Antwerpen 1914: Krawalle gegen Deutsche

Vor genau hundert Jahren kam es zu Beginn des ersten Weltkrieges in Antwerpen zu heftigen Krawallen gegen die große dort ansässige deutsche Minderheit. Was als politisch begründeter Protest begann, schlug bald in einen Hungeraufstand und Plünderungen um. Auch die Angst vor Spionage war von großer Bedeutung, so berichtet die flämische Zeitung De Standaard.

Bereits am 4. August 1914 befahl der Antwerpener Kriegsgouverneur, dass alle deutschen und österreichisch-ungarischen Untertanen die in Antwerpen lebten die Stadt bis zum 6. August um Mitternacht zu verlassen hätten.

Denn Antwerpen kam während des Ersten Weltkriegs innerhalb Belgiens die Rolle einer Festungsstadt zu, die sich dem Einmarsch der Deutschen Truppen widersetzen sollte. Aus diesem Grund wollte man nun auch den Feind innerhalb der eigenen Stadtmauern nicht mehr tolerieren.

Die deutsche Minderheit unter den Bewohnern Antwerpens war groß. Hunderte Deutsche, die teilweise schon seit langer Zeit in Antwerpen gelebt hatten, mussten fliehen. In Zügen und auf Schiffen verließen sie Hals über Kopf das Land, meist auf dem Weg in die neutralen Niederlanden.

Einige Deutsche konnten sich ein Leben außerhalb Antwerpens jedoch nicht vorstellen. Eine Gruppe Deutscher und Österreich-Ungarn versteckte sich im Nachtgalenpark, wo sie allerdings von der Antwerpener Bürgerbrigade aufgegriffen wurden. Ein Deutscher brachte sich sogar selbst durch einen Kopfschuss um, als er erfuhr, dass er das Land verlassen müsse.

Fassungslosigkeit im jüdischen Viertel Antwerpens

Viele der Antwerpener Juden kamen ursprünglich aus Deutschland, oder Österreich-Ungarn. Sie verstanden nicht warum sie aus Antwerpen vertrieben wurden, weil sie den Krieg nicht als den ihren ansahen.

Besonders schlimm für sie war, dass die ursprünglich aus Russland stammenden Juden in Antwerpen bleiben durften.

Die Spannung steigt

Die ohnehin schon vorhandene antideutsche Stimmung in Antwerpen nahm wegen eines Vorfalls am 2. August rasant zu. Von den in Antwerpen lebenden Deutschen waren einige in das deutsche Heer rekrutiert worden. Eine Gruppe von ihnen lief Nachts betrunken und Kampfeslieder singend durch die Straßen. Durch dieses höchst provokative Verhalten, kam es dann zu einem Konflikt mit der Polizei.

Bis zum 4. August hatte sich die Stimmung schließlich so zugespitzt, dass an der Handelsbörse Krawalle ausbrachen und deutsche Kaufleute vertrieben wurden. Am selben Tag versammelten sich außerdem zahlreiche Antwerpener im Stadtzentrum, wo sie patriotische Lieder sangen und belgische, französische und britische Flaggen schwangen.

Abends stürzte sich der Mob schließlich auf Gebäude, die die deutsche Anwesenheit in der Stadt symbolisierten. In der Meir-Straße wurde eine deutsche Flagge vom Warenhaus Tiez herunter und in Stücke gerissen und als Trophäe weiter durch die Stadt getragen.

Anderen Gewerben erging es nicht besser. Außer dem Hotel Weber auf der De Keyserlei, das sich dadurch schützte, dass es seine Fassade mit belgischen Flaggen schmückte.

Um sieben Uhr abends hatte die Polizei die Kontrolle zurückerlangt, aber in der Nacht kam es erneut zu Krawallen, wobei überall deutsche Gaststätten zerstört wurden.

Von antideutschen Krawallen zum Hungeraufstand

Ein deutscher Metzger mit Geschäft auf der Dijkstraat zog die Wut der Demonstranten auf sich, in dem er seine Fleischpreise erhöhte. Was als politischer Protest begonnen hatte schlug nun in einen Hungeraufstand um. Überall in Antwerpen wurden Wirtschaften und Geschäfte, die Deutschen gehörten geplündert und zerstört. Dass es deutsche Geschäfte waren, schien nur noch ein Vorwand zu sein.

Zwar fanden ähnliche Krawalle auch in anderen belgischen Städten statt, aber nirgends in einem solchen Ausmaß wie in Antwerpen, wo besonders viele Deutsche lebten.

Doch noch ein Zeichen der Toleranz

Am 6. August beschloss der Kriegsgouverneur Antwerpens schließlich doch noch, dass etwa 80 deutsche Familien in Antwerpen bleiben durften.

Diese Ausnahmeregelung wurde am darauf folgenden Tag auch noch auf diejenigen Familien ausgeweitet, deren Sohn in der belgischen Armee diente. Etwas Toleranz gab es also doch, zumindest für die Deutschen, die ihre Loyalität beweisen konnten.

Angst vor Spionage

Neben der Wut auf Deutschland spielte auch Angst eine auslösende Rolle für die Krawalle. Viele Staaten fürchteten sich während des Ersten Weltkriegs davor, von ihren Feinden ausspioniert zu werden und kündigten entsprechend an Spionage hart zu bestrafen. Die Angst vor Spionage schlug von den Regierungen auch auf die Bevölkerung über.

In Brüssel zum Beispiel gingen hunderte anonyme Anrufe bei der Polizei ein, bei denen es um vermeintliche Spione ging. Viele dieser Denunziationen stellten sich nach den Ermittlungen der Polizei dann aber als falsch heraus.

Für Belgien war der Erste Weltkrieg die gewaltintensivste und am meisten von Argwohn gegen Fremde beherrschte Zeit seit der Gründung des Landes. (Quelle: ‚De Standaard‘, 08.08.2014)