Die Berliner Volksbühne lehnt Chris Dercon ab

In einem offenen Brief haben rund 200 Mitarbeiter der Berliner Volksbühne gegen ihren zukünftigen Intendanten, dem bis gerade an der Tate Modern Galerie in London tätigen Belgier Chris Decron protestiert. Ihrer Ansicht nach ist das Konzept des Belgiers nicht akzeptabel, bzw. stimmen die Ansätze Decrons und der Volksbühne inhaltlich nicht überein.

Der Tagesspiegel aus Berlin stellt in einem Beitrag zum Protest des Volksbühne-Personals fest, dass dem aus dem flämischen Lier stammende Intendant Chris Dercon dort ein einiger Wind entgegenweht. Der Belgier soll in rund einem Jahr Frank Castorf auf dem Posten des Intendanten folgen. Doch dagegen hat sich massiver Protest erhoben.

In einem ungewöhnlich scharfen offenen Brief haben rund 200 Mitarbeiter aus allen Bereichen der Berliner Volksbühne das Konzept Dercons abgelehnt. Unterzeichnet haben auch prominente Schauspieler wie Wolfram Koch, Alexander Scheer, Martin Wuttke, Kathrin Angerer, Birgit Minichmayr und Sophie Rois sowie die Regisseure Herbert Fritsch, René Pollesch und Christoph Marthaler.

Eine konzeptuelle Linie Dercons und seiner und seiner Programmdirektorin Marietta Piekenbrock sei nicht zu erkennen und deshalb sei mit einem „Ausverkauf der für uns geltenden künstlerischen Maßstäbe“ zu rechnen und mit einer zu erwartenden „Schwächung unseres potenten Schauspieltheaterbetriebs.“ Dercon setze auf Tanz, Musiktheater, Medienkunst und wenn es nach ihm ginge, solle „das Sprechtheater nicht die dominante Säule dieses Hauses sein.“

Das Volksbühne-Ensemble hält den bevorstehenden Intendantenwechsel als „keine freundliche Übernahme“ an: „Er ist eine irreversible Zäsur und ein Bruch in der jüngeren Theatergeschichte.“ Und mehr noch: „Dieser Wechsel steht für eine historische Nivellierung und Schleifung von Identität. Die künstlerische Verarbeitung gesellschaftlicher Konflikte wird zugunsten einer global verbreiteten Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern verdrängt.“

Wer ist Chris Decron?

Chris Decron kam 1958 in Lier in der flämischen Provinz Antwerpen zur Welt und ist Kurator, Kulturintendant und Theaterwissenschaftler. Nach einigen Jahren freier Tätigkeit in verschiedenen Kulturredaktionen und als Dozent für Medien, Video und Film an Kunsthochschulen in Belgien wurde Decron u.a. Programmdirektor am MoMa in New York und Leiter eines Kunstzentrums in Rotterdam. Danach war er als Leiter der documenta X in Kassel nominiert und wurde Kurator am Centre Pompidou in Paris.

Von 1996 bis April 2003 war Chris Dercon Direktor am Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam, von Mai 2003 bis März 2011 Direktor des Hauses der Kunst in München. Seit 2011 war er an der Tat Modern in London tätig, wo es ihm gelang, deutlich mehr Publikum anzuziehen. Dadurch konnte auch ein Erweiterungsbau in Angriff genommen werden, der gerade eröffnet wurde. Ab 2017 soll er Nachfolger von Frank Castorf als Intendant der Berliner Volksbühne werden.