Wo ist die Blechdose von Rupert Brooke?

Einer Legende nach suchten die deutschen Besatzungstruppen während der Besetzung Antwerpens im Ersten Weltkrieg nach einer Blechdose, in der unveröffentlichte Gedichte des britischen Schriftstellers Rupert Brooke (1887-1915) vermutet wurden. Diese Blechdose hatte Brooke beim Rückzug tatsächlich verloren, doch warum die Deutschen sie angeblich emsig gesucht haben, bleibt bis heute ein Mysterium.
©2014 brilk
Die Belagerung von Antwerpen

In dieser Woche widmete die flämische Tageszeitung Gazet Van Antwerpen der Geschichte der Blechdose von Rupert Brooke eine ganze Seite, denn dem in der Scheldemetropole lebenden Hobby-Historiker Willy Jacobs lässt dieses Thema keine Ruhe.

Der schon damals berühmte Dichter und Poet Rupert Brooke erreichte das umkämpfte Antwerpen wahrscheinlich am 4. Oktober 1914, an einem Sonntag, und zwar aus Richtung Ostende. Dies belegen Briefe, die von ihm aufgefunden wurden. Er und weitere britische Soldaten wurden in Begleitung von belgischen Kameraden nach Oude God, damals ein kleiner Weiler in Mortsel bei Antwerpen, beordert.

Amateurhistoriker Willy Jacobs erzählte der Redaktion der Gazet Van Antwerpen, dass sich einige britische Offiziere an diesem Abend abseits der anderen Soldaten gehalten hätten: „Während sich hunderte Soldaten daran machten, in einem Park einen Schlafplatz zu finden, hielten die britischen Offiziere ein Candlelight-Dinner in einem verlassenen Schloss ab.“

In diesen Tagen allerdings intensivierten die Deutschen ihre Angriffe auf Antwerpen und der Belagerungsring schloss sich immer enger. Brooke und seine Kameraden mussten also schleunigst die Gegend um Antwerpen verlassen, um nicht in die Falle der Angreifer zu geraten. Offenbar war dieser Rückzug eine spontane Aktion oder die Briten mussten Hals über Kopf während eines Artillerieangriffs das Weite suchen. Unser britischer Poet hat dabei offensichtlich sein Gepäck verloren, wie Jacobs dazu erzählt.

An Weihnachten 1914 schrieb Rupert Brooke in einem Brief an seinen Freund, den amerikanischen Dichter und Diplomaten Russel Loines, dass er einige Erlebnisse zu Papier gebracht habe, doch dass diese Manuskripte in Kampfgewühl in Antwerpen verloren gegangen seien: "The Germans have it now. It was a tin box with - damn it - a lot of my manuscript".

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Hatten die Deutschen Brooke’s Blechdose wirklich?

Jetzt nimmt die Legende der Blechdose von Rupert Brooke ihren Lauf. Willy Jacobs weiß einiges darüber, wie er Gazet Van Antwerpen erzählt: „Was wir sicher wissen, ist, dass die Deutschen im Sommer 1917 mit intensiver Suche nach der Blechbox begonnen haben.“ In einem schriftlichen Befehl von 5. Juli 1917 ordnet ein gewisser Polizeioffizier namens Simmel an, dass man nach „einer Metallkassette mit einer Reihe von Manuskripten“ Ausschau halten soll.

Dieser Befehl war vermutlich das Ergebnis von diplomatischen und militärischen Kontakten zwischen Berlin und Washington, die möglicherweise Rupert Loines initiiert haben könnte. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben Deutschland aber schon vorher, im April 1917 den Krieg erklärt.

Der Rest bleibt ein Mysterium. Ist die Blechdose von Rupert Brooke überhaupt jemals gefunden worden? Wenn ja, wer hat sie gefunden und wo ist sie heute, wenn sie noch existiert? Und warum haben die Deutschen überhaupt so emsig danach gesucht?

Willy Jacobs, der Hobby-Historiker aus Antwerpen, will es jetzt genauer wissen. In der Tageszeitung Gazet Van Antwerpen lancierte er einen Aufruf: „Weis jemand mehr über die Geschichte? Sind in den Rathäusern in der Region Antwerpen oder im Waasland Hinweise zu finden. Oder findet sich etwas in amerikanischen oder deutschen Archiven?“ Wer etwas dazu weiß, der kann sich an die Gazet Van Antwerpen wenden….

Rupert Brooke

Rupert Brooke hat von alldem nichts mehr mitbekommen. Er starb im April 1915 im Alter von nur 27 Jahren an Bord eines Schiffes vor der griechischen Insel Skyros in der Ägäis an den Folgen eines Mückenstichs. Inzwischen war er allerdings bereits in Großbritannien ein Star. Seine Sonette über den Ersten Weltkrieg, den Great War - besonders „The Soldier“, kannte dort bereits jeder. Sein Grab ist auf Skyros, doch seine Heimatstadt Rugby ehrte ihn mit einem Denkmal und am Ende des Krieges wurde von der Kanzel der St. Pauls-Kathedrale in London aus sein berühmtes Gedicht „The Soldier“ vorgelesen:

„If I should die, think only this of me:
That there’s some corner of a foreign field
That is forever England. There shall be
In that rich earth a richer dust concealed;
A dust whom England bore, shaped, made aware,
Gave, once, her flowers to love, her ways to roam,
A body of England’s, breathing English air,
Washed by the rivers, blest by suns of home.

And think, this heart, all evil shed away,
A pulse in the eternal mind, no less
Gives somewhere back the thoughts by England given;
Her sights and sounds; dreams happy as her day;
And laughter, learnt of friends; and gentleness,
In hearts at peace, under an English heaven.”