Wieder Diskussionen um die Sterbehilfe

Nach Ansicht von Fachleuten muss in Fällen von Sterbehilfe bei psychischem Leiden in Belgien sorgfältiger vorgegangen werden. In der VRT-Sendung "Terzake" erzählten die Schwestern einer 38jährigen, die vor fünf Jahren Sterbehilfe erhielt, dass dieser Schritt von ärztlicher Seite her schlecht abgewickelt worden sei, was die Diskussion zu diesem Thema wieder aufflackern ließ.

Vor fünf Jahren hatte eine 38 Jahre alte Frau Sterbehilfe wegen schwerem und unerträglichem psychischen Leiden beantragt, was ihr nach einem korrekten Verfahren auch gewährt wurde. Doch die beiden Schwestern der Patientin sind heute der Ansicht, dass dies alles etwas zu voreilig erfolgt sei und sie kritisierten die wohl etwas zu "nonchalante" Vorgehensweise des Arztes, der die Sterbehilfe letztendlich gab.

Nach einer entsprechenden Reportage der VRT-Magazinsendung "Terzake" am Dienstagabend reagieren Fachleute auf diesen Vorfall und sparen ebenfalls nicht mit Kritik. Der Psychiater Joris Vandenbergh (Foto) von der Löwener Universität KUL ist der Ansicht, dass die Verfahrensweise bei Sterbehilfe bei schwerem psychischen Leiden sorgfältiger gestaltet werden müsse. Zudem sei die Dauer des Verfahrens zu kurz und die Bedingungen, unter denen Sterbehilfe bei psychischem Leiden gewährt werden kann, sollten strikter werden.

Gegenüber "Terzake" sagte Vandenbergh nach der Ausstrahlung der Reportage: "Die Latte muss hier höher gehängt werden und zwar in mindestens zwei Bereichen. Zuerst beim Termin, wie er angewendet wird. Das Verfahren, dass nach dem Antrag auf Sterbehilfe in Gang kommt, muss laut Gesetz einen Monat lang dauern. In diesem Kontext ist dies meines Erachtens nach zu kurz."

"Und neben der Dauer des Verfahrens glaube ich auch, dass der Bereich medizinische Aussichtslosigkeit, wie er ausdrücklich im Gesetz steht, als Kriterium deutlicher mit einbezogen werden muss. Die medizinische Aussichtslosigkeit ist eine objektivere Bewertung der Situation, in der alles versucht wird, Leiden zu vermeiden, bevor in dieser Hinsicht nichts mehr unternommen werden kann. Wenn man das so interpretiert, so steht es nach meiner Lesart doch im Gesetz, dann liegt die Latte hier doch sehr hoch, bevor Sterbehilfe bei psychischem Leiden möglich sein kann.“

Sterbehilfe: Wie die Mehrheitsparteien reagieren

Nach der Reportage bei „Terzake“ reagierten am Mittwoch auch die flämischen Parteien aus der Koalition auf belgischer Bundesebene in dieser Angelegenheit. Weder die christdemokratische CD&V oder die flämisch-nationaldemokratische N-VA, noch die liberale Open VLD wollen am Geist des Gesetzes zur aktiven Sterbehilfe in Belgien rütteln. Doch die eher konservativen Parteien CD&V und N-VA sind der Ansicht, dass man über die Kontrollmechanismen in Sachen Sterbehilfe bei schwerem psychischem Leiden nachdenken sollte.

Die Gesetzgebung zeige Lücken auf, wie CD&V-Senator Steven Vanackere gegenüber der VRT-Nachrichtenredaktion bemerkte: „Darin steht, dass zwei Ärzte konsultiert werden müssen. Doch es steht nicht explizit darin, ob auch alle beide ihre Zustimmung geben müssen. (…) Was mich und die CD&V betrifft, besteht dringender Bedarf an einer Neubewertung dieses Gesetzes.“

Die N-VA-Parlamentsabgeordnete Valerie Van Peel sagte, dass man das Gesetz zur Sterbehilfe lediglich verbessern sollte, denn an und für sich reiche die Gesetzeslage. Eine neue gesellschaftliche Debatte stehe derzeit nicht auf der Tagesordnung, so Van Peel, doch sollte man dieses Gesetz nicht auf Demenzpatienten ausweiten.

Bei der liberalen Open VLD, die in dieser Frage durchaus ein Vorreiter ist und die sich für eine gesetzliche Regelung der aktiven Sterbehilfe in Belgien stets ausdrücklich eingesetzt hat, könnte ein Nachdenken über das vorliegende Gesetz aber wohl zu einer Ausweitung führen. Deren Parlamentsabgeordneter Jean-Jacques De Gucht sagte dazu: „Wir bitten seit Jahren darum, weiter zu prüfen, ob man das Sterbehilfegesetz nicht anpassen soll, um bestimmte Patienten, die noch nicht in Anmerkung kommen, einzubeziehen. Wenn wir im Parlament eine Debatte führen, dann sollte das auch Personen mit Demenz betreffen und auch die Hilfe bei Selbstmord.“