Jüdische Gemeinschaft in Belgien: Europas Juden müssen mit Anschlägen rechnen

Einen Monat nach dem Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel hat der Chef der jüdischen Gemeinschaft in Belgien die Juden in Europa gewarnt, dass sie mit weiteren Anschlägen rechnen müssten. In einem Artikel auf der Webseite der israelischen Tageszeitung Haaretz vom 3. Juli sagte er auch, dass die Zahl der Juden, die Belgien verlassen würden, vernachlässigend gering sei.

"Ich denke, dass heute alle jüdischen Gemeinschaften in der Welt auf so einen Anschlag vorbereitet sein sollten", sagte Dr. Maurice Sosnowski, der Chef der 40.000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinschaft in einem Interview mit Haaretz. “Was ich von allen möglichen Fachleuten auf dem Gebiet Terrorismus gehört habe, ist, dass diese Art von Vorkommnissen wahrscheinlich in den nächsten beiden Jahren fünf Mal in Europa passieren wird. Das heißt, dass jeder vorbereitet sein sollte."

Bei dem Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel am 24. Mai waren ein israelisches Touristenpaar und eine Französin getötet worden, ein belgischer Angestellter erlag Anfang Juni seinen schweren Verletzungen. Der mutmaßliche Täter, ein Franzose algerischer Herkunft, der in Verbindung zu islamischen radikalen Gruppen stehen soll und mit dem Anschlag in Verbindung gebracht wird, sitzt inzwischen in Frankreich im Gefängnis.

Sosnowski, ein Professor der Medizin an der Freien Universität in Brüssel ist gleichzeitig Vizepräsident des jüdischen Europakongresses. Er hat nach dem Anschlag in Brüssel vom Staat verstärkte Sicherheitsmaßnahmen gefordert. In erster Linie gehe es ihm um finanzielle Unterstützung für die Sicherheit der jüdischen Gemeinde. Es handelt sich dabei um die Erhöhung der Sicherheitsvorkehrungen in 50 Gebäuden in Antwerpen und weiteren 30 in Brüssel, also den beiden Hauptzentren der örtlichen jüdischen Gemeinschaft. 

“Sie versuchen derzeit herzuszufinden, wie hoch die Kosten ausfallen”, so Sosnowski. 

Obwohl in den letzten Monaten immer mehr belgische Juden nach Israel immigriert seien, sei ihre absolute Zahl jedoch zu vernachlässigen, so Sosnowski auch noch. “Wenn sie von einer Zunahme von 30 Prozent sprechen, klingt das viel, bis man sich bewusst wird, dass das 30 Prozent von 100 sind, was echt wenig ist."

Diese Zunahme sei auch nicht unbedingt auf eine Zunahme des Antisemitismus zurückzuführen oder auf den Anschlag im letzten Monat, sondern eher auf die Wirtschaftsdepression.

Maurice Sosnowski sagte schließlich noch, dass er die belgischen Juden nicht ermutigen wolle, ihre Koffer zu packen und nach Israel umzuziehen. Auf die Frage, ob er glaube, dass Juden in Europa eine Zukunft hätten, sagte er: “Wenn es keine Zukunft für die Juden in Europa gibt, gibt es auch keine Zukunft für demokratische Gesellschaften in Europa. Diese Frage betrifft nicht nur die Zukunft der Juden, sodern die Zukunft aller Gesellschaften überall.”