Tamines: Ein tödliches "Es lebe Belgien!"

Die wallonische Ortschaft Tamines ist eine ehemalige Industriestadt auf halbem Wege zwischen Namür und Charleroi an der Sambre. Heute sieht man dieser Stadt, die mittlerweile Sambreville heißt, ihre reiche Vergangenheit kaum noch an. Auch die Ereignisse zu Beginn des Ersten Weltkriegs mögen heute verblassen, doch sie haben den Ort geprägt.

Nach der gewonnenen Schlacht von Lüttich rückte die Zweite Deutsche Armee unter General von Bülow weiter in Richtung Frankreich vor und stieß in Richtung Sambre, die in Namür in die Maas mündet, vor. Am frühen Morgen des 20. August kamen die deutschen Soldaten vor Tamines an, zuerst fünf Ulanen. Dort wurden sie nicht besonders freundlich empfangen und Teile der einer Infanteriedivision des 10. französischen Armeekorps sowie belgische Zivilgardisten eröffneten das Feuer.

Einer der Deutschen wurde verletzt und gefangen genommen, die anderen konnten fliehen.

Sie hörten aber gerade noch, wie die Bewohner der Ortschaft „Vive la Belgique!“ und „Vive la France!“ riefen.

Am Morgen des Folgetages aber standen die Deutschen mit massiven Kräften vor der Stadt. Sie überquerten die Sambre und brachen sehr schnell den letzten Widerstand der belgischen und französischen Soldaten.

Angesichts der Tatsache, dass auch Zivilisten aus dem Ort auf deutsche Soldaten geschossen hatten, kam es bald zu ersten Kriegsverbrechen.

So wurden rund 50 Personen aus einigen Häusern zusammengetrieben und erschossen, darunter auch ein acht Jahre altes Mädchen.

Daneben wurden die ersten Häuser geplündert und angezündet. Doch dies war nur der Anfang eines Horrorwochenendes, das den Menschen in Tamines noch bevorstand.

Samstag des Schreckens

Am darauffolgenden Tag, ein Samstag, war Tamines besetzt. Die deutschen Soldaten trieben fast die gesamte Bevölkerung, die noch nicht geflohen war, zusammen. Die Leute, vor allem die Männer, wurden in einer Art Umzug zur Kirche Notre-Dame des Alloux geführt und danach durch die von brennenden Häusern gesäumten Straßen zur Place Saint-Martin.

Insgesamt wurden rund 600 Gefangene gemacht - Zivilisten, Soldaten und Mitglieder der Zivilgarde. Gegen Abend wurde fast die Hälfte der Bedauerlichen in Massenexekutionen erschossen. 384 Einwohner von Tamines kamen dabei ums Leben. Die meisten von ihnen fanden ihre letzte Ruhestätte um die Kirche Notre-Dame des Alloux herum.

Die Überlebenden, meist Frauen und Kinder, die in der Kirche ausharren mussten, wurden am Tag danach durch die Stadt zum Ort des Massakers geführt, um zu sehen, was geschehen war. Danach wurden die in Richtung der nahegelegenen Ortschaft Velaine geführt. Tamines war danach, bis auf die deutschen Soldaten, menschenleer. Die deutschen plünderten die noch stehenden Häuser systematisch aus, bevor sie auch hier Feuer legten.

Am 22. August 1926 wurde an der Stelle am Ufer der Sambre, wo die Massenexekutionen stattfanden, ein Denkmal errichtet, das an die schmerzlichen Ereignisse bis heute erinnert. 1916 wurde ein Steinmetz von den in der Stadt befindlichen deutschen Soldaten dazu gezwungen, das Wort „Märtyrer“ aus den Grabplatten zu meißeln….

Eine gute deutsche Seele rettete Leben

Die Deutschen steckten aus Wut über die Verzögerung ihres Vormarsches auch Dutzende Häuser von Tamines in Brand und auch dabei starben Menschen. Doch in der Straße, die vom Zentrum zum Bahnhof der Stadt führt, steht hinter einer unscheinbaren Fassade eine Kapelle. Diese wurde aus Dankbarkeit gebaut und erzählt eine ganz andere Geschichte, nämlich die  eines „guten Deutschen“. 12 Menschen befanden sich damals an dieser Stelle im Keller eines brennenden Hauses. Sechs kamen in den Flammen um.

Sechs weitere aber, fast alle aus einer Familie, überlebten, dank der Hilfe eines deutschen Soldaten, wie Noelle Van Herck, eine Nachfahrin, berichtet: „Er nahm sein Bajonett und das Werkzeug eines an der Hauswand stehenden Fahrrades und knackte die von außen verschlossene Klappe des Kellerlochs.“ Eine der Überlebenden war ein erst ein Jahr altes Mädchen: Noelles Mutter: „Manchmal berührt mich das immer noch. Wenn meine Mutter nicht gerettet worden wäre, dann würde ich heute nicht leben. Ein Großteil meiner Familie, fünf Leute, wurden gerettet und zwar von einem Deutschen.“