23. August 1914: Das Massaker von Dinant

Die belgische Stadt Dinant in der Provinz Namür ist mit ihrer Kathedrale und ihrer felsigen Festung am Ufer der Maas eine international bekannte Touristenstadt. Und auch die Tatsache, dass Adolphe Sax, der Erfinder des Saxofons, hier zur Welt kam, setzt Dinant auf die Weltkarte. Weltbekannt ist die Stadt aber auch aus tragischem Grunde, denn am 23. August 1914 brandschatzten und töteten deutsche Soldaten hier auf besonders brutale Weise.

Dinant war für die Maas-Überquerung strategisch von größter Wichtigkeit für die gen Paris vorstoßenden deutschen Truppen. Damals, im August 1914, lebten etwa 7.000 Menschen in dieser Stadt, die sich über etwa 4 km entlang des Ufers der Maas erstreckt. Aufgeschreckt von Nachrichten über Massaker an belgischen Zivilisten durch die kaiserlichen Truppen warnte Dinants damaliger Bürgermeister Arthur Defoin die Bürger der Stadt, sich nicht gegen die Deutschen zu wehren, wenn diese hier einmarschieren.

Die 3. Sächsische Armee unter Befehl von Generaloberst Max von Hausen stand Anfang August nach einem Durchmarsch entlang der Maas vor den Toren der Stadt. Am 15. August wurde eine Vorhut dieser Armee beim Versuch, die Maasbrücke in Dinant zu inspizieren, von französischen Soldaten - darunter war auch ein Leutnant, der Charles de Gaulle hieß - zurückgeschlagen. De Gaulle wurde übrigens bei den Gefechten damals leicht verletzt.

Die Lage Dinants, umgeben von Felsen im Tal der Maas, sorgte bei den Gefechten für eine sonderbare und geräuschverstärkende Akustik. Wohl deshalb dachten die Soldaten der 3. Sächsischen Armee, dass sich in der Ortschaft viele feindliche Truppen und eine sie deutlich ablehnende Bevölkerung befindet, die trotz der Mahnungen ihres Bürgermeisters den vermeintlichen Sieg über die Aggressoren feierten.

Die Angriffe und das Morden

Knapp eine Woche später rückte ein motorisierter Verband aus Pionieren und Schützen auf Dinant vor und brachte am Ortseingang gnadenlos einige Zivilisten um. Die Soldaten legten in mehr als einem Dutzend Häuser Feuer und zogen weiter. Danach warfen sie eine Handgranate in ein Café, in dem Licht brannte. Dies löste eine Schießerei aus, denn die Deutschen wurden aus allen Fenstern beschossen. 19 Soldaten dieses Kommandos verloren ihr Leben und mehr als 100 wurden bei dem Gefecht verwundet.

Viele Einwohner von Dinant erwarteten jetzt das Schlimmste und rund 2.500 von ihnen versuchten die Stadt zu verlassen, doch mittlerweile hatten die Deutschen einen Ring um die Ortschaft geschlossen. Am 23. August griffen die Deutschen Dinant endgültig und aus allen Richtungen an. Die Franzosen setzten sich am Abend in Richtung der belgisch-französischen Grenze ab und die Einwohner von Dinant saßen schutzlos in der Falle. Vorher brachten die Deutschen Dutzende Zivilisten im nahegelegenen Leffe um.

In allen Ortsteilen Dinants wurden die Bewohner zusammengetrieben. Männer wurden von Frauen und Kindern getrennt und am Gefängnis der Stadt kam es zu den ersten Erschießungen. Auch bei denen, die aus der Stadt flüchten wollten und die in der Kathedrale eingesperrt wurden, gab es Tote. Die Deutschen gaben sich gnadenlos. Immer unter dem Vorwand, Freischärler oder Heckenschützen zu suchen (die mittlerweile bei ihnen herrschende Angst vor den francs-tireurs) wurden fast wahllos hunderte Menschen erschossen.

Opferzahlen

Insgesamt fielen den tagelangen Massakern 674 Zivilpersonen zum Opfer, Menschen im Säuglingsalter bis hin zu Hochbetagten. Daneben zerstörten oder brandschatzten die Deutschen rund 1.200 der 1.800 Häuser der Stadt. Rund 400 Einwohner von Dinant und einigen Ortschaften in der Umgebung wurden danach nach Deutschland verschleppt und mussten bis zum Jahresende in einem Laber bei Kassel ausharren.