Ein ehemaliger Spitzenpolitiker, aber auch ein Ikarus

Der Tod des Staatsministers und ehemaligen Spitzenpolitikers der flämischen Sozialisten, Steve Steveart, beschäftigt in Belgien am heutigen Freitag alle Zeitungen und ihre Kommentatoren. Der Vergleich mit Ikarus, der sich bei seinem Flug zu dicht an die Sonne wagte, die ihm die Wachsflügel verbrannte und der daraufhin in den Tod stürzte, ist stets irgendwie präsent.

In der Zeitung Het Belang van Limburg schreibt Indra Dewitte, dass das einstige Gotteskind der Sozialisten getroffen und des Kampfes müde gewesen sei. Die Aussicht, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden, hatte das Fass zum überlaufen gebracht.

Dewitte betont auch, dass wir Journalisten uns wie die Geier darauf gestürzt hätten. Wir wollten alle in der ersten Reihe stehen, um die Suche nach Stevaert und die Fahnder zu zeigen, den Platz des Geschehens und dann seine Leiche. Getrieben vom Hunger des Scoops und der Hoffnung, der Schnellste zu sein, hätten wir das wichtigste Regelwerk eines guten Journalismus vergessen: Die Deontologie. Wir stünden diesbezüglich sowieso schon eine ganze Weile an einer Kreuzung. Wir würden von den sozialen Medien getrieben. Scoops seien wichtig, aber Ethik sei das eben genauso.

Auch die Justiz dürfe sich nach dieser Sache an die eigene Nase fassen und einmal gründlich über ihr Handeln nachdenken. Die Kommunikation der Pressesprecherin der Brüsseler Staatsanwaltschaft sei erbärmlich gewesen. Natürlich seien Transparenz und Offenheit eine gute Sache, aber unsere Justiz müsse in erster Linie unparteiisch sein und sich an das Berufsgeheimnis halten. Für jeden gelte zunächst solange die Unschuldsvermutung, bis das Gegenteil bewiesen sei. Stevaert, habe gierig gelebt und sei traurig gestorben.

In De Morgen will Yves Desmet, dass erst einmal nachgedacht werde, bevor man handele. Dies gelte vor allem für die Justiz. "Sollte die Justiz nicht erst einmal nachdenken, bevor sie die Presse von einer Überstellung eines Spitzenpolitikers an einen Strafrichter unterrichetet, vor allem, wenn der Betroffene selbst noch gar nicht darüber informiert worden war?"

Der Betroffene, der die Medienwelt gut kennt, habe am Abend zuvor von einem Journalisten erfahren müssen, dass er in den kommenden Monaten als flämischer DSK durch das Leben wird gehen müssen.

Müsse der Journalismus seinerseits nicht auch einmal über die Art und Weise nachdenken, mit der wir Politiker in den Himmel preisen und danach auf sein politisches Grab spucken? Darüber, wie wir so eine Generation von Ikarus-Politikern heranziehen? Mit so vielen tollen und guten Geschichten, die wir aufgreifen, wenn die Politiker mit ihren angeklebten Flügeln zur Sonne aufsteigen und noch viel unterhaltsameren Geschichten, wenn sie auf die Erde abstürzen?

Sei es denn echt nötig gewesen aufgeregt am Ufer des Kanals zu stehen, um zu melden, dass wir vorläufig nichts zu melden hätten? Dass wir Sondersendungen auf Antenne setzen, um über ein im Grunde existierendes Privatdrama direkt zu berichten? Und damit die Angst von Stevaert, vor dem, was ihn erwarten würde eigentlich noch anschürten? Natürlich dürften wir über diese Sache berichten, aber könne man das vielleicht mit etwas mehr Zartgefühl machen, etwas weniger aufgeregt?

Wenn es einen Tag gegeben habe, an dem man sich von den sozialen Medien gerne hätte trennen wollen, dann sei das auch gestern gewesen, sagt Desmet. Selten hätten die Kanäle des Internets schamloser und stinkender gerufen, habe jede Mitmenschlichkeit, jedes Mitleid und sogar jede Scham völlig gefehlt. Selten hätten wir besser gesehen, wie hart und dumm diese Gesellschaft geworden sei, heißt es in De Morgen.

In Het Laatste Nieuws nennt Jan Segers Stevaert einen außergewöhnlichen Sozialisten. Unvergleichlich. Unnachahmbar. Man habe vier Sozialisten, die über allen anderen herausragten, ein Zitat von Freddy Willockx: Karel Van Miert, Willy Claes, Louis Tobback und Steve Stevaert.

Was Guy Verhofstadt für die Blauen (Liberale, Red.!) sei, Yves Leterme für die Orangenen (Christdemokraten, Red.!) und Bart De Wever für die Gelben (flämischen Regionalisten, N-VA, Red.!), sei  Steve Stevaert für die Roten (Sozialisten, Red.!) gewesen: Der Beliebteste, der Mächtigste, der Einflußreichste, kurzum der Beste.

Isabel Albers von der Zeitung De Tijd schreibt: Selten habe es in der belgischen Politik einen Politiker gegeben, der aus dem Nichts so hohe Gipfel erreichte, um danach so in Ungnade zu fallen. Niemand wisse, was sich gestern in seinem Kopf abgespielt habe. "Ist er vor der Aussicht eines öffentlichen Prozesses eingeknickt? Hatte er seine Vorladung vor der Ratskammer sogar seinem Anwalt verschwiegen?"
 

Die französischsprachige Zeitung La Libre Belgique spricht vom tragischen Ende eines Volksidols.

"Der wegen Vergewaltigung angeklagte ehemalige Präsident der SP.A , Steve Stevaert, ist ertrunken aus dem Albertkanal gezogen worden. Der Kaffeebesitzer ist zumLiebling Flanderns geworden, bevor er der Politik den Rücken kehrte", heißt es auf der Titelseite. Und mit "Steve Stevaert, kompromisslos bis zum Ende" geht es weiter.

Le Soir weiß offenbar schon jetzt ganz sicher: "Der Staatsminister hat sich am Donnerstag umgebracht." Der Niedergang dieses untypischen Politikers sei ebenso schnell gewesen wie sein einstiger Aufstieg.