"Flickschusterei" in Belgiens Kernkraftwerken?

In Deutschland steigt die Sorge über die Sicherheit der belgischen Atomkraftwerke. Die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks nennt die nicht enden wollende Pannenserie an den einzelnen Kernreaktoren „Flickschusterei“. Sie kündigte an, der belgischen Regierung dazu „kritische Fragen“ stellen zu wollen.

Die Wiederinbetriebnahme des Atommeilers Doel 3 wurde verschoben, weil es Probleme mit Wasserlecks, einer Schweißnaht und einem Schalter in nicht nuklearen Teil der Anlagen gab und ein kleiner Brand im ebenfalls außerhalb des nuklearen Teils befindlichen Bereich des Meilers Tihange 1 sind nur die beiden letzten Vorkommnisse von gleich mehreren Problemen in jüngster Zeit, die in unseren Nachbarländern Niederlande und Deutschland als äußerst besorgniserregend empfunden werden.

Das Atomkraftwerk Tihange bei Huy in der Provinz Lüttich befindet sich gerade einmal knapp 70 km von der belgisch-deutschen Grenze entfernt und von niederländischer Seite her kann man die Kühltürme von Doel bei Antwerpen mit bloßem Auge sehen. Doch vor allem im benachbarten Deutschland, genauer im Bundesland Nordrhein-Westfalen ist die Sorge vor den Pannenreaktoren in Tihange groß. Davon zeugen Anti-Atomkraftdemos im Grenzgebiet und Katastrophenübungen in Aachener Raum.

Jetzt mischt sich auch die Politik auf NRW-Landesebene und von Seiten der deutschen Bundesregierung in Berlin ein. Deutschlands Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sagte in einem Interview mit dem WDR, das jetzt auch in den belgischen Medien bemerkt wurde, dass man die hiesigen Atomkraftwerke angesichts der vielen Pannen langsam aber sicher vom Netz nehmen sollte. Die Handhabe von Kraftwerksbetreiber Electrabel nannte Hendricks „Flickschusterei“.

Weiter kündigte die deutsche Umweltministerin an, dass sie noch im Januar Gespräche mit der belgischen Atom-Kontrollbehörde FANC führen werde. Dabei werde sie einige „kritische Fragen“ stellen.

In Deutschland wird der Atomausstieg vollzogen und Ministerin Hendricks teilte mit, alle zur Verfügung stehenden Kanäle zu nutzen, um der belgischen Regierung die „atomkritische“ Haltung ihres Landes deutlich zu machen und auch um die Besorgnis gegenüber der Laufzeitverlängerung von veralteten Zentralen in Doel und Tihange zu äußern.

Man mache sich Sorgen darüber, ab die Sicherheit dieser Anlagen vollständig gewährleistet sei, bemerkte Hendricks zur Wiederinbetriebnahme der Meiler Tihange 2 und Doel 3, die wegen Haarrissen in ihren Reaktorummantelungen monatelang abgeschaltet waren.

Jedes Land beschließt selbst die Handhabe seiner Kernkraftwerke

Die deutsche Umweltministerin ist sich der Sache bewusst, dass sie keinen Einfluss darauf hat, dass Belgien seine maroden Kernkraftwerke abschaltet, denn in dieser Hinsicht beschließt jedes Land selbst, wie es damit umgeht. Doch internationaler Druck kann auch die belgischen Behörden zum Umdenken bringen. Darauf hoffen die belgischen Grünen. Belgien und die aktuelle belgische Mitte-Rechts-Regierung halten an der Atomkraft fest, weil hier seit Monaten die Angst vor „Black Outs“, sprich vor Stromknappheit herrscht. Doch in der Praxis ist dies noch nicht annähernd vorgekommen.

Inzwischen hat der belgische Staatsrat Fragen zum Abkommen zwischen der Bundesregierung in Brüssel und Kraftwerksbetreiber Electrabel (eine Tochter des französischen Konzerns GDF Suez) bezüglich der Laufzeitverlängerung der Kernreaktoren Doel 1 und 2. Die durch den Staat zu leistenden Garantien können in den Augen des Staatsrates als eine Form von illegaler staatlicher Unterstützung angesehen werden. Hier, so der Staatsrat, müsse der Vorgang erst noch der EU-Kommission zur Zustimmung vorgelegt werden.