Erstes Hugo Claus Gedicht nur Übersetzung

Der erste Text, der dem berühmten flämischen Schriftsteller Hugo Claus zugeschrieben wurde, stammt doch nicht aus seiner Feder. So die flämische Zeitung De Morgen nach den Enthüllungen der flämischen Fachzeitung Poëziekrant. „Grauwvuur“ (wörtlich übersetzt: graues Feuer), ein Gedicht aus dem Jahr 1942, wurde im Jahr 2008 für viel Geld versteigert. Nun stellt sich heraus, dass es sich um eine Übersetzung eines deutschen Gedichts handelt, das in einer flämischen Kollaborateurzeitschrift erschienen war.
© VRT

Hugo Claus wurde 1929 in Brügge geboren und starb 2008 in Antwerpen nach seinem eigenen Wunsch durch Sterbehilfe, da er an Alzheimer erkrankt war. Er gilt als einer der wichtigsten belgischen Schriftsteller der Nachkriegszeit. Als sein wohl bekanntestes Werk gilt das 1983 erschienene Buch „Der Kummer von Flandern“ (nach der neuen Übersetzung von 2008 „Der Kummer von Belgien“, wie auch der Originaltitel auf Niederländisch lautet), das Flandern im Zweiten Weltkrieg behandelt und sich an seiner eigenen Lebensgeschichte orientiert.

Einige Monate nachdem Claus 2008 starb, tauchte über eine seiner ehemaligen Klassenkameradinnen ein bis dahin unbekannter Text von ihm auf. Das Gedicht „Grauwvuur“ ist gerade einmal 62 Worte lang und in ein Schulheft geschrieben. Es handelt von den Folgen eines Grubenunglücks. Der 13-jährige Claus schenkte es damals einer Mitschülerin, die er „das klügste Mädchen der Klasse“ nannte.

Neben dem Text stand sein Name „Claus Hugo“, das Datum „22. Sommermonat 1942“ und auch „Bitte niemandem zeigen“. Claus‘ Klassenkameradin respektierte diesen Wunsch bis zu seinem Tod. Erst nach Claus‘ Tod 2008 wurde das Gedicht unter großer Medienaufmerksamkeit für stolze 2.800 Euro verkauft. An der Authentizität des Werks zweifelte kaum jemand.

Erst vor kurzem stellte sich heraus, dass Claus das Gedicht für seine Mitschülerin gar nicht selbst geschrieben hatte, sondern nur ein deutsches Gedicht ins Niederländische übersetzt hatte. „Grauwvuur“ ist die Übersetzung des Gedichts „Mutter des Bergmanns“ der deutschen Schriftstellerin Elisabeth Emundts-Draeger, die außerhalb Deutschlands kaum bekannt war. Claus gab dem Text nur einen neuen Titel.

Publikation in einer flämischen Kollaborateurzeitschrift

Aber wie kam der junge Claus mitten im Zweiten Weltkrieges an ein deutsches Gedicht? Dem Forscher Georges Wildemeersch vom Antwerpener Hugo Claus-Zentrum zufolge erschien die deutsche Version des Textes im März 1942 in der flämischen Kollaborateurzeitschrift De Vlag. Claus‘ Mutter war zu diesem Zeitpunkt Mitglied der Bewegung, die diese Zeitschrift herausgab. Den Forschern nach ist es wahrscheinlich, dass Claus auf diese Weise an den Text herankam. Im Sommer 1942 soll auch Claus selbst zwischenzeitlich mit dem Nationalsozialismus sympathisiert haben. Die Kollaboration seiner Familie thematisierte Claus später in seinem Erfolgsroman „Der Kummer von Belgien“.

Wildemeersch zweifelte lange an der Echtheit dieses ersten Gedichts, weil sich Ton und Thema stark von Claus‘ Werk als pubertierender Junge ein paar Jahre später unterscheiden. „Weil es in dem Text um ein Grubenunglück geht und er fast ausschließlich aus der Perspektive einer Mutter geschrieben ist, kam der Text mir eigentlich zu ernst für einen 13-jährigen Jungen vor, auch wenn wir hier über Hugo Claus sprechen“, so Wildemeersch.

Hugo Claus' Übersetzung

Grauwvuur

Ik heb je uit mijn schoot
Inde grootren schoot gegeven.
Toen was ons leven groot.
Toen stond je, werkman, in de aardeschoot,
Je licht verblindde de donkerten
En kolenaadren zongen onder je kamer
Uit eeuwigheden haalde je
rijkdom
En bracht uit stenen ons brood.
Je beminde 't leven en verstaat de dood.
Dood is nu je slaap in de groote moederschoot

Claus Hugo
22 zomermaand 1942