Brüssel: Jüd. Gemeinden stoßen Synagogen ab

Die beiden Synagogen in Brüsseler Nordviertel, das zum Stadtteil Schaarbeek gehört, wurden innerhalb nur eines Jahres zum Verkauf angeboten. Nach Ansicht des Zentralen Israelitischen Konsistoriums (CIC) wohnen nahezu keine Juden mehr im Nordviertel am Rande des Brüsseler Nordbahnhofs.

In den vergangenen Monaten meldete die wöchentlich erscheinende Brüsseler Regionalzeitung Brussel Deze Week gleich zweimal, dass im Brüsseler Nordviertel im Stadtteil Schaarbeek eine Synagoge zum Verkauf steht. Zuerst, vor rund einem Jahr, war die sephardische Simon und Lina Haïm-Synagoge in der Paviljoenstraat (kl. Foto) an der Reihe. Sie ist bereits verkauft, doch an wen bleibt unbekannt.

Vor einigen Wochen dann meldete BDW, dass auch die aschkenasische Adat Israel Synagoge in der Rogierstraat (Foto oben) zum Verkauf angeboten wird. Obschon beide Synagogen unterschiedlichen jüdischen Strömungen Rechnung tragen - die sephardische spricht mediterane Riten an und die aschkenasische osteuropäische Traditionen - weist diese Entwicklung doch auf ein auffallendes Phänomen hin.

Beim Zentralen Israelitischen Konsistorium hält man sich laut den Brüsseler Regionalmedien Brussel Deze Week und La Capitale mit Kommentaren zurück. Dort hieß es dazu, dass diese Gebetshäuser Eigentum der jeweiligen Gemeinschaft seien. Tatsache ist aber, dass nahezu keine Juden mehr im Nordviertel am Bahnhof leben. Vor langer Zeit war dies ein ausgesprochenes Judenviertel, doch heute sind die meisten jüdischen Bewohner weggezogen.

Brüssel wird nicht verlassen

Die Juden aus dem Nordviertel haben die belgische Hauptstadt allerdings nicht verlassen. Die meisten sephardischen Juden sind z.B. in Richtung Elsene oder Ukkel umgezogen, wo es mittlerweile auch eine Synagoge gibt und zwar in der Churchilllaan in Ukkel.

Warum die Brüsseler Juden das Nordviertel am Bahnhof verlassen haben, ist unklar. Manche von ihnen gaben wohl an, sich dort nicht mehr sicher zu fühlen. Dass sie dort angefeindet wurden, steht nicht zur Debatte, denn von dort wurden in den letzten Jahren kaum antisemitische Vorfälle gemeldet. Im Laufe der letzten Jahrzehnte allerdings haben sich dort viele Moslems aus dem Maghreb und viele Türken niedergelassen und die Brabantstraat hinter dem Nordbahnhof hat sich zu einer regelrechten Basarstraße entwickelt, die ein recht internationales Flair bietet.

Aber, dorthin hat sich im Zuge der städtebaulichen Entwicklung im Rogier-Viertel auf der anderen Seite des Nordbahnhofs auch das Rotlichtviertel mit all seinen Begleiterscheinungen verlagert. Das dies dem Sicherheitsgefühl mancher Zeitgenossen nicht übereinstimmt, ist wohl verständlich…

Jüdisches Leben in Belgien

Die ersten Juden siedelten sich bereits im 13. und 14. Jhdt. im Gebiet des heutigen Belgien an. Damals ließen sich hier vornehmlich Juden aus Frankreich und England hier nieder. Im 15. Jhdt. folge eine neue Welle von Juden hierher. Das waren damals aus Spanien und Portugal vertriebene sephardische Juden. Im Laufe des 19. Jhdts. kamen noch einmal viele Juden aus Osteuropa und aus dem Ottomanischen Reich in die damaligen Niederen Lande, die sich zumeist in und um Antwerpen ansiedelten. Bei der Machtübernahme der Nazis lebten in Belgien rund 65.000 Juden, von denen rund 40.000 im Holocaust ihr Leben verloren.

Heute mögen es wieder rund 42.000 sein, die in unserem Land leben. Die meisten davon wohnen in Brüssel oder in Antwerpen. In anderen belgischen Groß- oder Zentrumsstädten sind aber auch weitere kleine israelitische Gemeinschaften zu finden. Brüssel gilt heute mit offenbar rund 15.000 bis 20.000 Juden als die viertgrößte jüdische Gemeinschaft Europas. Längst gilt die belgische und europäische Hauptstadt auch als heimliche jüdische Hauptstadt in Europa. 12 Synagogen zählt die Stadt, von denen wohl die „Grande Synagogue“ in der Regentschapstraat die größte ist.