1. Weltkrieg, Ypern: „Das bringt Dich zum Nachdenken“

Viel wird in den belgischen Medien über die Gedenkfeiern zum Ausbruch des I. Weltkriegs vor 100 Jahren berichtet. Die deutschen Medien haben das Thema seit einiger Zeit ebenfalls eifrig aufgegriffen und blicken auch nach Belgien, denn dort haben besonders im August zahlreiche Gedenkmomente stattgefunden. An denen nahmen zum Beispiel der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck und andere offizielle Vertreter aus Deutschland teil. Wie gehen jedoch deutsche Schulen mit dem Thema um? Interessieren sich jungen Leute in Deutschland eigentlich für den 1. Weltkrieg? Fladerninfo.be hat einen Geschichtsleistungskurs aus Köln auf seinem Rundgang im „In Flanders Fields Museum“ in Ypern, einer der wichtigsten Anlaufstellen für den 1. Weltkrieg in Belgien, begleitet.

Es ist der Morgen des 1. Juli 2014 und herrliches Sommerwetter. In Belgien sind bereits Sommerferien, im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen jedoch noch nicht.

Der Leistungskurs Geschichte der Kaiserin-Augusta-Schule in Köln hatte diesen Ausflug nach Ypern sehr kurzfristig angesetzt. Eigentlich war eine andere Aktivität geplant, aber die sei ins Wasser gefallen wie der Geschichtslehrer des Leistungskurses, Dr. Markus Wirtz, einen Tag zuvor am Telefon erklärt.

Während des Wartens auf den deutschen Leistungskurs am Dienstagmorgen vor dem Museum In Flanders Fields in Ypern, einem Museum über den 1. Weltkrieg, fällt ein Grüppchen laut diskutierender 15-jähriger Engländer auf. „Wir haben diese Fahrt schon vor einem Jahr geplant. Das hilft uns beim Lernen“, erzählt George aus Derby. Am Tag zuvor habe die Gruppe den britischen Ehrenfriedhof, ‘Tyne Cot Cemetery‘, besucht. An diesem Abend wolle man noch zum ‘Menin Gate Memorial to the Missing‘ und dem ‘Last Post‘, den Trompeten des britischen Totensignals zuhören. Außerdem gehe es zum deutschen Soldatenfriedhof Langemark.

Wenig Deutsche im Vergleich zu Briten

"Der erster Eindruck?", wiederholt George die Frage und antwortet prompt: "Emotional. Wir haben dort (‚Tyne Cot Cemetery‘, Red.!) Familienangehörige liegen, also ist das ziemlich schmerzlich für uns. Wir sind auch hier, um die Gräber unserer Verwandten zu suchen."

2013 haben insgesamt 415.500 Personen die Gegend vor dem Hintergrund des I. Weltkriegs besucht. Darunter waren 154.600 Briten, zeigen offizielle Zahlen einer Umfrage. Die Zahl der Deutschen, sowohl Erwachsenengruppen als auch Schüler, betrage 2.900 Besucher und sei im Vergleich zu den anderen Nationalitäten ein zu vernachlässigender Anteil, erzählt die Sprecherin des Museums In Flanders Fields, Petra Delvaux.

Obwohl es für dieses Jahr noch zu früh für genaue Zahlen sei, könne man bei individuellen Besuchen aus Deutschland schon feststellen, dass sogar für 2014 nur eine geringe Steigerung registriert wurde.

Delvaux hat eine Erklärung hierfür: "Die Soldaten der Briten und der Länder des Commonwealth liegen hier begraben. Sie wurden dort beerdigt, wo sie gefallen sind. Sie haben ein individuelles Grab. Entweder steht ihr Name auf dem Grab oder, wenn das nicht bekannt ist, auf dem Menentor (‘Menenpoort‘). Es gibt hier in der Gegend noch rund 150 Commonwealth Friedhöfe."

"Die Deutschen wurden repatriiert. In Westflandern gibt es noch vier deutsche Soldatenfriedhöfe. Dort befinden sich aber meistens Massengräber. Die britischen Besucher und die Besucher der Commonwealth Länder gehen hingegen zu einem echten, individuellen Grab und legen dort ein ‘Poppy‘ (Mohnblume) oder einen Kranz nieder. Für einen Deutschen ist das eher ein Grabstein auf dem Boden mit ein paar Namen darauf. Das ist viel weniger persönlich und in den Köpfen der deutschen Besucher ist das Thema auch weniger präsent."

Feldpost, Fotos und Zeitzeugen

Inzwischen ist es Mittag und der Geschichtsleistungskurs der Kaiserin-Augusta-Schule aus Köln ist im Museum In Flanders Fields in der Innenstadt von Ypern, in Westflandern, eingetroffen.

