon widmen sich Themen, die nicht unbedingt auf der Hand liegen, die jedoch Bereiche behandeln, die in Kriegszeiten sowohl für das Militär, als auch für die Zivilbevölkerung eminent wichtig waren: Die Eisenbahn zum Beispiel.

Der Lannoo-Verlag aus Tielt bei Gent brachte in Zusammenarbeit mit der belgischen Bahngesellschaft NMBS/SNCB und dem Eisenbahnmuseum „Train World“, das im Mai 2015 eröffnet werden soll, ein Buch zur Geschichte der Eisenbahn in unserem Land während des Ersten Weltkriegs heraus. Vier Historiker und Eisenbahnfachleute widmen sich diesem Thema in dem Buch “Reiseziel Front, Belgiens Eisenbahnen im Großen Krieg“, das sowohl in niederländischer, als auch in französischer Sprache (Editions Racine) erschienen ist.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Krieges spielten die Eisenbahnen zwischen 1914 und 1918 eine wichtige Rolle, wenn nicht sogar eine Art Hauptrolle. Die Schiene war das wichtigste Transportmittel, um Truppen in großer Zahl an die Front zu bringen und um die Front mit Nachschub zu versorgen. In der Rückbewegung brachten die Züge Verletzte ins Hinterland der Front oder zurück in die Heimat bzw. Soldaten in den verdienten Heimaturlaub.

Bei ihrer Erfindung im 19. Jahrhundert wurde die Bahn als das Instrument gefeiert, dass die Völker zusammenrücken lassen sollte. Mit ihr sollte Frieden entstehen und Gesellschaft und Wirtschaft sollten mit ihr modernisiert werden. Doch letztendlich wurde diese Modernität zweckentfremdet, um die Menschen zu entzweien…

Zunächst nutzten die belgischen Truppen die Bahn im eigenen Land als wichtiges Hilfsmittel im Kampf gegen die deutschen Aggressoren. Mit ihr konnte die Mobilisierung rascher verlaufen. Später wussten die Deutschen das damals bereits rund 4.300 km große Gleisnetz in Belgien zu nutzen - auch wenn das belgische Militär während der Rückzüge Infrastruktur, wie z.B. Brücken, zerstörten. Die Deutschen bauten hier sogar mit Hilfe von z.B. russischen Kriegsgefangenen teilweise bis heute wichtige Bahnstrecken.

Vier Autoren

Das Buch „Reiseziel Front“ beschreibt mit vielen geschichtlichen Fakten, aber auch über einzelne, aber dennoch prägende Ereignisse, wie dieser Krieg entlang, mit oder gegen die Bahn in Belgien verlaufen ist. Die vier Autoren - Paul Van Heesvelde, Michelangelo van Meerten, Paul Pastiels und Bart Van der Herten - profitieren in diesem Buch auch von der Tatsache, dass nie zuvor ein Krieg in einem derartigen Umfang fotografisch festgehalten werden konnte. Ergänzt wird das Buch übrigens von einer ganzen Reihe hervorragend fotografierter Bilder des Fotografen Philippe Debeerst, der die noch zu sehenden Spuren des Großen Krieges entlang auch teilweise längst vergessener Bahnstrecken für dieses Werk aufgenommen hat.

Geschichten in Bildern und Worten

In gleich drei Fotos wird die Geschichte einer Lokomotive erzählt. Die Maschine 122 der damaligen Westflämischen Eisenbahngesellschaft blieb während des gesamten Krieges in Kaaskerke bei Diksmuide auf der Brücke über die Ijzer stehen. Sie wurde von den belgischen und später von den Alliierten als Observierungs-Stellung genutzt und war damit vier Jahre lang das Ziel von vielen Geschossen.

Das erste Bild eingangs des Buches zeigt die intakte Lok, später taucht sie zerschossen ein weiteres Mal auf und am Ende (des Krieges und des Buches) kann man die Trümmer der Maschine und der Brücke, auf der sie steht, kaum noch erkennen. Auffallend ist dabei der unterschiedlich hohe Wasserstand der Ijzer. Die belgischen Truppen hatten die Ijzer-Schleusen geöffnet, um Teile der Westhoek in Westflandern zu fluten und für die deutschen Besatzungstruppen unbrauchbar zu machen…

Weitere Bilder und Geschichten, die in diesem Buch auftauchen und beschrieben werden, betreffen z.B. eine belgische Militärkapelle - wahrscheinlich Grenadiere, die zu ihren Auftritten hinter der Front mit der Bahn fuhr. Das Buch zeigt auch Bilder und erzählt die Geschichte der ersten gepanzerten Züge des Krieges. Mit Eisenplatten gesicherte Lokomotiven zogen damals schon Waggons mit schwerer Artillerie zu ihren Einsatzabschnitten.

