Visé 1914, die erste Märtyrerstadt Belgiens

Die Stadt Visé in der Provinz Lüttich war die erste belgische Stadt, die die Wut der deutschen Angreifer zu Beginn des Ersten Weltkriegs mit voller Wucht zu spüren bekam. Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung und ein Brandschatzen ganzer Stadtviertel haben Visé bis heute geprägt. Heute gilt die kleine Stadt an der Maas unweit der Grenze zu den Niederlanden als die erste Märtyrerstadt des „Großen Krieges“.

Visé ist eine kleine Stadt mit damals knapp 3.900 Einwohnern unweit des Dreiländerecks zwischen Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Die Niederlande sind nur einen Steifwurf entfernt und die deutsche Grenze liegt etwa 20 km von Visé entfernt. Die Stadt liegt an Maas und Albert-Kanal und verfügt über einen kleinen aber wichtigen Bahnhof. Strategisch wichtig war für die deutsche Armee auf dem Weg nach Frankreich im Sommer 1914 zweifelsohne die Brücke über die Maas. Doch die Belgier hatten angesichts des verstrichenen Ultimatums die Deutschen gerade hier erwartet. Die Festungen waren besetzt und die Sprengung der Maas-Brücken in dieser Region erfolgte nur Stunden vor dem Einmarsch der Reichswehr in Belgien.

Am Dienstag, den 4. August fallen in einem Dorf bei Visé zwei belgische Beamte. Die Feldhüter Auguste Bouko und Jean-Pierre Thill hatten vor den anrückenden deutschen Truppen warnen wollen, wurden aber erschossen. Ein Denkmal ihnen zu Ehren steht in der Ortschaft Bassenge bei Visé am Ende der rue Franklin Roosevelt/Ecke Pont Baudouin I.

Der Widerstand der Belgier war heftig, womit die deutschen Angreifer nicht gerechnet hatten. Zwischen Visé und Herstal kamen mit den aus Antwerpen stammenden jungen Infanteriesoldaten Lodewijk (Louis) Maulus und Prosper Van Gastel nach Antoine Fonck in Thimister die nächsten Armeeangehörigen aus unserem Land ums Leben.

Im Dorf Bernau bei Visé wurden die ersten 18 Zivilisten brutal ums Leben gebracht. Einige von ihnen nutzten die Deutschen als menschliche Schutzschilde. In Visé selbst wurden noch am 5. August die ersten Häuser in Brand gesteckt. Die deutschen Truppen waren erbost ob des Wiederstands, der sich ihnen entgegenstellte - auch mit Hilfe der Zivilbevölkerung. Am 10. August brach in Visé die Hölle los: Zuerst wurde eine auf einer Anhöhe liegende Kirche zerstört, um zu verhindern, dass deren Turm als Schießstand oder Spähstand genutzt werden konnte. Auch andere hochliegende Bauten wurden zerstört, außer die Fabrik eines deutschen Unternehmers.

In den Tagen danach gab es Erschießungen und am 15. August wurden die Einwohner von Visé gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Die Deutschenzerstörten und Brandschatzten das gesamte Kulturerbe der Stadt: Das Rathaus, die Schulen, historische Gebäude, Kirchen und vieles mehr. Und nur einen Tag später wurden über 600 Einwohner zusammengetrommelt, um nach Deutschland, in ein Lager bei Hannover verschleppt zu werden. Wer nicht dazugehörte, flüchtete über die naheliegende Grenze in die Niederlande.

Visé, eine Stadt verliert ihr Gesicht

Am Ende waren 575 der 840 Häuser, die damals die Stadt Visé bildeten, zerstört. In der Stadt blieb eine deutsche Garnison stationiert, denn die Besatzer machten aus Visé einen strategisch wichtigen Eisenbahnknotenpunkt: Quer zur Bahnstrecke Lüttich-Maastricht wurde die Kriegsbahn Aachen West-Tongeren gebaut. Russische Kriegsgefangene errichteten dazu die beiden Bahnviadukte in Moresnet und Visé.

Die Brücke dort heißt heute noch „Le Pont des Allemands - Die Brücke der Deutschen“. Eine Legende aus Visé sagt, dass die Seele eines russischen Kriegsgefangenen, der bei den Bauarbeiten ums Leben kam, die Brücke beschützt. Bis heute hat sich niemals mehr ein tödlicher Unfall oder ein Selbstmord an dieser Brücke ereignet…