"Kampf gegen Anti- Semitismus gescheitert"

Belgiens Premierminister Charles Michel (MR) sagte am Montagabend im Rahmen einer Gedenkfeier zum 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in der Großen Synagoge in Brüssel, dass der Kampf gegen den Antisemitismus gescheitert sei. Er beobachte, dass sich der Antisemitismus in Belgien in einer dramatischen Spirale befinde.
Nicolas Maeterlinck

Premier Michel sagte in der Großen Synagoge in Brüssel, dass es in der Geschichte nichts mit der Shoah zu vergleichendes gebe, als das was vor 70 Jahren geschehen sei, als ob es gestern gewesen sei. Und er wiederholte noch einmal die Verurteilung dieses niemals zu vergebenden Verbrechens. „Ich bin auch hier, um ihrer Gemeinschaft die Solidarität der Regierung zu übermitteln, denn diese wird wieder von antisemitischem Hass getroffen. Bei den Anschlägen auf Charlie Hebdo und auf den jüdischen Supermarkt sind Menschen umgekommen, weil sie Journalisten, Polizisten oder Juden waren.“

Der belgische Regierungschef sagte aber auch, dass sich der Antisemitismus auch in unserem Land derzeit in einer „dramatischen Spirale“ befinde.

Er verwies dabei auf den Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel im Mai letztes Jahr, bei dem drei Menschen ums Leben kamen und auf die Ereignisse im Athenäum im Brüsseler Stadtteil Laken, wo eine jüdische Schülerin nach Drohungen die Schule verlassen hatte.

Michel zitierte eine Studie, bei der 5.800 Menschen in der Europäischen Union zu ihren Empfindungen gegenüber dem Judentum befragt wurden.

Hier hätten 78 % der Befragten angegeben, das Gefühl zu haben, dass der Antisemitismus in der EU in den vergangenen 5 Jahren schlimmer geworden sei: „In Belgien denken 40 % der Juden daran, das Land zu verlassen. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist gescheitert. Ich lehne aber ab, dass sie diese Wahl treffen. Belgien ohne die Juden wäre kein Belgien mehr.“

Der Premierminister betonte, dass die sich Gesellschaft stärker gegen Judenhass auflehnen müsse. Dies müsse eine „nationale Angelegenheit“ werden: „Alle Klagen müssen protokolliert und verfolgt werden. Wenn es in Belgien zu einer antisemitischen Tat kommt, dann wird immer auch die gesamte belgische Gesellschaft angegriffen.“

Brüssels Großrabbiner Albert Guigui forderte in seiner Ansprache, dass die Shoah ihren Platz im historischen Gedächtnis unseres Landes haben müsse.

Nicolas Maeterlinck

Gedenkfeier in Auschwitz

70 Jahre nach der Befreiung durch die sowjetische Armee wurde an diesem Dienstag in Anwesenheit zahlreicher Staats- und Regierungschefs aus ganz Europa und Überlebender im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz in Polen der Opfer des Holocaust gedacht.

Belgien wurde bei dieser Gedenkfeier durch König Philippe und Königin Mathilde, sowie durch Premierminister Charles Michel und einer Delegation der jüdischen Gemeinschaft unseres Landes vertreten.