Eine deutsche Studentin In Flanders Fields

Aus Anlass des Hundertjährigen des Ersten Weltkrieges, besuchte Lioba Wachter, Geschichtsstudentin an der Universität Tübingen und Praktikantin bei der VRT, das In Flanders Fields Museum in der alten Tuchhalle in Ypern. "Die Ausstellung eröffnete mir eine neue Sichtweise auf diesen Krieg, die Perspektive des kleinen Landes Belgien, das eigentlich hatte Neutralität wahren wollen", erzählt Lioba nach ihrem Museumsbesuch. Lesen Sie hier, welche Eindrücke Lioba mit zurück in die Redaktion gebracht hat.

Ypern ist noch heute merklich vom Ersten Weltkrieg geprägt. Das Städtchen in Westflandern war Schauplatz des Stellungskrieges, wurde während des Krieges völlig zerstört und erst danach wieder aufgebaut. Läuft man durch Yperns Straßen, fallen einem neben den Kleidergeschäften und Cafés auch Schaufenster auf, über denen in großen Lettern zum Beispiel „British Grenadiers‘ Bookshop“ steht, also Britische Grenadier Buchhandlung. Dort werden Tausende Bücher zum Ersten und Zweiten Weltkrieg und militärische Souvenirs verkauft.

Auch das Menentor erinnert an den Ersten Weltkrieg. Auf diesem großen Torbogen stehen die Namen all jener in der Umgebung gefallenen Soldaten, die aus dem Commonwealth stammten. Viele Kränze und Plastikpoppies, Mohnblumen, die das Gedenken der Briten an den Ersten Weltkrieg charakterisieren, liegen auf den Treppenstufen seitlich des Tors. Ein Kranz stammt von einem nordirischen Jugendorchester. „Für die Gefallenen, die heimgerufen wurden“, steht darauf. Unter dem Torbogen stehen zwei englische Großeltern, die ihren Enkeln den Namen eines gefallenen Verwandten zeigen. Die Kinder machen aufgeregt ein Foto mit ihrem Handy.

Der Erste und der Zweite Weltkrieg

Andere Deutsche sehe und höre ich kaum. Als deutsche Studentin der Geschichtswissenschaft in Tübingen wundert mich das wenig. Denn für uns Deutsche nimmt die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und vor allem an den damit einhergehenden Völkermord an den Juden fast den gesamten Raum ein, den wir für Gedenken haben. Die Untaten der Deutschen während des Zweiten Weltkrieges übersteigen die Kriegsgräuel des Ersten Weltkrieges, sodass wir dem Ersten Weltkrieg heute nur wenig Aufmerksamkeit schenken.

Das ist verständlich und zu guten Teilen auch richtig so. Dennoch wäre es gut, wenn wir versuchen würden zu verstehen, warum der Erste Weltkrieg für unsere Nachbarn immer noch eine so große Rolle spielt. Zumal der Zweite Weltkrieg ohnehin nur dann wirklich zu verstehen ist, wenn man den Ersten Weltkrieg mitberücksichtigt.

Zwar wusste ich vor meinem Besuch in Ypern bereits einiges über die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für die Großmächte Großbritannien, Russland, Frankreich, Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich. Aber welches Ausmaß an Gräueln der Krieg für das kleine, neutrale Land Belgien mit sich brachte, war mir bis dahin relativ unbekannt. Und das, obwohl ich in Brüssel aufgewachsen bin.

Die Missachtung der belgischen Neutralität

Fast niemand gibt den Deutschen heute noch die alleinige Kriegsschuld, wie sie 1919 im Versailler Friedensvertrag festgelegt wurde. Denn alle europäischen Mächte beteiligten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Wettrüsten und an der Kolonisation und auch Nationalismus entwickelte sich überall. Im In Flanders Fields Museum sind patriotisches Kinderspielzeug und kleine, originalgetreue militärische Uniformen für Kinder zu sehen, die das Ausmaß des damaligen Nationalismus deutlich machen.

Die Invasion Belgiens durch drei deutsche Armeen am 4. August 1914 war jedoch eine eindeutige Verletzung des internationalen Völkerrechts. Während die Briten die größte Flotte, die Franzosen koloniale Truppen, die Russen die meisten Soldaten und die Deutschen die stärksten Landstreifkräfte besaßen, war es seit 1839 die Taktik der Belgier gewesen, gegenüber allen Großmächten Neutralität zu wahren.

