Borremans: Ein Kulturboykott bringt nichts

Am Dienstag wurde die Ausstellung „As sweet as it gets“ des flämischen Malers Michaël Borremans in Tel Aviv eröffnet. Die Israel Korrespondentin der VRT, Nicky Aerts, besuchte die Ausstellung und sprach mit dem Künstler darüber, warum er seine Ausstellung, trotz der Kritik aus belgischen kulturellen Kreisen, nach Israel brachte.

Eine Veranstaltung im Nahen Osten zu planen ist immer ein Risiko, wie auch der flämische Künstler Michaël Borremans aus erster Hand erfahren hat. Erst wurde er von der belgischen Presse für seine Ausstellung gelobt, nur um dann heftig kritisiert zu werden, weil er die Retrospektive trotz des Gazakonflikts nicht absagte.

Schwierigkeiten während der Vorbereitungen für die Retrospektive

Borremans‘ Ausstellung war schon seit langem geplant, denn ohne die nötigen Vorbereitung wäre sie nie zustande gekommen. Die Besitzer der Bilder müssen ihr Einverständnis dazu geben, die Bilder zu verleihen und Transport und Versicherung der Kunstwerke müssen organisiert werden.

Anfangs war es die Versicherung der Gemälde, die Schwierigkeiten bereitete. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern machte diese besonders kompliziert. Zwischenzeitlich wurden täglich im Schnitt rund 100 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert. Dadurch war unklar, wie sicher die Kunstwerke sein würden.

Hinzu kam dann, dass die pro-palästinensische Seite in Belgien begann dagegen zu protestieren, dass ein belgischer Künstler seine Werke in einem Museum in Israel ausstellen wollte. Der Choreograph Alain Platel veröffentlichte in der flämischen Zeitung De Standaart einen offenen Brief, in dem er sich dafür aussprach, dass Borremans seine Ausstellung absagte. Auch die flämische Autorin Kristien Hemmerecht und andere Künstler schlossen sich Platel an.

Borremans hält an der Ausstellung in Israel fest

Borremans ließ sich nicht abschrecken und kam doch. Zu der Zeit, als er sich entschloss seine Werke im Tel Aviv Museum of Art auszustellen, herrschte zwischen Israel und der Hamas eine Waffenruhe. Einen dauerhaften Frieden gab es nicht und auch die Besetzung war nicht beendet. „Alles lag schon seit 2 Jahren fest. Ich wusste von der Boykottbewegung, die gibt es übrigens nicht erst seit gestern, aber ich habe trotzdem beschlossen zu kommen“.

Borremans sagte, dass er bei der Eröffnung der Ausstellung in Tel Aviv ein politisches Statement abgeben würde. Er hat sein Wort gehalten. „Die Lage hat sich fundamental nicht verändert. Ohne den Krieg am Gazastreifen wäre die Kontroverse weniger groß gewesen, aber ja, was dort passiert ist, ist nicht gut zu reden. Ich kenne hier einige Menschen. Ich weiß, was hier los ist und nicht jeder ist damit einverstanden, was die Regierung beschließt“, so Borremans.

Borremans hat sogar den Eindruck, dass die Mehrheit der Menschen dagegen ist, wie die Regierung handelt. „Der Konflikt muss intern geregelt werden. Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass ein Kulturboykott mehr Schaden anrichtet, als er Gutes tut“, sagt er.

Er ist der Meinung, dass gerade in Israel viele Veranstaltungen stattfinden müssen. Nicht nur Kunstausstellungen, sondern auch Kolloquien und Besprechungen, die Friedensbemühungen und Kultur verbinden. So kann man, Borremans zufolge, die politische Rechte aus der Bahn werfen, weil es eine konstruktive Art ist, die Sache anzupacken. Soweit sein politisches Statement.

Israel und die Palästinenser

Michaël Borremans hat sich dazu entschlossen, sich während seiner Zeit in Israel, besser über „die Lage“ dort zu informieren. Aus diesem Grund besuchte er auch Ramallah, eine palästinensische Stadt im Westjordanland. „Ja, ich fand es in Ramallah sehr angenehm. Es ist nicht weit entfernt und plötzlich befindet man sich Mitten in der arabischen Welt. Unglaublich“, so Borremans.

