Charles Michel: Premier mit 38 Jahren

Das der 38 Jahre alte frankophone Liberale Charles Michel (MR) Premierminister von Belgien wird, mag überraschen und folgt weder den demokratischen Gepflogenheiten, noch der Logik nach dem Wahlausgang im Mai dieses Jahres. Eigentlich müsste der flämische Nationaldemokrat Bart De Wever (N-VA) als Wahlsieger Premier sein.

Das Amt des belgischen Premierministers könne man als frankophoner Politiker nicht ablehnen, sagte die MR-Eminenz Louis Michel, der Vater des designierten neuen Regierungschefs Charles Michel, nach dem klar wurde, dass der flämische Christdemokrat Kris Peeters (CD&V) aus dem Rennen war. Er musste klein beigeben, als seine Parteifreundin Marianne Thyssen EU-Kommissarin wurde. Zwei Posten mit einer derart breiten Ausstrahlung konnte den flämischen Konservativen nicht gegönnt werden…

Bart De Wever (Foto), mit seiner N-VA Wahlsieger bei den Parlamentswahlen im Mai, wollte den Posten nicht, auch wenn dieser ihm nach der Logik des Wahlausgangs zustand. Er wolle lieber Bürgermeister von Antwerpen und N-VA-Vorsitzender bleiben. Der führende flämische Nationaldemokrat als Premierminister Belgiens passte wohl nicht so ganz ins Bild.

Ob andere Kandidaten auch nicht wollten oder nicht durften - genannt wurden Michels Parteikollege (Freund wäre zu viel gesagt), Belgiens scheidender Außenminister Didier Reynders oder auch Kandidaten der flämischen Liberalen Open VLD, z.B. die belgienweit populäre scheidende Staatssekretärin für Asyl und Einwanderung, Maggie De Block - sei dahingestellt.

Es fehlt noch das Profil

Damit also übernimmt Charles Michel dieses Amt, ein Amt, dass dessen Vater Louis nicht vergönnt war. Es ist das erste Mal seit Paul-Emile Janson 1938, dass ein frankophoner Liberaler Premierminister einer belgischen Regierung wird. Charles Michel hat eine Blitzkarriere in der Politik hingelegt. Mit 24 war er schon Minister in der wallonischen Regionalregierung, dann recht schnell Bundesminister (für Entwicklungshilfe unter Ex-Premier Guy Verhofstadt), Parteichef und wichtiges Glied seiner Partei in der Bundespolitik in Brüssel. Als Sohn von Louis Michel hat ihm sein Familienname nicht unbedingt geschadet, doch ein eigenes Profil wird ihm auch nicht unbedingt attestiert.

Aber, ihm gelingt vieles und zwar auf diplomatische Weise. Sein Vater Louis Michel (Foto) war und ist eher ein aufbrausender Charakter. Sohn Charles aber kommt in Verhandlungen eher direkt auf den Punkt und er kann sich durchsetzen, ohne Krach zu machen.

Mit dieser Taktik hat er bis jetzt dem Spießroutenlauf im Brüsseler Regierungsviertel unbeschadet standgehalten, doch bei ihm zuhause, sprich im frankophonen Landesteil Belgiens, muss er zerbrochenes Porzellan kitten. Ihm wird dort übel genommen, dass er mit seiner liberalen Reformbewegung MR als einzige frankophone Partei mit der N-VA von Bart De Wever in See sticht. Kurz nach der Wahl im Mai 2014 hatte er noch vor laufenden Kameras kategorisch ausgeschlossen, jemals mit "egoistischen Nationalisten" eine Regierung zu bilden.

Alain Gerlache, Medienwatcher unserer frankophonen Rundfunkkollegen RTBF, schrieb am Mittwochmorgen in einer Kolumne für die flämische Tageszeitung De Morgen, dass Charles Michel eine Charmeoffensive brauche, so, wie sie Noch-Premier Elio Di Rupo (PS) im Zuge seines Amtsantrittes als Frankophoner Regierungschef  in Flandern erfolgreich gestartet hatte. Allerdings, so Gerlache, müsse dies in Wallonien geschehen...