Das belgische Heer war dementsprechend sehr klein. Noch 1909 bestand es nur aus Berufsfreiwilligen und ausgelosten Rekruten und erst am 30. August wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. So war es nicht verwunderlich, dass die Belgier bei Kriegsausbruch nicht dazu in der Lage waren, sich den Deutschen zu widersetzen.

Auf den Boden des In Flanders Fields Museums, gleich zu Beginn der Ausstellung, ist eine große Karte Belgiens gedruckt. Darauf sind die großen Schlachten und die Tage verzeichnet, an denen verschiedene Orte von den Deutschen eingenommen wurden. Beim darüber hinweggehen, fühlt man sich als Besucher, als würde man selbst gerade in Belgien einfallen.

Um die Karte herum hängen französische, britische und deutsche Poster, die den Betrachter dazu auffordern, sich freiwillig als Soldat zu verpflichten. Gleichzeitig werden an eine Wand daneben bereits die Namen der umgekommenen Soldaten und Zivilisten projiziert, einer nach dem anderen. Ein Projekt des Museums, das 5 Jahre lang laufen wird, bis alle Namen einmal gezeigt wurden.

Furchtbare Vergeltung an Zivilisten

Die Belgier versuchten ihr Land im Raum Lüttich, an der Gete , in Namur und Antwerpen zu verteidigen. Die Franzosen unterstützten sie ab dem 5. August und die Briten folgten am 20. August. Während die belgische Verteidigung die Deutschen beeindruckte, gelang es auch mit französischer und britischer Hilfe zunächst nicht, die deutschen Armeen aufzuhalten.

Jedoch verlief der Schlieffenplan, nach dem die deutschen Armeen über Belgien innerhalb kürzester Zeit nach Frankreich gelangen sollten, viel langsamer als erwartet. Das frustrierte die deutschen Soldaten so sehr, dass sie begannen, Vergeltungsmaßnahmen gegen die Belgier zu ergreifen. Sie erschossen viele vermeintliche ‚francs-tireurs‘ (Heckenschützen).

Diejenigen, die die Deutschen für Zivilisten hielten, die sich ihnen unrechtmäßig in den Weg stellten, waren aber oftmals gar keine Zivilisten, sondern Mitglieder der belgischen ‚Garde Civique‘. Es waren also zum Beispiel Feuerwehrleute, die sich zur Verteidigung zusammen getan hatten. Weil die Garde Civique-Mitglieder aber keine volle Uniform trugen, sondern sich nur mit Uniformteilen oder Armbinden erkenntlich machten, erkannten die Deutschen sie nicht als Soldaten an, obwohl sie nach internationalem Recht dazu verpflichtet gewesen wären.

Für die Belgier war der Erste Weltkrieg also aus zwei Gründen besonders traumatisierend. Zum einen fand er innerhalb ihres eigenen Landes statt, das eigentlich hatte Neutralität wahren wollen. Dadurch war die Zivilbevölkerung von vorne herein stärker in die Kriegswirren verwickelt, als in Deutschland. Zum anderen lösten die deutschen Vergeltungsmaßnahmen besondere Angst und Wut unter der belgischen Bevölkerung aus.

Viele Belgier flohen vor der deutschen Invasion in die Niederlande, nach England oder Frankreich.

Gaswolken überm Niemandsland

Nach der Yserschlacht und der Ersten Flandernschlacht im Herbst 1914 hatte sich die Westfront, die sich von der Schweizer Grenze bis an die Nordsee zog, völlig festgefahren. Deutsche Armeen standen dort den Briten, Franzosen, Belgiern und gegen Ende des Kriegs auch einzelnen US Divisionen gegenüber. Getrennt wurden sie nur durch ein schmales, gefährliches Niemandsland. Der von allen Parteien erwartete schnelle, kurze Bewegungskrieg blieb aus.

In einem Versuch, aus der Pattsituation herauszukommen, setzten die Deutschen in einer Offensive am 22. April 1915, die später die zweite Flandernschlacht genannt wurde, zum ersten Mal Chlorgas ein. Im In Flanders Fields Museum läuft ein Video, in dem ein Schauspieler den deutschen Chemiker Fritz Haber darstellt, der das Gas für den Krieg weiterentwickelt hatte. Sehr sachlich erläutert er die Vorteile der Verwendung des Gases für die Kriegsführung. Ein weiter Schauspieler spielt einen britischen Soldaten, der den ersten Chlorgasangriff miterlebt hat. Er erzählt von sich auflösenden Lungen und dem Massensterben der Soldaten.