Viel konfrontativer und aggressiver kamen ihm die Siedlungen vor. „Ich denke, dass ihr Daseinszweck nicht nur ein religiöser ist, sondern auch ein Stück weit ein pragmatischer. Es geht einfach um Geld. Es wurde Land beschlagnahmt, das nicht bezahlt werden muss. Punkt. Proteste dagegen sind nötig.“

Borremans hatte sich zuvor bereits etwas informiert, aber sein Besuch hat ihn stark beeindruckt. „Die internationale Gemeinschaft muss reagieren, aber nicht mit einem kulturellen Boykott. Es muss zu einer diplomatischen Lösung kommen“, sagte er Nicky Aerts.

Borremans ist in Israel unbekannt

Borremans‘ Ausstellung im BOZAR in Brüssel hatte Rekordzahlen an Besuchern erreicht. In israelischen Zeitungen gibt es aber, im Gegensatz zu den belgischen, keine seitenlangen Interviews mit dem Künstler. Über die Ausstellung „As sweet as it gets“ erfährt man fast nur in den Kulturkalendern der Tageszeitungen. Deswegen fragte Nicky Aerts die Kuratorin der Ausstellung in Israel, Susanne Landau, ob die Israelis mit Borremans‘ Werk vertraut sind.

„Nein, die Menschen hier kennen Borremans eher nicht. Aber ich verfolge sein Schaffen schon seit Jahren. Es hat mich unglaublich gefreut, als ich erfahren habe, dass er in Brüssel und in Dallas eine Retrospektive plant. Ich habe dann nicht gezögert und ihn sofort gefragt, ob er auch nach Tel Aviv kommen kann. Natürlich gehen wir damit ein Risiko ein. Aber ich bin davon überzeugt, dass Michaëls Werk auch hier Gefallen finden wird“, so Landau, die nicht nur Hauptkuratorin der Ausstellung, sondern auch die Direktorin des Museums in Tel Aviv ist.

„„As sweet as it gets“ wird hier sicher keine 150.000 Besucher anziehen. Ich werden zufrieden sein, wenn am Ende der Ausstellung hier 50.-60.000 Leute meine Bilder gesehen haben. Eine so hohe Besucherzahl wie in Brüssel ist einfach ausgeschlossen. Belgien liegt im Zentrum Europas. Außerdem gab es hier eine enorme öffentliche Aufmerksamkeit. Es sind auch viele Menschen aus dem Ausland gekommen, um meine Bilder in Brüssel zu sehen“, fügt Borremans hinzu.

Dennoch sieht es Michaël Borremans sehr gerne, dass sein Werk an verschiedenen Orten ausgestellt wird. Wenn es dann auch noch gut ankommt, umso besser.

„The missile“

Kurz vor dem Ausgang der Ausstellung, können die Besucher das Bild „The missile“ entdecken, so Nicky Aerts vom VRT. Es ist ein recht neues Werk Borremans‘, aus dem Jahr 2013. Bevor es zustande kam, litt Borremans an einer Blockade. Er ließ sich dann aber von der Kapelle eines Freundes inspirieren, in der er sich hatte einrichten dürfen. Viele seiner bekanntesten Gemälde kamen dort zustande. So auch „The Angel“, mit dem er für seine Retrospektive warb. Auf dem Bild sieht man eine große Figur, das aus Flandern stammende Model Hannelore Knuts, in einem rosa Kleid und schwarzer Maske.

„The misslie“ stammt ebenfalls aus dieser Zeit. Ein Kind steht dort mit einem fremden Gegenstand in den Händen. Es sieht aus, wie zwei zusammengebaute Kirchtürme, ein Symbol für unsere Gesellschaft. In den Händen des Kindes sehen die Kirchtürme aber auch aus wie eine Art Rakete, eine Waffe. Und das Mitten in Israel.