Ultimatum: Einmarsch 1914 ohne Kriegserklärung

Nach den tödlichen Schüssen auf den österreichischen Thronfolger Franz-Ferdinand in Sarajewo am 28. Juni 1914 deutete sich der Beginn eines Krieges in Europa bereits an. Das Säbelrasseln zwischen dem Deutschen Kaiserreich auf der einen und Frankreich und England auf der anderen Seite war unüberhörbar. Die Sache hatte nur einen Schönheitsfehler: Belgien. Das neutrale Belgien lag auf dem Weg zum Sieg gegen Frankreich.

Das noch junge Königreich Belgien hatte seit 1839 einen durch internationale Abkommen garantierten neutralen Status. Auch die Deutschen wussten dies, scherten sich jedoch offenbar seit Aufstellung des Schlieffen-Plans zur Niederschlagung Frankreichs wenig darum, bei einem Einmarsch in das kleine Nachbarland das Völkerrecht zu verletzen. Ganz im Gegenteil: Für Formsachen, wie eine Kriegserklärung, blieb keine Zeit. Dafür stellte man Belgien am 2. August per Telegramm ein Ultimatum: Entweder man gestatte den deutschen Truppen den Durchmarsch in Richtung Frankreich oder man sei „dazu gezwungen, das Königreich als Feind zu betrachten.“

Das Deutsche Reich erwartete eine Antwort bis spätestens am 3. August, um 7 Uhr morgens. Das belgische Regierungskabinett und der herbeigerufene Kronrat tagten die ganze Nacht und folgte dem Mut von König Albert I. (Foto), der nicht nachgeben wollte.

Innerhalb von nur drei Stunden war klar, dass das kleine Belgien Wiederstand leisten würde, auch wenn das Land dabei aufgerieben würde.

Die Ablehnung der deutschen Durchmarschpläne wurde pünktlich dem deutschen Botschafter in Brüssel, Claus von Below-Saleske, überstellt, der es mit dem Auto nach Aachen, ins Union-Hotel brachte, wo es General Otto von Emmrich bereits erwartete.

Das formelle Ablehnen des deutschen Vorhabens war durch eine persönliche Note des belgischen Königs an den deutschen Kaiser ergänzt. Darin heißt es: „Die freundschaftlichen Gefühle, die ich E.M. gegenüber zum Ausdruck gebracht habe und deren sie mich häufig versichert haben, ließen mich nicht einen Augenblick vermuten, dass E.M. uns zu der grausamen Entscheidung zwingen würden, im Angesicht Europas zwischen Krieg und Ehrlosigkeit, zwischen Vertragstreue und Missachtung unserer internationalen Pflichten zu wählen. Albert.“

Die zu diesem Thema in Belgien ein- und ausgegangenen Telegramme (kleines Foto u. Foto oben) und Depeschen sind übrigens im BELvue-Museum in Brüssel und in einer Sonderausstellung zum Ersten Weltkrieg im Armeemuseum im Brüsseler Jubelpark zu sehen. Das BELvue-Museum liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Königspalast und widmet sich der Geschichte Belgiens.

Einmarsch

Inzwischen wussten auch die Briten und die Franzosen von dem Ultimatum an Belgien und von der Ablehnung dessen durch Parlament und König.

Am frühen Morgen des 4. August 1914, nur rund 24 Stunden nach der Ablehnung des freien Durchmarschs in Richtung Frankreich, marschieren die in und um Aachen aufmarschierten deutschen Truppen unweit des Vierländerpunktes (Belgien, Deutschland, die Niederlande und Neutral-Moresnet) in Belgien ein. Die Festungsanlagen von Lüttich hatten deutsche Offiziere bereits inkognito ausspioniert.

Der Krieg beginnt...

Als in Belgien die ersten Häuser und Ortschaften in Flammen aufgingen und der Krieg seine ersten Opfer forderte schwadronierte Kaiser Wilhelm in Berlin von seinem „schweren Herzen“ und von einer Mobilisierung gegen einen Nachbarn, „mit dem man auf so vielen Schlachtfeldern gemeinsam gekämpft habe“.

Von „aufgedrungener Notwehr“, von „reinem Gewissen“ war die Rede. Doch es war nur der Anfang einer vier Jahre währenden Katastrophe, nicht nur für das kleine Belgien, das zwischen die Puffer der Großmächte geraten war, sondern für Europa und die ganze Welt. Der im Laufe des Waffengangs technisch immer perfekter werden de Krieg forderte letztendlich mehr als 17 Millionen Tote.