"Geborgen Verborgen" - Vor den Nazis versteckt

Die Gedenkstätte "Kazerne Dossin" wartet noch bis Anfang September mit einer bemerkenswerten Ausstellung auf. Unter dem Titel "Geborgen Verborgen" erzählt das Museum die Geschichte des jüdisch-belgischen Künstlers André Goezu, der den Zweiten Weltkrieg als Kind vor den Nazis verborgen bei Landwirten in einem kleinen flämischen Dorf überlebte. Diese Zeit prägt dessen Schaffen bis heute.

Die Ausstellung "Geborgen Verborgen" ist auf gleich drei Ebenen angesiedelt. Im Vordergrund steht das Leben der Kinder während der deutschen Besetzung Belgiens anhand der Geschichte von André Goezu, der den Zweiten Weltkrieg vor den Nazis versteckt auf einem landwirtschaftlichen Anwesen in der Ortschaft Wuustwezel im Kempenland in der Provinz Antwerpen überlebt.

Die zweite Ebene dieser Ausstellung ist eine sehr gelungene kindgerechte und pädagogische Aufarbeitung dieses Themas, die dazu einlädt, dieses dunkle Kapitel der Geschichte mit Kinderaugen zu erleben. Nicht zuletzt bietet eine dritte Ebene eine klassische Kunstausstellung des Werks von André Goezu, denn aus dem damals versteckten Kind ist ein bildender Künstler geworden, dessen Schaffen bis heute von diesen Erlebnissen geprägt wird.

Diese drei Ebenen sind auf eine wundersame Art und Weise derart mit einander verwoben, dass sie dem Betrachter vielleicht gar nicht als einzelne Dimensionen auffallen. Dazu muss man den Ausstellungmachern ein großes Lob aussprechen. Dass dieses Konzept gelungen ist, erlebte der Verfasser dieser Zeilen, als eine anfangs noch laut lärmende Schulklasse während seines Besuchs in die Ausstellungsräume in der Gedenkstätte der "Kazerne Dossin" kam. Schnell wurden die Jugendlichen ruhiger und konzentrierten sich voll und ganz auf die Geschichte, die die Ausstellung dort erleben lässt…

Die (Vor)Geschichte

André Goezu kam 1939 als Sohn einer jüdischen Diamantenhändler-Familie in Antwerpen zur Welt. Seine Familie hatte russisch-polnische Wurzeln. Die Familie stellt fest, dass die deutsche Besetzung auch für die Juden in Belgien zum Problem wird. Andrés Vater und einige weitere Verwandte werden interniert und über die Sammelstelle in der "Kazerne Dossin" in Mechelen nach Auschwitz deportiert. Wie sich später herausstellte, überlebten sie den Holocaust nicht.

Seine Mutter bleibt mit ihm, seinem Bruder und einer Nichte zurück. Nach Jahren der Flucht im eigenen Land kommen sie alle bei verschiedenen Familien in Wuustwezel bei Antwerpen unter. André bleibt alleine bei Landwirten auf deren Hof. Seine Familie wird durch die Wirren von Krieg und Deportation auseinandergerissen, doch er überlebt in der Geborgenheit seiner Gastfamilie. Einsam und verlassen, aber sicher und geborgen lebt er dort und sieht seine Mutter und die anderen beiden Kinder erst kurz nach dem Krieg wieder.

Die Kunst

Goezu war während dieser Zeit noch sehr klein und seine Erinnerungen daran sind nicht mehr vollständig, doch sie bilden in seinem späteren künstlerischen Schaffen einen Roten Faden. Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre studierte André Goezu in Antwerpen an verschiedenen Kunstschulen, wo er später auch dozierte. 1968 zog es ihn nach Paris, wo er bis heute lebt, arbeitet und doziert. Im Laufe seiner Karriere als Maler und Grafiker wird er mehrmals ausgezeichnet. Museen in der ganzen Welt zeigen seine Werke.

Bis heute ziehen sich die Erlebnisse und einzelne immer wiederkehrende Motive durch sein Schaffen: Natur, weibliche Silhouetten, Vögel, Bäume und Sonnenstrahlen, Hunde und Pferde. In seinen Gemälden, Zeichnungen, Gravuren und Drucken kehren die Themen Angst und Verlassensein immer wieder zurück. Hier fließen Illusion und Realität ebenso zusammen, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Spannend sind z.B. Werke, in denen sein Bild der Stadt mit der reichen Natur im kindlich erlebten ländlichen Wuustwezel verwoben werden.

Goezus Werk ist nach eigenen Angaben von dessen Vorbildern, wie z.B. Vincent Van Gogh oder Diego Velasquez beeinflusst. Der Verfasser dieser Zeilen fühlte sich aber ebenso deutlich an  Künstler der Bewegung "Der Blaue Reiter", wie Franz Marc, erinnert. Aber, André Goezu hält auch die Weltliteratur für eine Quelle der Inspiration. Nicht zuletzt arbeitete er mit Schriftstellern, wie Peter Handke zusammen.

Fazit

Die Ausstellung "Geborgen Verborgen" beeindruckt auf allen oben beschriebenen drei Ebenen; ob man diese sucht oder findet oder auch nicht. Ein geschichtlich, künstlerisch und didaktisch so wunderbar aufgearbeitetes Konzept ist absolut empfehlenswert. Einziger Wehrmutstropfen mag sein, dass der Kinderparcours nur in den Sprachen Niederländisch und Französisch angeboten wird. Ansonsten sind die Ausstellungen in der Gedenkstätte und im Museum in der „Kazerne Dossin“ durch die Bank viersprachig (NL-F-GB-D).

Infos

"Kazerne Dossin"

Goswin de Stassartstraat 153,
2800 Mechelen
+32(0) 15 29 06 60
www.kazernedossin.eu

Tickets: €6 (Erwachsene) – €4 (< 21) – Gratis (< 10)

Montag - Dienstag - Donnerstag - Freitag
09.00 – 17.00 Uhr
Samstag - Sonntag
09.30 – 17.00 Uhr
Mittwochs geschlossen