Auch dies zeigt das Buch, genau so, wie die Geschichte des von belgischen Eisenbahnsoldaten herbeigeführten Zugzusammenstoßes von Boortmeerbeek südöstlich von Mechelen. Beim Rückzug der Belgier im August 1914 ließen sie zwei Züge, die jeweils von zwei unbemannten Lokomotiven der damaligen Baureihe 30 gezogen wurden, aufeinander krachen, um die Bahnlinie 35 zwischen Löwen und Gent-Sint-Pieters über Mechelen für den Feind unbrauchbar zu machen.

Wenn der Fahrplan zur Nachricht wird...

Das Buch erinnert auch daran, dass die Eisenbahn am Anfang des Kriegen 1914 zehntausende Flüchtlinge, die vor dem Beschuss ihrer Ortschaften und vor den deutschen Besatzern flohen, in Sicherheit brachte. Interessant ist auch die Tatsache, dass die Eisenbahner einen Weg fanden, der Bevölkerung wichtige Nachrichten zukommen zu lassen.

Da die Zeitungen in den besetzten Gebieten von den Deutschen zu Propagandazwecken genutzt wurden, konnte man daraus keine tatsächlichen Nachrichten entnehmen. So beinhalteten Fahrplanauskünfte per Aushang oder über Lautsprecher leicht zu entschlüsselnde Meldungen zum Frontverlauf: „Der Zug nach Mechelen fällt heute aus“ bedeutete zum Beispiel, dass diese Stadt gefallen war…

Nicht zuletzt kommen die vielen kleinen Feldbahnen vor, die die Soldaten aller Armeen, die in Belgien, z.B. an der Westfront, bauten und immer wieder neu verlegen mussten. Eine Aufnahme zeigt zwei belgische Soldaten in vollem Ornat, die ein kleines Feldbahnwägelchen mit Milchkannen für ihre Kameraden an die Front bringen…

Wertvolle persönliche Erlebnisse

Die vier Autoren nutzten neben den gebräuchlichen Eisenbahn- und Geschichtsarchiven für das Buch „Reiseziel Front“ auch viele persönliche Geschichten von Menschen, die während des Ersten Weltkriegs unmittelbar mit der Eisenbahn zu tun hatten. Sie hatten Einblick in persönliche Tagebücher von Eisenbahnern, deren Angehörigen oder Soldaten und konnten auch Postkarten konsultieren, die die Männer an oder hinter der Front nach Hause schickten. So konnten die ein Bild eines Bereichs des Krieges zeichnen, wie es in Belgien bisher noch nicht vorgekommen ist.

Das Buch endet nicht mit dem Ende des Großen Krieges, sondern widmet sich danach auch der Eisenbahn als wichtiges Werkzeug für den Wiederaufbau. Die letzten Kapitel beschäftigen sich mit den Lokomotiven und Waggons, die Belgien von Deutschland als Reparationsleistung erhielten und mit den belgischen Soldaten, die gemeinsam mit den Franzosen das Ruhrgebiet und das rechte Rheinufer besetzten. Ende Juni 1923 kamen 12 belgische Soldaten bei einem Anschlag auf einen Urlauberzug ums Leben, den deutsche Nationalisten damals in Duisburg-Hochfeld verübt hatten. Auch dieses Nachwehen des Großen Krieges beleuchtet das Buch in Wort und Bild.

Das Buch:

„Reiseziel Front, Belgiens Eisenbahnen im Großen Krieg“

Erschienen in Niederländisch unter dem Titel „Bestemming front, Spoorwegen in België tijdens de Grote Oorlog” von Paul Van Heesvelde, Michelangelo van Meerten, Paul Pastiels, Bart van der Herten mit Fotos von Philippe Debeerst. Uitgeverij Lannoo, Bestellnummer EAN 9789401412698

In Französisch wird das Buch bei den Editions Racine (Brüssel) unter dem Titel „Destination front, Les chemins de fer en Belgique pendant la Grande Guerre“ vertrieben, Bestellnummer EAN 9789401412704