Brüssel 1914-1918 - Entdeckungsreise Teil 1

Die belgische Hauptstadt Brüssel überstand den Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren recht ungeschunden. Kriegsschäden gab es kaum. Doch gehört Brüssel zu den am längsten von den Deutschen besetzten Städten in Belgien. Und dieser Umstand hatte großen Einfluss auf die Menschen hier. Brüssel lässt sich anhand von Stationen, die zwischen 1914 und 1918 eine wichtige Rolle gespielt haben, erwandern.

Am 20. August 1914 marschierten die Deutschen in Brüssel ein. Sie kamen in Paradeaufstellung aus Richtung Triumphbogen und Jubelpark und zogen zum Großen Markt. Brüssels damaliger Bürgermeister Adolphe Max hatte die Bevölkerung dazu aufgerufen, nicht gegen die Deutschen zu kämpfen und so fanden keine zerstörerischen Gefechte hier statt.

Die Deutschen blieben bis November 1918 und hinterließen doch ihre Spuren in der belgischen Hauptstadt. Nach dem ‚Großen Krieg‘ wurden zudem Denkmäler errichtet, die an einige Ereignisse aus dieser Zeit erinnern. Unser Stadtspaziergang führt entlang einiger dieser Zeitzeichen und lässt ein Brüssel entdecken, wie es nicht unbedingt im Reiseführer steht.

Der Einmarsch

Die deutschen Truppen sammelten sich zum Einmarsch am 20. August 1914 am Jubelpark und zogen durch den Triumphbogen in Brüssel ein. Diese Anlage ließ König Leopold II. zum Anlass des 50. Jahrestags der belgischen Unabhängigkeit bauen. Dieser Park sollte der Welt die Stärke des Landes Belgien zeigen und wurde auf einem früheren Truppenübungsplatz außerhalb des Stadtzentrums errichtet. Dass die Deutschen ausgerechnet hier einmarschierten, hatte natürlich großen symbolischen Wert.

Heute sind die Anlagen des Jubelparks eine grüne Oase zur Erholung der Brüsseler geworden. Und die riesigen und imposanten Bordiau-Hallen (benannt nach ihrem Architekten Jules Bordiau) rechts und links neben dem Triumphbogen beherbergen zum einen das Armeemuseum (Foto) mit einer riesigen Sammlung an Ausstellungsstücken aus dem Ersten Weltkrieg. Hier lässt sich erfahren, mit welch primitiven Mittel der Krieg begann und wie sich die Technik während dieses zerstörerischen Waffengangs entwickelte.

Gegenüber des Armeemuseums befindet sich die ‚Autoworld‘, das Brüsseler Automobilmuseum. Mit ständigen Wechselausstellungen und einer tollen Sammlung an Autos aus allen Entwicklungsstufen ist dieses Museum sehr zu empfehlen. Nicht zuletzt, weil dort die weltweit größte Sammlung von Autos der legendären belgischen Automarke Minerva zu sehen ist.

Ins Regierungsviertel

Vom Jubelpark aus empfiehlt sich eine etwa 1,5 km lange Wanderung durch das Europaviertel in Richtung Warandepark im Regierungsviertel von Brüssel. Dort führt der erste Weg zum Palast der Nationen, vor dem König Albert I. (Foto) auf seinem Pferd sitzend eine flammende patriotische Rede an seine Untertanen richtete.

Schon diese Rede gehörte zu den Fundamenten seiner Legende, die ihn im Laufe des Ersten Zum ‚Soldatenkönig‘ werden ließ. Vier Jahre später, nach einer dunklen Zeit des Krieges in Belgien, erklärte der König am 22. November 1918 den Krieg in seinem Land für beendet.

Zwischen diesen beiden Ereignissen wurde der Palast der Nationen als deutsches Militärgericht genutzt. Dort wurden auch die Todesurteile gegen 35 Widerstandskämpfer ausgesprochen. Darunter war auch die Britin Edith Cavell.

Während der deutschen Besetzung wurde das unweit des Palastes der Nationen am Warandepark befindliche Königliche Parktheater zur Schaubühne für die deutschen Soldaten. Ein eigenes Stammensemble sorgte im ‚Deutschen Theater in Brüssel‘ mit oft burlesken Stücken für die Unterhaltung der in der besetzten belgischen Hauptstadt stationierten Soldaten und Beamten.

Königspalast

Über dem Königspalast (Foto) am Warandepark wehte am Anfang des Krieges die Fahne des Roten Kreuzes. Königin Elisabeth hatte beschlossen, im königlichen Stadtpalast ein Lazarett einzurichten.

Anfangs wurden hier nur belgische oder französische Soldaten gepflegt, später, auch schon vor der deutschen Besetzung, kamen aber auch deutsche Soldaten hinzu. Nicht zuletzt empfiehlt sich am Warandepark auch ein Besuch des BELvue Museums, das der Geschichte Belgiens gewidmet ist und als Zentrum der Demokratie gilt.

Vom Justizpalast zum Stadtzentrum

Vom Warandepark aus empfiehlt sich ein kleiner Spaziergang entlang der Regentschapstraat/Rue de la Régence in Richtung Justizpalast. Der Weg führt entlang von Brüssels wichtigsten Kunstmuseen, dem Rechnungshof, der Kleinen Zavel und der Liebfrauenkirche an der Zavel mit ihrem Modell eines kleinen Bootes, mit dem eine Marienstatue 1348 von Pilgern geraubt, nach Brüssel gebracht wurde.

Über diese Straße läuft man direkt auf den Brüsseler Justizpalast (Foto) zu. Dieses vom von den Brüsselern bis heute geschmähten Architekten Joseph Poelart zwischen 1866 und 1883 erbaute Monstrum sorgte dafür, dass das damalige Stadtviertel Bovendael, eine Wohngegend für kleine Leute, quasi von der Erdoberfläche verschwinden musste. Poelart wurde im Brüsseler Dialekt „schieven architek“ genannt (Übersetzung überflüssig) und noch heute trägt eine Kneipe am Vossenplein/Place du Jeu de Balles, wo der tägliche Flohmarkt im Marollenviertel stattfindet, diesen Schmähnamen…

Am Anfang des Ersten Weltkriegs wurde der Justizpalast zu einem Lazarett bzw. zu einem Krankenhaus. Nach dem Einmarsch der Deutschen änderte sich die Bestimmung zunächst, denn der enorme Zustrom von Deutschen in Brüssel - Soldaten und Beamte - erforderte Schlafplätze und so wachte Justitia nachts über die schlafenden deutschen Besatzer…

BELGA/VERGULT

Briten ehren Belgier

Der Platz vor dem Justizpalast ist zu Ehren des Architekten Poelartplatz genannt worden. Auf diesem Platz befinden sich zwei Denkmäler, die sich auf den Ersten Weltkrieg beziehen. Zum einen ist dies das ‚Nationaldenkmal zu Ehren der belgischen Infanterie‘. Fast drei Viertel der gefallenen belgischen Soldaten während des großen Krieges waren Infanteristen…

Zum anderen befindet sich quasi gegenüber des Justizpalastes das 1923 von Großbritannien gestiftete ‚Monument der britischen Anerkennung gegenüber der belgischen Nation‘ (Foto). Damit bedankten sich die Briten für die Versorgung und die Pflege von verwundeten Soldaten durch die Bevölkerung.

Viele Belgier hatten während des Krieges britische Soldaten gepflegt, wenn diese verletzt waren, oder vor den Deutschen versteckt, bevor sie außer Landes gebracht werden konnten. Nicht wenige Landsleute bezahlten dies mit Zuchthausstrafen oder sogar mit dem Leben.