Liegt das frankophone Schulsystem in Belgien so sehr daneben?

Die Unternehmensberatung McKinsey hat Ministerin Joëlle Milquet einen vernichtenden Bericht über den Zustand des Unterrichts in der Föderation Wallonie-Brüssel vorgelegt. Die Studie zieht Bilanz der aktuellen Situation im Schulwesen und veröffentlicht nach Themenbereiche geordnete Analysen, schreibt die französischsprachige Zeitung Le Soir an diesem Donnerstag.

Mc Kinsey sei auch die Gesetzestexte durchgegangen, die das französischsprachige belgische Bildungswesen seit 1957, als der so genannte Schulpakt in Belgien geschlossen wurde, festlegen, heißt es weiter.

Mc Kinsey habe diese Gesetzestexte den Reformen, die in 20 Ländern beschlossen wurden und in denen die Qualität des Unterrichts in der Folge ansehnlich verbessert wurde, gegenübergestellt.

Das Ergebnis falle gnadenlos aus, so die Zeitung Le Soir: „Die französische Gemeinschaft hat sich für Lösungen entschieden, die denen der als ‘vorbildlich‘ geltenden Länder radikal entgegengesetzt sind." Im Durchschnitt seien 62 Prozent der umgesetzten Reformen hierzulande struktureller Natur (Schultyp bzw. Schulnetz, Schulaufsichtsbehörde, Studienrichtung, etc.) gegenüber nur 15 Prozent in den Schulsystemen, mit denen das frankophone Schulsystem verglichen wird. Im Gegensatz dazu widmen die "Musterschulen" ihre Reformen überwiegend (70 Prozent) den „Abläufen“ (Übertragung von Verantwortung auf die Akteure, Fortbildung im Personalbereich, Festlegung der Programme). In der französischen Gemeinschaft liegt dieser Anteil bei 24 Prozent.

Eine der vier Beurteilungen, die McKinsey gleich mitliefert, lautet, dass zunächst einmal diejenigen Schuleinrichtungen in der Föderation Wallonie-Brüssel herausgesucht werden müssten, in denen ein Besuch der Schulaufsichtsbehörde nötig sei.

Hierzulande konzentriere man sich darauf, das Zeitfenster so einzugrenzen, dass alle Einrichtungen inspiziert werden könnten. In diesem Zusammenhang liefert der Bericht jedoch die Beschreibung eines beispielhaften Vorgehens in den Niederlanden. Für jede Einrichtung dort werde auf Grundlage der Ergebnisse standardisierter Tests, denen die Schüler unterzogen werden, auf Basis der Selbsteinschätzung der Bildungseinrichtungen, der Grundlage des Finanzberichts der Einrichtung und auf Grundlage eventueller Beschwerden von Eltern eine Risikoanalyse erstellt. Erst danach würden Art und Häufigkeit des Besuchs der Schulbehörde in den jeweiligen Einrichtungen festgelegt.

Eine weitere Beurteilung von McKinsey lautet: Die Schulgrundausbildung, wie sie derzeit organisiert sei, weise Mängel auf. Bei Gesprächen von McKinsey mit Schul- und Politikvertretern über „gute Praktiken“, stelle man fest, dass eine Verbesserung der Anforderungen für Grundschullehrer, angebracht wäre.

„Einfacher ausgedrückt: Um sich in eine pädagogische Laufbahn zu stürzen, reicht ein Diplom der Fachhochschule aus. In anderen Ländern, zieht der Bericht Bilanz, ist das Anforderungsniveau angehoben worden, zum Beispiel was die Beherrschung der Sprachen angeht – eine Schwachstelle in der französischsprachigen Gemeinschaft.“