Ist Antisemitismus in der Gesellschaft verankert?

Es mag 25 Jahre her sein, dass es in Belgien zum letzten Mal zu einem Anschlag gegen Juden gekommen ist. Doch das tödliche Attentat auf Besucher und Mitarbeiter des Jüdischen Museums in Brüssel am vergangenen Samstag hat gezeigt, dass dieses Thema noch stets akut ist.

Jozef De Witte (kleines Foto), der Vorsitzende des belgischen Zentrums für Chancengleichheit und gegen Rassismus, eine Einrichtung des belgischen Föderalstaats, sagte gegenüber der flämischen Tageszeitung dazu:

„Hassbotschaften im Internet und Sprüche von Politikern, wie Laurent Louis, schaffen ein Klima, in dem Täter glauben, dass ihre antisemitischen Straftaten mit Applaus belohnt werden.“ Der rechtspopulistische Politiker Laurent Louis lässt kaum eine Gelegenheit im belgischen Bundesparlament aus, um über Juden in Belgien herzuziehen. Erst kürzlich scheiterte er mit dem Versuch, in Brüssel einen antisemitischen Kongress abzuhalten, auf dem u.a. Negationisten, also Holocaust-Leugner, sprechen sollten.

Bis zum vergangenen Samstag, als ein Attentäter mit einer Kalaschnikow im Jüdischen Museum in Brüssel drei Personen tötete und eine weitere schwer verletzte, war es 25 Jahre her, seit ein Jude in Belgien wegen seiner Religion umgebracht wurde.

Im Oktober 1989 wurde der jüdische Arzt Joseph Wibran, der damalige Vorsitzende des Komites der jüdischen Organisationen in Belgien, vor dem Krankenhaus, in dem er arbeitete, erschossen. Dass seitdem derartiges in unserem Land nicht mehr passiert ist - bis zum vergangenen Samstag - bedeutet für Jozef De Witte nicht, dass damit der Antisemitismus in Belgien ausgestorben ist.

Sein Zentrum für Chancengleichheit und gegen Rassismus registrierte alleine im Jahr 2013 85 Meldungen zu Antisemitismus oder Negationismus. Jeder vierte Fall betraf Hasstiraden im Internet, doch am häufigsten kommen Beleidigungen und verbale Aggressivität gegen Juden vor.

Und auch in Belgien werden leider noch immer Synagogen, jüdische Schulen oder Kulturzentren und Gräber von Juden auf den Friedhöfen mit Hakenkreuzen beschmiert. Die zahl solcher Straftaten geht zwar nicht zurück, doch sie steigt auch nicht unbedingt. Allerdings schnellen die Zahlen bei bestimmten Vorkommnissen in Gazastreifen und in den Palästinensergebieten offenbar immer wieder sprunghaft nach oben.