Von der Welt als Scheibe bis Google Maps und GPS

Gleich mehrere Antwerpener Museen widmen sich in diesen Tagen der Entwicklung der Kartografie: Unter dem Titel „Die Welt gespiegelt“ zeigt das Museum am Strom (MAS) noch bis zum 16. August 2015 in einer umfassenden Ausstellung die Geschichte der Weltkarte. Diese Weltkarten zeigen auf, was der Mensch zu welcher Zeit über die Erdkugel, sofern sie denn als solche bekannt war, wusste. Vieles war aber auch dem Glauben und der Fantasie untergeordnet.

Im christlichen Mittelalter galt Jerusalem als das Zentrum der Welt und somit auch der Weltkarte. Alles, was sich am Rande dieser Welt befand, war gefährlich und die entsprechenden ersten geografischen Karten zeigten denn auch Monster und Untiere aus dem Fabelwesen. Die Ausstellung „Die Welt gespiegelt“ im MAS beginnt denn auch mit einigen Weltkarten aus dieser Zeit, die zwar von wenig Wissen zeugen, die aber wunderbares Handwerk aus der Zeit von der Buchdruckerkunst belegen.

Aber, schon früh begegnen sich das christliche Abendland und die arabische Welt und damit lässt sich auch entsprechendes karografisches Wissen austauschen. Eine Weltkarte aus dem Jahr 1193 des persischen Geografen und (Welt)reisenden Al-Istakhri, die aus der Universitätsbibliothek von Leiden (NL) kommt, ist eine Arbeit, deren Grundlage eine Karte des 1.000 Jahre zuvor lebenden griechischen Wissenschaftlers Ptolemaeus ist.

Hier fließen das Wissen des Westens und des Nahen Ostens zusammen. Doch bleibt die Welt bis zu diesem Zeitpunkt eine Scheibe, auch wenn die folgenden Beispiele der Ausstellung - Karten aus Venetien, den Niederen Landen, Sachen oder Skandinavien - belegen, das Reisen bildet und das gerade dies auch der kartografische Wissenschaft förderlich war.

Gegen Ende des Mittelalters greifen stets mehr Seefahrer in die Entwicklung der Weltkarten ein, denn deren Erkenntnisse weichen von dem ab, was uns der Aberglaube der christlichen Frühzeit lehrte.

Hollywood

1230 konnte dann der englische Wissenschaftler und Astronom John de Hollywood belegen, dass die Welt eine Kugel ist. Die Ausstellung zeigt als Kopie aus dem Jahr 1556 einen Ausschnitt dessen Arbeit und daraus ist zu erkennen, wie wichtig dessen Arbeit schon vor dem Werk eines gewissen Kopernikus gewesen ist. Doch noch immer lassen sich die Macher von Weltkarten nicht von den Seemonstern am Rande des Horizonts abbringen und bis in die Renaissance hinein, sorgen diese für Angst und Schrecken, auch wenn die Spitze Südamerikas schon in Sicht ist...

Und nicht zuletzt sorgt die Arbeit eines Galileo Galilei für den nötigen Schrecken bei der Kirche. Und der 1515 eine Zeitlang in Antwerpen lebende und wirkende Engländer Thomas More träumt von seiner humanistischen Insel Utopia, was der Antwerpener Kartograf Abraham Ortelius 1596 zeichnerisch umzusetzen weiß, wie die einzige die Zeit überstandene Karte in der Ausstellung belegt. Bis ins 17. Jahrhundert hinein wird an den europäischen emsig an der Entwicklung der Weltkarte gearbeitet, was viele Originalkarten oder historisch heute ebenfalls nicht minder wertvolle Kopien auch aus den Archiven der Unis aus Löwen oder Antwerpen belegen.

Wettlauf der Weltmächte

In der Folge werden Europa und die Welt immer größer, denn Reisende und abenteuerhungrige Wissenschaftler begeben sich in alle Windrichtungen. Asien und Australien werden entdeckt und die Kartografen schöpfen aus den Aufzeichnungen der Rückkehrer neues Wissen. Im 18. und 19. Jahrhundert wetteifern Franzosen und Briten mit ihrem Wissen.

