Dendermonde wurde 1914 zu einer Geisterstadt

Dendermonde, gelegen am Zusammenfluss von Schelde und Dender, war einst eine wichtige Tuchmacher- und Handelsstadt. Doch auch strategisch liegt die ostflämische Stadt im Zentrum des Dreiecks Gent-Brüssel-Antwerpen ideal und wurde jahrhundertelang als Festungsstadt genutzt. Bei Kriegsausbruch im August 1914 wurden die Festungsanlagen wieder hergerichtet und die Stadt diente vielen Flüchtlingen zunächst als sicherer Zufluchtsort.

Anfang August 1914 spielte Dendermonde eine wichtige Rolle als regionales Mobilisierungszentrum. Von hier aus zogen hunderte belgische Soldaten gegen die deutschen Aggressoren in den Krieg und hier wurden zahlreiche Freiwillige zu Zivilgardisten gemacht. Zeitgleich wurde die Stadt in Ostflandern am Ufer von Dender und Schelde Zufluchtsort für viele Zivilisten, die nach den ersten Gräueltaten der deutschen Besatzer ihre Heimat oft unter dramatischen Umständen verlassen hatten. Mit ihnen kamen den Bürgern von Dendermonde entsprechende Nachrichten zu Ohren.

Zug um Zug aber zogen sich die belgischen Truppen in Richtung Antwerpen zurück und die Deutschen rückten vor. Am 22. August wurden die ersten deutschen Kundschafter ausgemacht und zwei Tage später strömen weitere Flüchtlinge aus den umliegenden Dörfern in die Stadt. Sie wollten sich am linken Ufer der Schelde in Sicherheit bringen und die belgischen Behörden sahen sich gezwungen, Dendermonde weiter zu verstärken.

Am 4. September 1914 standen die deutschen Truppen unter dem Befehl des preußischen Offiziers Generaloberst Max von Boehn vor den Toren der Stadt. Dessen Unterhändler scheiterten bei dem Versuch, die Stadt vor ein Ultimatum für eine Kapitulation zu stellen. Daraufhin beschossen in Sint-Gillies-bij-Dendermonde und Oudegem in Stellung gebrachte Geschütze die Stadt. In den beiden kleinen Dörfern begangen die Deutschen derweil später als Kriegsverbrechen benannte Gräueltaten. Zudem wurden einige Zivilisten als menschliche Schutzschilder vor den angreifenden deutschen Truppen hergetrieben.

Flucht über die Schelde

Noch am selben Tag zogen sich die belgischen Truppen auf das linke Scheldeufer zurück, um sich in Antwerpen wieder zu sammeln. Für die Deutschen lag damit der Weg nach Dendermonde frei. Sie marschierten in der Stadt ein, erschossen wahllos mehrere unschuldige Zivilisten und nahmen andere in Geiselhaft. Einige von ihnen wurden wieder laufengelassen, doch nicht wenige wurden nach Deutschland verschleppt und in Soltau und Sennelager festgehalten, wo sie teilweise Zwangsarbeit verrichten mussten.

Vom 4. bis zum 6. September steckten Pioniere der deutschen Armee auf Befehl ihrer Offiziere systematisch hunderte Gebäude in Brand, die fast alle bis auf die Grundmauern in Schutt und Asche gelegt wurden. Unter dem Vorwand, Vergeltung üben zu müssen, weil Zivilisten hinterrücks auf Soldaten geschossen haben sollen, wurden weite Teile von Dendermonde dem Erdboden gleich gemacht. Da war sie wieder, die Rache aus Angst vor vermeintlichen Heckenschützen „francs-tireurs“…. Und Dendermonde wurde zur Geistestadt.

Als die deutschen Angriffstruppen Dendermonde am 8. September 1914 wieder verließen, wurde der Umfang der angerichteten Schäden erst richtig deutlich, wie auch Kriegsberichterstatter, die seiner Zeit durch die Stadt kamen, bestätigten: 1.200 Wohnhäuser und öffentliche Gebäude waren völlig zerstört und rund 900 weitere Häuser wiesen schwere Schäden auf. Die meisten der damals rund 10.000 Einwohner der Stadt waren obdach- und heimatlos. Die von den Deutschen in Dendermonde angerichteten Schäden machten schnell die Runde in der Welt und später wurde der Stadt der Status „Märtyrerstadt“ verliehen. Zwar waren damals nicht besonders viele Bürger der Stadt Massakern zum Opfer gefallen, doch die Tatsache, dass die Deutschen die Stadt praktisch ohne Grund völlig und systematisch zerstörten, war bis dahin in der „modernen“ Kriegsgeschichte etwas völlig neues.

Im Laufe des Krieges fielen die Deutschen noch zweimal in Dendermonde ein und was bis dahin noch nicht beschädigt war, fiel späteren Artilleriebeschießungen zum Opfer.

Viele Bewohner kamen zaghaft wieder zurück

In den folgenden Kriegsjahren wurde Dendermonde für die Besatzer zu einer Garnisonsstadt, wohin sich die Truppen aus dem Kampf zurückzogen, um sich zu erholen. Nach dem die meisten Trümmer geräumt wurden, kamen viele Bürger Dendermondes nach und nach wieder zurück in ihre angestammte Heimat. Von 6.200 Mitte des Krieges in Dendermonde lebenden Zivilisten wohnten über 4.000 in Notunterkünften oder in ihren zerstörten und notdürftig wohnfähig gemachten Wohnungen.

Die Industrie dieser einst wohlhabenden Stadt lag am Boden und viele Arbeiter mussten für die Deutschen arbeiten - entweder in besetzten Fabriken vor und hinter der Front, oder aber in Deutschland, wohin sie verschleppt wurden, um Zwangsarbeit zu verrichten. Insgesamt verloren 242 Zivilisten aus Dendermonde in der Fremde oder unter widrigen Arbeitsumständen während des Ersten Weltkriegs ihr Leben.

Im Winter 1915-1916 durchlebte das besetzte Dendermonde eine Lebensmittelkrise und die Bevölkerung konnte nur mit ausländischer Hilfe überleben. Das sollte sich bis 1919, als die ersten Arbeiten zum Wiederaufbau der Stadt begannen, nicht mehr ändern.

Quellen:

"De Eerste Wereldoorlog", Luc De Vos/Davidsfonds
"100 Jahre Großer Krieg“, Belgische Märtyrerstädte gedenken dem Jahr 1914