Aarschot 1914: Berechtigte Angst vor den Deutschen

Die kleine Stadt Aarschot in der heutigen Provinz Flämisch-Brabant hatte am Morgen des 19. August 1914 Angst. Die letzten belgischen Soldaten hatten am frühen Morgen die Ortschaft verlassen und viele Einwohner hatten bereits einiges über Gräueltaten der deutschen Besatzer vernommen. Nur wenige Stunden später zeigte sich, dass die Angst der Aarschottenaren berechtigt war.

Geschichten und Gerüchte zum harten Auftreten der Deutschen gegenüber der Zivilbevölkerung in Belgien hatten bereits die Runde in Aarschot gemacht, nicht zuletzt, weil viele Flüchtlinge in der Stadt waren, die bereits ihr eigenes Zuhause verlassen mussten. Aarschot hatte diese Flüchtlinge in der Sint-Jozefs-Schule und im Sint-Elisabeth-Krankenhaus untergebracht. Als die ersten deutschen Truppen die Stadt erreichten, umzingelten sie sofort den Standort des Roten Kreuzes im Damiaan-Kloster.

Sie beschuldigten die dortigen Pater, auf sie geschossen zu haben und treiben diese zusammen mit einigen verwundeten belgischen Soldaten und einigen Zivilisten auf die Straße, wo der Abt des Klosters eine Erklärung verlangt.

Der diensthabende Offizier will dazu seinen General befragen und verlässt den Ort des Geschehens. Kurz darauf beginnt ein Feuergefecht, denn einige belgische Soldaten waren zurückgekommen, um verletzte Kameraden zu holen. Die meisten Deutschen geben Fersengeld, doch die Bewacher der Gefangenen bleiben und zwingen diese zu bleiben. Dabei kommen drei Zivilisten ums Leben.

Doch das Gefecht dauert nicht lange und weitere deutsche Einheiten kommen in die Stadt. Sie verhaften den Bürgermeister und zwingen die Bevölkerung, alle Tore und Türen in der Stadt zu öffnen, um die Gebäude kontrollieren zu können. Inzwischen werden viele Bürger der Stadt auf dem zentralen Marktplatz zusammengetrieben. Die ersten Exekutionen finden noch in den Morgenstunden statt. Gegen Mittag sind bereits 32 Zivilisten erschossen worden. Im Nachmittag kommt Oberst Johannes Stenger in die Stadt. Er befehligt die 8. Infanterie-Brigade und bezieht mit zwei weiteren Offizieren die Amtswohnung des Bürgermeisters.

Die letzten Zigarren

Letzerer darf mit seiner Frau das Rathaus verlassen und bietet gerade seinen Bewachern Zigarren an, während Stenger vom Balkon aus seine Truppen abnimmt, als ein Schuss fällt. Plötzlich schießt jeder wie wild um sich und Oberst Stenger bricht tödlich getroffen zusammen. Die Deutschen glauben, dass ihr Befehlshaber von einem Heckenschützen gezielt erschossen wurde - einem Heckenschützen aus der Bevölkerung von Aarschot!

Eine Nacht des Grauens

In der darauffolgenden Nacht werden die ersten Häuser der Stadt in Brand gesteckt - zu allererst jenes Haus, in dem die Deutschen den Schützen vermuteten. Viele Männer des Ortes werden zusammengetrieben - junge und alte Männer. Einige Jugendliche, die deutlich unter 18 sind, lässt man laufen, doch die anderen werden in kleinen Gruppen auf einem Kartoffelfeld erschossen. Die Deutschen sind gründlich, denn sie stechen mit ihren Bajonetten auf die Leichen ein, um sicherzugehen, dass diese auch wirklich tot sind…

75 Zivilisten, darunter auch ein 13 Jahre alter Junge, kommen dabei ums Leben. Doch das war noch nicht alles. Weitere Jungen und Männer, die in der Nacht festgenommen wurden, werden zusammengebracht und müssen in der Nähe der Straße nach Löwen gefesselt die Nacht verbringen. Am frühen Morgen des 20. August tragen die Deutschen Oberst Stenger mit allen militärischen Ehren unweit des Bahnhofs von Aarschot am Bahndamm vor der Eisenbahnbrücke zu Grabe. Dann folgen weitere Erschießungen: Zuerst sind der Bürgermeister, dessen Bruder und dessen Sohn an der Reihe und weiter wird jeder Dritte der Gefangenen exekutiert – insgesamt 29 Menschen.

Die anderen lässt man laufen. Derweil mussten die Frauen und Kinder der Stadt auf dem Marktplatz umgeben von brennenden Häusern ausharren. Sie und die nicht erschossenen Männer müssen jetzt auf Befehl der Besatzer ihre Sachen packen und Aarschot verlassen. Das betrifft nach heutigen Schätzungen etwa 3.000 Personen. Unter den Flüchtlingen ist auch die Frau des Bürgermeisters, die soeben ihren Mann und ihren Sohn verloren hatte.

Die meisten Menschen aus Aarschot zieht es in die umliegenden Dörfer, in Richtung Küste oder nach Antwerpen, wohin sich Teile der belgischen Armee zurückgezogen haben. Nicht wenige von ihnen verlassen das Land in Richtung Niederlande, Frankreich oder England. Ihre Stadt brennen die Deutschen fast bis auf die Grundmauern nieder. Später berichten Augenzeugen, dass Oberst Stenger von unzufriedenen und meuternden Soldaten aus den eigenen Reihen beschossen wurde….

Quelle: 100 Jahre Großer Krieg: Belgische Märtyrerstädte gedenken dem Jahr 1914