Belgiens Geheimwaffe 1914: "Geisterzüge"

Im Herbst 1914 ließ sich die belgische Armee etwas Besonderes einfallen, um den Vormarsch der deutschen Truppen aufzuhalten, zumindest aber zu erschweren. Sie ließen führerlose Züge mit voller Geschwindigkeit auf Eisenbahngeschütze der Deutschen auffahren oder sie blockierten mit gegeneinander fahrenden Zügen die Nachschubgleise der Angreifer.

Die deutsche Reichswehr setzte seit Ausbruch des Krieges schwere Geschütze ein, um die Festungsringe rund um die belgischen Großstädte zu knacken. Darunter waren unter anderem die 42 cm-Geschütze, die auch als „Dicke Bertha“ bekannt sind und waren.

Einige dieser großkalibrigen Kanonen waren auf Eisenbahnfahrgestelle montiert und beschossen von Boortmeerbeek bei Mechelen aus auf das knapp 30 km entfernte Antwerpen, bzw. auf die nahegelegenen Festungen von Sint-Katelijne-Waver und Koningshooikt. Aber, die Festungskanonen konnten das Feuer nicht erwidern, denn sie konnten so weit nicht schießen.

Also musste sich die belgische Armee etwas anderes einfallen lassen. Sie nutzten die Idee eines belgischen Offiziers, Leutnant Michel, der schon zu Beginn des Krieges mit so genannten „Wilden Zügen“ - so wurden führerlose Züge genannt, die zur Sabotage von Gleisanlagen eingesetzt wurden - Eisenbahntunnel zwischen Lüttich und der deutschen Grenze blockieren ließ. Auch in der Provinz Hennegau, durch die wichtige Bahnlinien in Richtung Frankreich liefen, wurden so Nachschubgleise für die Deutschen blockiert. Und in Boortmeerbeek hatten schon einmal zwei Geisterzüge Schäden an Gleisanlagen angerichtet (siehe auch beigefügten Beitrag "Reiseziel Front"...).

Riesige Zerstörung aber wenig Resultat

Die Idee sah folgendermaßen aus. Güterzüge wurden mit Sprengstoff und Schrott vollgeladen und auf Befehl in Fahrt gesetzt. Die Heizer und die Lokführer heizten, was das Zeug hielt und sorgten dafür, dass die Maschinen volles Tempo erreichen konnte. Dann sprangen sie von den anfahrenden Lokomotiven ab und machten sich aus dem Staub. Die Züge rasten auf deutsche Militärzüge oder wurden durch gezielte Weichenstellung zum Entgleisen gebracht und richteten teilweise schwere Schäden an. Viel genutzt hatte dies nicht, denn die deutschen Pioniere räumten die Trümmer rasch weg oder bauten Notgleise um die Trümmerberge herum.

Jetzt sollten diese Geisterzüge, die die Deutschen „Vernichtungszüge“ nannten, auch gegen die „Dicken Berthas“ helfen. Leutnant Michel erhielt Ende September den Auftrag, die deutschen Eisenbahngeschütze in Boortmeerbeek mit seinen „Wilden Zügen“ anzugreifen. Er befahl im Rangierbahnhof von Muizen bei Antwerpen vier Züge mit Steinen und Sand zu beladen und mit Sprengstoff-Ladungen auszurüsten. Gleiches geschah in Beerlaer bei Lier.

Am frühen Morgen des 27. September 1914 wurden die Geisterzüge auf den Weg geschickt, doch die Deutschen waren vorbereitet. Sie hatten einige Kilometer vor und hinter den „Dicken Berthas“ die Gleise mit riesigen Barrikaden aus Steinblöcken und Holzbalken blockiert, die die vier Züge aus Richtung Muizen aufhielten. Dabei entstand enormer Sacheschaden, mehr aber nicht. Die Kanonen schossen weiter und nach rund 170 Einschlägen in wenigen Tagen gaben die Festungssoldaten in Sint-Katelijne-Waver und Koningshooikt auf und der Weg nach Antwerpen war für die Deutschen frei.

Die Presse berichtet eifrig darüber

Über die Züge aus Beerlaer ist nicht viel bekannt. Damals berichteten Tageszeitungen, dass einer davon Aarschot in rasendem Tempo durchfahren habe und ein weiterer Zug sei vor Erreichen seines Ziels in Panne gefallen. Diesen Zug habe man dann nach dem Entschärfen in Richtung Lier abgezogen. Strategisch genutzt haben die Geisterzüge nicht. Sie sorgten allenfalls für eine Verzögerung des deutschen Vormarsches und bei der Versorgung der Angreifer mit Nachschub. Doch die Presse schrieb eifrig darüber, zumal einige spektakuläre Fotos (siehe oben) von den dadurch angerichteten Schäden die Runde machten…