Die französische Kartografen-Familie Cassini nutzt die Dreiecks-Geografie zur Erstellung von stets genaueren Karten. Und der englische Astronom Halley sorgt zu Beginn des 18. Jahrhunderts für spektakuläre Hilfe bei maritimen Karten und bei der Erforschung der Ozeane.

Nicht zuletzt sorgen Erfindungen in England für eine korrektere Berechnung über den Längengrad. Von Frankreich und England aus brechen immer mehr Weltreisende auf, darunter auch solche aus den Niederen Landen. Und diese machen über die Erfahrung der Menschen, denen sie in fernen Ländern und Regionen begegnen, weitere Schritte in der Erfassung der Welt.

Weiße Flecken und Jules Verne

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wies die Welt nur noch wenige weiße Flecken auf. Die europäischen Kolonialherren beschränkten sich auf dem afrikanischen Kontinent fast nur auf die Westküste, auf den Maghreb und auf Südafrika. Und die Antarktis war ebenfalls eine Unbekannte. Im Auftrag des noch jungen belgischen Königreichs machte sich der Entdecker Henry-Morton Stanley auf den Weg, das Herz Schwarzafrikas zu durchkreuzen und der Belgier Adrien de Gerlache zog mit dem Dampfsegelschiff „Belgica“ gen Südpol. Die Expeditionen gelingen und liefern Erkenntnisse von unschätzbarem Wert für die Kartografie.

Doch immer noch beherrschen Fantasien von unbekannten Welten die Köpfe vieler Menschen. Einer davon ist der Franzose Jules Verne. Er nutzt für seine romantischen Abenteuer die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Errungenschaften, um in die Tiefe der Meere, ins Innere der Erdkugel und ins Weltall vorzurücken. Wie Wissenschaft und Technik die Fantasie Vernes beeinflussten, belegt die Ausstellung „Die Welt gespiegelt“ mit einem vom Hamburger Anlagenbauer Karl Bernhardt hergestellten Taucherhelm von Anfang des 20. Jahrhunderts (Foto)…

Fazit: Die Londoner U-Bahn

Seit dem vergangenen 20. Jahrhundert scheint die Kartografie perfekt zu sein. Kaum noch ein Flecken Erde ist heute unbekannt. Die Kartografie als solche deckt heute nicht nur die Oberfläche der Welt ab, sondern spezifische Bereiche, mit z.B. der Karte der Londoner U-Bahn als praktischem Höhepunkt. Die berühmte Tube Map ist allerdings kein Werk eines Geo- oder Kartografen, sondern des arbeitslosen Zeichners Henry Beck, der 1931 nach einer Möglichkeit suchte, die Nutzung von „London Underground“ einfacher zu gestalten. Doch weder Jules Verne, noch Henry Beck konnten erahnen, was Jahrzehnte später die NASA, Google und ein gewisser Herr TomTom möglich machen.

Antwerpen im Banne der Kartografie

Der Weg dahin war und ist aber spannend, wie das Museum am Strom mit „Die Welt gespiegelt“ in Koproduktion mit vier weiteren Museen und Initiativen unter dem Programm „Antwerpen im Banne der Kartografie“ beweisen.

Das Museum Plantin-Moretus erzählt mit der Ausstellung „Die Stadt gezeichnet“ die Geschichte der Antwerpener Stadtkarte, das Museum Rockoxhuis beschäftigt sich mit dem Antwerpener Kartografen Abraham Ortelius (1527-1598), die Kulturerbe-Bibliothek Hendrik Conscience fasst in der Ausstellung „Die sieben Weltmeere“ Europas Erfassung der Ozeane anhand von Karten- und Atlasmaterial und der Globusse von Mercator zusammen und das FelixArchiv der Stadt Antwerpen lässt einmalige handgefertigte historische Landvermessungskarten sehen.

Zudem ist Antwerpen vom 12. bis zum 17. Juli 2015 Gastgeber der „25. Internationalen Konferenz zur Geschichte der Kartografie“ (ICHC 2015). Info: www.ichc2015.be