"Brüssel tickt deutsch": Widerstand durch Humor

„Eine Sache, mit der uns unsere neuen Herrscher schikanierten, war die deutsche Uhrzeit. (...) Diese Maßnahme war Inspiration für ein kleines Lied, in dem es hieß, der Feind erreiche durch das Vorstellen der Uhr nur, dass der Augenblick unseres Sieges eine Stunde früher eintritt.“ Mit diesem Zitat einer Brüsselerin empfängt die Ausstellung „14-18 Brüssel tickt deutsch“ im Museum der Stadt Brüssel ihre Besucher. Noch bis zum 3. Mai 2015 sind im obersten Stockwerk des Museums Fotos, Plakate, Alltagsgegenstände und viele Comics aus der deutschen Besatzung Brüssels während des Ersten Weltkriegs zu sehen.

Am 4. August 1914 fielen die deutschen Truppen in das neutrale Belgien ein, um auf diesem Weg nach Frankreich zu gelangen und schon am 20. August erreichten sie Brüssel. Während der 50 Monate dauernden deutschen Besatzung, waren die Brüsseler Uhren je nach Jahreszeit ein bis zwei Stunden vorgestellt, auf die deutsche Zeit. Denn der Erste Weltkrieg war nicht nur ein Krieg der Soldaten, sondern auch ein Krieg der Völker. Auf deutscher Seite sollten an der sogenannten „Heimatfront“ die Kriegsbemühungen unterstützt werden und in den besetzten Gebieten führten deutsche Soldaten, teilweise begleitet von ihren Familien, ein strenges Besatzungsregime. Auf belgischer Seite hingegen versuchte sich die Bevölkerung nicht unterkriegen zu lassen. Und das mit ihren ganz eigenen Mitteln.

Schwarzer Humor

Die Ausstellung „14-18 Brüssel tickt deutsch“ zeigt den Weg, den die Belgier fanden, um sich gegen ihre Besatzer aufzubäumen und sie zu ertragen: Humor. So wurde dafür kompensiert, dass die belgische Armee einfach zu klein war, um gegen die Deutschen einen effektiven militärischen Widerstand zu leisten. Viele Karikaturen und Comics zeugen von Selbstironie im Angesicht der alltäglichen Probleme. Aber auch Schuldige wurden auf diese Weise entlarvt und die Comics dienten der Propaganda.

Die vielen Zeichnungen zirkulierten während der Besatzungszeit heimlich in der Bevölkerung. So wurde zum Beispiel ein Bild des auf einen deutschen Soldaten pinkelnden Manneken Pis verbreitet, um der Wut auf die Deutschen Luft zu machen. „Und die wollten die Yser überqueren“, heißt es dort (Foto). Überhaupt scheint das Pinkeln während des Ersten Weltkriegs ein belgischer Nationalsport gewesen zu sein, denn pinkelnde Männchen tauchen in der Ausstellung nicht nur einmal auf. Auf einem anderen Bild erleichtert sich ein Brüsseler auf einem der vielen deutschen Plakate, die damals überall hingen.

Auch über die Lebensmittelknappheit und Rationierung machten sich die Brüsseler lustig. „Sport im Jahr 1916: das Wettrennen um den Kaffee“, heißt es da. Andere Belgier entwarfen das Warteschlangenspiel, ein Brettspiel, bei dem das Ziel ein großer Sack voller Waren ist. Zu ihnen hin gelangt man aber nur über eine lange Schlange an Spielkästchen.

Zeitzeugen

Wer Niederländisch oder Französisch versteht, kann sich in der Ausstellung auch zwei Zeitzeugeninterviews anhören, durch die die damalige Stimmung in Brüssel lebendig wird. Auf Französisch erzählt Clément Waegemans davon, wie sein Vater Kupfer vor den Deutschen versteckte und wie er selbst als kleiner Junge Reifen deutscher Lastwagen aufschlitzte.

Auf Niederländisch berichtet Jeanne Marie Bogarts in einem langen, von unserem Haus geführten Interview davon, wie ihr Vater festgenommen wurde. Eine Zusammenfassung der Interviews kann man aber auch in den niederländisch-, französisch-, englisch- oder deutschsprachigen Heftchen nachlesen, die jeder Besucher ausgeteilt bekommt. 

Belgischer Widerstand

Die deutschen Soldaten waren vom Widerstand der Belgier so schockiert, dass sie sie fälschlicherweise für sogenannte ‚francs-tireurs‘ (Heckenschützen) hielten. Als Vergeltungsmaßnahme wurden viele belgische Zivilisten erschossen. Auch solch finstere Ereignisse thematisieren die Comics.

Belgischer versteckter Widerstand zeigte sich in Alltagsgegenständen. So sind in der Ausstellung patriotische Taschentücher, die mit der belgischen Fahne bestickt sind und kleine Efeublätterpins zu sehen, die die Treue zu König und Vaterland symbolisierten. Eine extravagantere Brüsselerin ließ sich sogar ein Korsett in den Nationalfarben herstellen (Foto).

Die Befreiung Brüssels

Am 17. November 1918 wurde Brüssel schließlich befreit. Der Besatzung wurde durch einen Revolutionsrat aus deutschen Soldaten ein Ende gemacht. Was für die Deutschen eine bittere Enttäuschung war, weil durch den Verlust die vielen Gefallenen umsonst ihr Leben gelassen hatten, wurde von den Belgiern als Triumph gefeiert. In einer Vitrine der Ausstellung liegt ein winziger Besen in den belgischen Nationalfarben. Er trägt die Aufschrift: „Um die Deutschen wegzufegen“.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs fand in Belgien viel patriotisches Kriegsgedenken statt. Davon war einiges vom Hass auf die „Boches“, die Deutschen, geprägt. Auf deutscher Seite hingegen blieb ein ähnliches Gedenken völlig aus und die Trauer der Bevölkerung blieb Privatsache. Ein Mangel, den später Hitler auszunutzen wusste.

Die Zeilen „Frieden, das ist mehr als das Ende des Krieges“, ein Zitat des heutigen UN-Generalsekretärs, Ban Ki-moon, zieren deshalb den Ausgang der Ausstellung. Ein guter Grund, sich die Ausstellung „14-18 Brüssel tickt deutsch“ anzusehen und die Belgier ein bisschen besser zu verstehen.

Das Museum der Stadt Brüssel

Wer ohnehin schon im Museum der Stadt Brüssel ist, sollte sich auch den Rest des kleinen Museums nicht entgehen lassen. Denn neben Skulpturen, Goldschmiedekunst, Porzellan und Wandteppichen aus dem 13. bis 20. Jahrhundert, ist dort auch die Originalstatue des Manneken Pis und seine Garderobe zu sehen.

Die Ausstellung „14-18 Brüssel tickt deutsch“

21.08.2014-03.05.2015
FR, NL, DE, EN
Eintritt: 2-4 Euro

Museum der Stadt Brüssel
Grote Markt – 1000 Brüssel
+32 (0)2 279 43 50
Dienstags bis Sonntags von 10 bis 17 Uhr, Donnerstags bis 20 Uhr
Am Montag sowie jeweils am 01.11, 01.01 und 01.05 geschlossen