Sektoren klagen: "Brüssel ist wirtschaftlich tot!"

Die Folgen der Anschläge auf Brüssel vom 22. März setzen der Wirtschaft in der belgischen Hauptstadt schwer zu. In den Bereichen Gastronomie und Immobilien meldeten viele Unternehmen inzwischen Konkurs an und anderen steht das Wasser bis zum Hals.
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In der Montagsausgabe der flämischen Tageszeitung De Standaard klagen Brüsseler Unternehmer aus dem Gaststätten- und dem Immobiliengewerbe, dass die wirtschaftlichen Zustände in Brüssel seit den Terroranschlägen dramatisch sei: „Das kann so nicht weitergehen. Es ist wahr, wir stehen kurz vor einer Revolution.“ Alleine in der Gastronomie seien im laufenden Monat April schon knapp 600 Konkursverfahren eröffnet worden. Normal seien hier etwa 40 Pleiten pro Monat.

Am vergangenen Wochenende wurde bekannt, dass selbst das weltbekannte Sternerestaurant „Comme Chez Soi“ unter enormen Problemen leidet und dass Teile des Personals dieses kulinarischen Tempels bereits Kurzarbeit schieben. „Man muss den Chefköchen der Restaurants zuhören“, sagt Yvan Roque vom Gastronomieverband Horeca Brüssel. „Comme Chez Soi“-Chefkoch Lionel Rigolet führt die wirtschaftliche Misere seines Sektors aber nicht nur auf die Anschläge zurück. Er glaubt, dass viele Besucher die Hauptstadt wegen der Verkehrsprobleme durch die maroden Verkehrstunnel und wegen der enorm ausgeweiteten Fußgängerzone im Zentrum meiden.

Die Fußgängerzone liegt vielen Gastronomen auf der Leber. Die Chefköchin des Restaurants „Célia“ unweit des Großen Marktes, Melanie Englebin, bat letztes Wochenende Yvan Mayeur (PS), den Brüsseler Bürgermeister, ihr Lokal zu verlassen. Sie warf dem Bürgermeister vor, seit diesem Schritt kurz vor der Pleite zu stehen, wie die regionale Brüsseler Nachrichten-Webseite brusselnieuws.be meldete. Mayeur habe daraufhin gesagt, dass dies an den Anschlägen liege, woraufhin die Restaurantbetreiberin entgegnete, dass sie zwischen Juli und November 2015 einen Umsatzrückgang um 40 % verkraften musste: „Zu diesem Zeitpunkt gab es keine Attentate…“

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Leerstand in den Hotels, stagnierende Investitionen und kaum noch Museumsbesucher

Bereits Ende März läutete der Übernachtungssektor in Brüssel bereits die Alarmglocken. In den meisten Hotels bleibt seit den Anschlägen vom 22. März rund die Hälfte der Zimmer leer. Die Brüsseler Regionalregierung reagierte umgehend und erlässt den Hoteliers bis auf weiteres die so genannte „city tax“, eine Art Bettensteuer. Das senkt die Ausgaben in diesem Bereich fürs erste um rund 12 Mio. €. Der hiesige Hotelsektor fordert eine Neubewertung der Fußgängerzone und eine rasche Wiedereröffnung zumindest des Stefania-Tunnels.

Inzwischen meldet auch der Immobiliensektor in der Region Brüssel-Hauptstadt Probleme. Einige hier aktive Unternehmen müssen feststellen, dass seit Ende März rund 50 % der ausländischen Investoren in Bürofläche von ihren Plänen absehen und sich aus Brüssel zurückziehen. Dort heißt es, dass die Investoren Zweifel daran hegen, dass dieser Standort noch der richtige Ort ist, um derartige Geschäfte zu machen.

Dramatisch wird die Lage in den Bereichen Museen und Galerien. Bis zu drei Viertel der ausländischen Besucher bleiben den Häusern seit den Anschlägen fern, so die Klage dort. Nur die einheimischen Besuchern trotzen der Lage und besuchten jetzt vermehrt die Museen der Stadt. Doch damit retten die Museumsbetreiber ihre Bilanzen derzeit nicht unbedingt.