Fasziniert steht ein belgisches Kind vor dem Film und hört den Erklärungen seiner Mutter zu: „Guck mal. In solchen Flaschen war das Gas drin. Die sehen genauso aus wie unsere Camping-Gasflaschen. Nur war da Ypérite drinnen, Chlorgas und das war tödlich.“

So traumatisierend war der Einsatz von Chlorgas bei Ypern, dass das Gas noch heute unter dem Namen Ypérite bekannt ist. Am Verlauf der Frontlinie änderte sich trotz dem Einsatz des Gases fast nichts.

Durstig, hungrig und durchnässt

Alle Soldaten an der Front führten ein elendes Leben. In den oft nassen, schlammigen Gräben gab es Ratten und Ungeziefer, dafür aber kaum Essen oder Wasser. In der Ausstellung ist ein solcher Graben aufgebaut, damit man den Alltag der Soldaten etwas besser versteht. Sie litten Todesangst und wenn sie nicht kämpften herrschte Langeweile. In den Reservestellungen hinter der Front war das Leben ein bisschen erträglicher.

In abgetrennten Bereichen kann man sich im In Flanders Fields auch Bilder toter und stark verwundeter Soldaten ansehen. Manchen fehlen Gliedmaßen, oder Teile ihrer Gesichter. Die Fotos sind aber so aufgehängt, dass Kinder sie nicht sehen müssen. Sichtbar ausgestellt ist die einbeinige Unterhose eines Soldaten, der im Lazarett an seinen Verletzungen starb.

Blutiger Krieg bis zur völligen Erschöpfung

Am 6. April 1917 erklärten die Vereinigten Staaten dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten den Krieg. Trotzdem wurde die Lage der Alliierten in den letzten beiden Kriegsjahren immer schwieriger. Im März 1917 war es in Russland zu einer Revolution gekommen, die Bolschewiki übernahmen letztendlich die Macht und schlossen im November mit den Deutschen einen Friedensvertrag. So war der Krieg an der Ostfront beendet und die deutsche Armee konnte sich ganz auf die Westfront konzentrieren.

Die deutsche Frühjahrsoffensive im Juli 1918 scheiterte dann aber und Frankreich setzte zur Gegenoffensive an. Am 28. September begann der Befreiungsschlag in Flandern. Die letzten Monate des Krieges gehörten noch zu den blutigsten und beim Waffenstillstand am 11. November 1914 waren ausnahmslos alle erschöpft.

Zehn Jahre für den Wiederaufbau

Für die belgische Zivilbevölkerung fing nach dem Krieg der mühsame Wiederaufbau ihrer, vor allem in den Frontgebieten, völlig zerstörten Heimat an. Von der belgischen Küste bis an die französische Grenze waren rund 1000 Quadratkilometer durch den Krieg verwüstet worden. Die Ausstellung in Ypern zeigt Fotos der zahlreichen Ruinen, durch die man sich etwas besser vorstellen kann, wie eine Gegend aussieht, in der vier Jahre lang konstant ein Krieg wütet.

Ab 1919 kehrten die ersten Bewohner der ehemaligen Frontgebiete in ihre zerstörten Orte zurück. Zehn Jahre später war es ihnen bereits gelungen fast alles wieder aufzubauen. Viele Monumente, die an die Vernichtung und die Toten erinnerten kamen hinzu. Sie charakterisieren heute immer noch die Gegend.

Ein Perspektivwechsel

Durch sein Hundertjähriges hat sich mir eine neue Perspektive auf den Ersten Weltkrieg eröffnet. Die Perspektive eines kleinen Landes, das wider Willen zu einem der beiden Zentren des Krieges wurde und vier Jahre lang völlige Zerstörung über sich ergehen lassen musste. Nicht nur Städte, Dörfer und die Infrastruktur wurden verwüstet. 600.000 Menschen verloren allein in Belgien ihr Leben. Und darunter waren bei weitem nicht nur die Soldaten der beteiligten Nationen. Auch die Zivilbevölkerung konnte sich dem Krieg kaum entziehen. Sie hatten mit Lebensmittelknappheit zu kämpfen, die Besatzer zu ertragen und wurden verdächtigt ‚francs-tireurs‘ zu sein.

Auch wenn aus deutscher Sicht der Zweite Weltkrieg, der wie der Erste aus Nationalismus entstand, eine wichtigere Rolle spielt, sollten wir den Ersten nicht vernachlässigen. Das In Flanders Fields Museum hilft dabei, sich in unsere belgischen Nachbarn hineinzuversetzen und ihre Sicht auf den Ersten Weltkrieg und die der anderen beteiligten Nationen zu verstehen.