Die Folgen der Legende der “francs-tireurs”

Schon in den ersten Kriegstagen im August 1914 begangen die deutschen Truppen in den Orten, die sie besetzten, Gräueltaten und exekutierten Dutzende Zivilisten, denen sie vorwarfen, Heckenschützen oder Freischärler zu sein. Die angebliche Hinterlist dieser Feinde lieferte manches Argument für Massaker und selbst deutsche Intellektuelle verteidigten dies seinerzeit.

Der Hass der Deutschen gegen die so genannten „francs-tireurs“ rührt noch aus den Zeiten des deutsch-französischen Krieges 1870, als rund 300 Heckenschützen und Freischärler aus dem Hintergrund heraus ihren Truppen empfindliche Verluste besorgten. Zudem kam noch die nationalistische Ansicht der deutschen Großmacht, dass kleine Länder keine Daseinsberechtigung haben und das interne Feinde (waren die besetzten Gebiete in Belgien im August 1914 also schon Inland?) zu jedem Preis unschädlich gemacht werden müssen.

Aus den Aufzeichnungen von deutschen Soldaten damals wurde ersichtlich, dass diese eine große Angst vor bewaffneten zivilen Banden und vor Volksaufständen in den besetzten Regionen hatten. Selbst katholische Prozessionen erschienen ihnen verdächtig.

Offiziere berichteten von ihren eigenen Befehlen, zur Not ganze Ortschaften niederzubrennen und von der Enttäuschung, dass die Belgier so heftigen Wiederstand leisteten. Zivilisten hätten sich auf „grausame Weise“ an den Kampfhandlungen beteiligt, was Massaker und Erschießungen rechtfertige.

Nicht zuletzt ließ der heftige Wiederstand der belgischen Verteidiger z.B. am Anfang des Krieges auf dem Weg nach Lüttich und weiter die Maas hinunter die Wut der deutschen Generäle steigen und extreme Befehle waren die logische Folge.

Im Deutschen Reich selbst rechtfertigten selbst die nationalistisch-euphorischen Intellektuellen die Übergriffe auf die Zivilbevölkerung.

Weltweit allerdings wurden die Massaker scharf kritisiert und die Briten nennen die Ereignisse noch heute „Rape of Belgium“, die „Schändung Belgiens“. Dieser Begriff wurde damals zum Schlagwort der internationalen Propaganda gegen das Deutsche Reich.

Erste Übergriffe

Die allerersten Übergriffe fanden bereits in den ersten Stunden nach dem Einmarsch in Belgien am 4. August 1914 statt. In Gemmenich am Vierländerpunkt ebenso, wie in Baelen unweit der damaligen belgisch-deutschen Grenze bei Eupen. Am heftigsten gingen die deutschen Truppen gegen die Bevölkerung von Visé vor, einer Ortschaft an der Maas auf etwa halbem Wege zwischen Maastricht und Lüttich.

Im Zuge des heftigen Wiederstands wurden in Visé 585 von insgesamt 850 Häusern niedergebrannt, 42 Bürger und die beiden örtlichen Gendarmen sowie zwei belgische Soldaten wurden quasi ohne Urteil exekutiert und 615 Zivilisten wurden nach Deutschland verschleppt, wo einige von ihnen starben. Visé gilt als eine der sieben Märtyrerstädte in Belgien, wo die Gräueltaten gegenüber der Bevölkerung am heftigsten waren.

Insgesamt wurden in den ersten beiden Kriegsmonaten August und September alleine in Belgien rund 5.000 Zivilisten umgebracht. Die Märtyrerstädte Visé, Andenne, Sambreville-Tamines, Aarschot, Dendermonde und Löwen erinnern in diesem Sommer gemeinsam an ihr Schicksal. Spätestens seit der Niederbrennung der traditionsreichen und weltbekannten Universitätsstadt Löwen, bei der auch die Bibliothek mit Jahrhunderte alten Schriften und Büchern den Flammen zum Opfer viel, war das Deutsche Reich international gebrandmarkt und hatte „aufgehört, eine Kulturnation“ zu sein, wie in der damaligen Presse zu lesen war.

Die deutsche Propaganda aber sprach weiter vom „Krieg gegen die franc-tireurs“ und von „militärischen Notwendigkeiten“. Von Schuldbewusstsein war keine Rede. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg gab zwar zu, dass sein Land das Völkerrecht verletzt hatte, doch „Not kenne kein Gebot“ und geschehenes Unrecht werde nach dem Erreichen des militärischen Ziele „wiedergutgemacht.“

Wenig Bedauern aber auch Zweifel in Deutschland

Moritz Ferdinand Freiherr von Bissing, der Generalgouverneur von Belgien, ging sogar noch weiter und sagte damals: „Das einzelne Häuser, ja blühende Dörfer und selbst ganze Städte dabei vernichtet werden, ist gewiss beklagenswert, darf aber zu unangenehmen Gefühlsregungen nicht verleiten. Sie dürfen uns nicht so viel bedeuten, wie das Leben eines einzigen Soldaten.“

Es wäre eine sündhafte Schwäche, Mitleid mit der betroffenen Bevölkerung zu haben, so Freiherr von Bissing weiter. Für ihn war „eiserne Pflichterfüllung“ Hochkultur, was man in feindlichen Ländern vom deutschen Heer nur lernen könne.

Doch nicht alle Deutschen dachten so. Prinz Max, der Bruder des damaligen sächsischen Königs, diente in Belgien als ehrenamtlicher Feldgeistlicher. Er sagte gegenüber einem Amtsbruder: „Wenn es einen gerechten Gott gibt, müssen wir den Krieg verlieren wegen der Gräuel, die wir in Belgien verübt haben.“ Erst 1956 stellte eine aus Deutschen und Belgiern zusammengestellte Historikerkommission fest, dass die Kritik am Vorgehen der deutschen Truppen 1914 beim Einmarsch in Belgien keine „Nestbeschmutzung deutscher Tugenden“ war, sondern der Realität entsprach. Ein Weißbuch aus dem Jahr 1915 zu diesen Vorgängen galt erst seitdem als nicht mehr vertrauenswürdig.