Die Schüler zwischen 16 und 18 Jahre holen sich ihr elektronisches Poppy-Armband für den Zutritt zum Museum ab. In das Armand ist auch Deutsch als eine von vier Sprachen einprogrammiert, in der man seinen Rundgang durchlaufen kann. Gleichzeitig trägt der Besucher das Band symbolisch als "Erkennungsmarke" wie ein Soldat des 1. Weltkriegs und entdeckt damit vier persönliche Geschichten im Laufe der ständigen Ausstellung.

"Wir haben uns natürlich sehr intensiv mit den einzelnen Themen zum 1. Weltkrieg beschäftigt und hier kann jeder noch etwas dazulernen", erklärt Annika vom Geschichtsleistungskurs der Kaiserin-Augusta-Schule. Auf die Frage, ob sie allgemein den Eindruck habe, dass sich viele Schüler in Deutschland für das Thema 1.Weltkrieg interessierten, antwortet die 16-Jährige: "Ich glaube, viele andere Schüler haben leider sehr wenig Ahnung von dem Thema und beschäftigen sich auch wenig damit – vielleicht mit dem 2. Weltkrieg, aber mit dem 1. Weltkrieg kaum."

Und was interessiert sie besonders an Ypern? "Ich würde gerne sehen, was hier noch von den Schlachten übrig geblieben ist, Fundstücke oder besondere Erinnerungen von den Soldaten, ob vielleicht Feldpostbriefe erhalten sind oder ähnliches und persönliche Erinnerungen - weniger den Verlauf, darüber lernen wir in der Schule."

Feldpostbriefe gibt es hier auch zu sehen, Landkarten von damals und heute, Postkarten, Fotos, Waffen und Uniformen aus der Zeit zwischen 1914 und 1918, aber auch lebensechte Figuren, die uns interaktiv ihre Geschichte des Krieges erzählen. Deutsche Soldaten lässt man im Museum ebenfalls zu Wort kommen. Und auch sie berichten von dem Gräuel an der Front, von den vielen Toten. Über 600.000 Tote fielen hierzulande.

Der "vergessene Krieg"

"An den verzweifelten Gesichtern konnte man gut erkennen, dass sie versuchten zu entkommen. Manche haben versucht, sich selbst zu erschießen", hört man eine deutsche Stimme erzählen und plötzlich steht ein Soldat lebensgroß und nur durch eine feine, klare Glasscheibe vom Besucher getrennt, vor einem, ein Augenzeuge.

"Auf dem Bauernhof lagen die Pferde tot in ihren Ställen, die Kühe, alles und jeder war tot. Alles, sogar die Insekten."

"Terror", das ist auch das, was der Kölner Schüler Johannes in erster Linie mit dem 1. Weltkrieg verbindet. "Wir wissen, dass in Ypern das erste Mal Giftgas – glaube ich - eingesetzt wurde und hoffen, dass wir hierüber mehr erfahren", so der 18-jährige Gymnasiast.

Ein Stück weiter erklärt eine andere deutsche Stimme hinter Glas sachlich und in eher offiziellem Ton: "Die Feuergeschwindigkeit, die Rasanz und Durchschlagskraft der Brisanzgranate war bis zur Höchstleistung gesteigert und somit die Grenze der Wirksamkeit erreicht worden."

"Das chemische Kampfmittel scheint das geeignetste Angriffsmittel zu sein, da das Gas ungehindert Erdbefestigungen überwinden…kann."

Die Person stellt den deutschen Chemiker Fritz Haber (kleines Foto) dar, der Chlorgas als strategische Waffe im Kriegseinsatz entdeckt hat und nach dem Einsatz des Giftgases bei Ypern zum Hauptmann ernannt wurde.

Bei Ypern wurde im April 2015 also erstmals Giftgas durch die Deutschen zum Einsatz gebracht. Trotzdem vermutet der Geschichtslehrer der Kaiserin-Augusta-Schule aus Köln, Dr. Wirtz, sei der Name Ypern in Deutschland relativ unbekannt, sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen.

"Die Schlachtorte des 1. Weltkriegs sind in Deutschland größtenteils in Vergessenheit geraten, weil die Erinnerung an den 2. Weltkrieg und an die furchtbaren Verbrechen, die Deutsche damals während des Nationalsozialismus begangen haben, die Erinnerung an den 1. Weltkrieg weitgehend überlagert hat. Und das ist auch in den Schulen so. Der 2. Weltkrieg wurde im Vergleich zum 1. lange Zeit und eigentlich auch noch bis heute viel intensiver behandelt, so dass Orte wie Verdun oder Ypern vielleicht nur noch ganz entfernt bekannt sind."

"Seit einigen Jahren gibt es Ansätze, das zu verändern, d.h. dem 1. Weltkrieg eine wichtigere Rolle, auch im Geschichtsunterricht, zuzumessen, aber es ist immer noch so, dass die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus deutlicher ausgeprägt ist als die Erinnerung an den 1. Weltkrieg."

"Bei uns ist Ypernreise Tradition"

In Nordrhein-Westfalen ist zwar inzwischen der 1. Weltkrieg gegenüber dem früheren Curriculum aufgewertet worden und ausdrücklich im Lehrplan vorgesehen, aber Tagesausflüge deutscher Schulen nach Ypern, wie der des Kölner Geschichtsleistungskurses, scheinen immer noch nicht selbstverständlich zu sein.

Viele britische Schulen kämen hingegen oft mehrere Tage in die Gegend von Ypern und hätten ein sehr umfangreiches Programm, so die Sprecherin des Museums, Delvaux. Sie kombinierten häufig ihre Reise mit einem Besuch der Schlachtfelder an der Somme in Frankreich.

"Für britische Schulen spielt der 1. Weltkrieg eine sehr große Rolle", erklärt der Geschichtslehrer Andrew Brinkley aus West Sussex, UK, in diesem Zusammenhang. Er ist mit einer 9. Klasse ins Museum nach Ypern gekommen. "Der 1. Weltkrieg ist ein Thema, das jede Schule in Großbritannien nach dem nationalen Curriculum durchnehmen muss. Das Thema ist nicht nur in den Köpfen der Lehrer präsent, sondern auch in denen der Schüler. In unserer Schule ist es Tradition, dass wir die Kinder jedes Jahr hierher bringen. Sie sind dann 14 oder 15 Jahre alt. Alle Schüler unserer Einrichtung machen diese Fahrt in der 9. Klasse."

"Ich war gerade auf dem britischen Ehrenfriedhof Tyne Cot Cemetry und dem deutschen Studentenfriedhof Langemark. Das bringt Dich zum Nachdenken - welches Ausmaß das alles hatte!", fällt Will ein. Er ist 14 und geht in die Klasse von Andrew Brinkley.

Auch Johannes vom Geschichtsleistungskurs der Kaiserin-Augusta-Schule in Köln findet, obwohl er sich lieber auf andere Epochen der Geschichte konzentriere, dass man diesen Teil der Geschichte auf jeden Fall kennen sollte, "um nicht die gleichen Fehler zu wiederholen."

Besuch eines Soldatenfriedhofs eher unüblich

Nach dem Rundgang im Museum und dem Spaziergang zum Menentor in Ypern hat sich der Leistungskurs Geschichte aus Köln an dem Tag letztlich dagegen entschieden, auch noch einen Soldatenfriedhof zu besuchen.

"Das liegt aber u.a. daran, dass es in Deutschland, im Unterschied zu britischen oder französischen Schulklassen, völlig unüblich ist, mit Schulklassen Soldatenfriedhöfe zu besuchen. Es fehlt dort die Gewohnheit, sich an die alten Schlachten zu erinnern und es besteht vielleicht auch eine gewisse Unsicherheit, wie man dort mit den Gräbern umgehen soll, weil sich die deutsche Armee, die Wehrmacht im 2.Weltkrieg, so dermaßen diskreditiert hat, dass man im Grunde auch den Bezug zu den Soldaten des 1.Weltkriegs verloren hat", so der Geschichtslehrer Dr. Markus Wirtz.

"Lange Zeit war es zudem relativ verpönt, sich überhaupt mit gefallenen Soldaten zu beschäftigen. Ich glaube aber durch das Gedenkjahr ist das Interesse wieder etwas stärker erwacht, vor allem, zum 1 Weltkrieg zu forschen."

Und natürlich müsse man den 1. Weltkrieg immer in Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg sehen. Gerade als Deutscher könne man das nicht trennen. Wenn man davon ausgehe, dass mit dem 1. Weltkrieg eine Art europäischer oder weltweiter Krieg angefangen habe, der eigentlich erst 1945 zu Ende gegangen sei, dann habe Deutschland eine ganz besondere Verantwortung, dass so etwas eben nicht wieder passiere, betont Dr. Markus Wirtz noch.

Und nachdenklich fügt er hinzu: "Eine mögliche Konsequenz, die man damit Schülern vermitteln kann, kann doch sein, dass man zum Beispiel der Europäischen Union bei aller Kritik auch sehr viel Positives abgewinnen kann, denn die europäische Einigung, die wir heute haben, ist doch das beste Mittel gegen solche verheerenden Konflikte wie sie vor 100 Jahren in Europa aufgetreten sind."