Deutscher Botschafter in Belgien: "Zuversicht braucht Zusammenhalt"

In Deutschland wird an diesem 3. Oktober der Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Auch die deutsche Gemeinschaft in Belgien feiert diesen Tag und viele Deutsche, die in Belgien leben und arbeiten, reflektieren, unter anderem auch wegen des turbulenten letzten Jahres, über diesen Tag. Lesen Sie hier die Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2016 von Rüdiger Lüdeking (Archivfoto), Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Königreich Belgien.

Der Tag der Deutschen Einheit ist zunächst für viele ein Tag des Erinnerns, der Freude und Dankbarkeit; Deutschland hat 1990 nach einer friedlichen Revolution seine Einheit in Freiheit wiedererlangt. Aber der Tag ist mehr als das – und das macht ihn in den aktuell stürmischen Zeiten so bedeutsam:

Der Tag der Deutschen Einheit ist ein Tag der Selbstvergewisserung. Es ist der Tag, an dem wir aufgerufen sind, innezuhalten und uns Rechenschaft zu den Kernfragen unserer nationalen Identität abzulegen: Wer sind wir, wofür stehen wir und wo wollen wir hin? Die Besinnung auf den 3. Oktober 1990 und seine Vorgeschichte gibt uns hierauf klare Antworten – Antworten, die einen sicheren Ausgangspunkt für die Bewältigung aktueller und zukünftiger Herausforderungen geben.

Zuversicht

Der 3. Oktober sollte uns mit Zuversicht erfüllen: Sollte uns nicht das zuversichtlich machen, was Deutschland seit 1990 in den Anstrengungen zur Vollendung der deutschen Einheit erreicht hat? Sollte uns nicht auch der Mut der Vielen in der DDR inspirieren, die für die Deutsche Einheit auf die Straße gegangen sind und damit bewusst bereit waren, auch ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Verzagtheit und Furcht sind – wiewohl menschlich - schlechte Ratgeber. Wir brauchen die Zukunft nicht zu fürchten. Deutschland, aber auch die anderen europäischen Staaten sind gut gewappnet, um mit Zuversicht nach vorne zu schauen.

Zusammenhalt

Zuversicht braucht Zusammenhalt. In der DDR haben erst der enge Zusammenhalt und das entschlossene Engagement der vielen Protestierenden die friedliche Revolution und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten bewirken können. Auf die Gegenwart bezogen, heißt das: Wir in Europa, die Mitgliedstaaten der Europäischen Union müssen zusammenstehen. Gemeinsam, solidarisch und entschlossen müssen sie sich den Zukunftsaufgaben stellen und sie bewältigen. Und sie müssen dies durch praktische Ergebnisse für alle Bürger erfahrbar machen. Dies hat uns das Votum der britischen Wähler bei dem Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU verdeutlicht.

Die 27 EU Staats- und Regierungschefs haben beim informellen Treffen am 16. September in Preßburg vereinbart, in den kommenden Monaten rasche Fortschritte zu den Kernthemen Migration, Sicherheit und wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu erreichen. Den hierzu vereinbarten Fahrplan gilt es jetzt umzusetzen. Und dies miteinander, ohne nationale Nabelschau, ohne nationale Alleingänge. Gemeinsam ist Europa stark.

Unsere unveräußerlichen Werte gelten ohne Wenn und Aber

1989 sind die Menschen in der DDR für Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit auf die Straße gegangen. Das sollte uns daran erinnern, was das feste Fundament Europas bildet: unsere unveräußerlichen Werte. Diese gelten ohne Wenn und Aber.

Zum einen heißt das, dass wir unserer humanitären Verpflichtung gegenüber denjenigen gerecht werden, die bei uns Schutz vor Verfolgung, Krieg und Tod suchen. Aber es heißt auch, dass die Flüchtlinge, die bei uns Aufnahme finden, sich unzweideutig zu unseren Werten bekennen und sie einhalten müssen. Wir dürfen nicht durch eine falschverstandene politische Korrektheit der Entstehung oder Verfestigung von Parallelgesellschaften in unseren Ländern Vorschub leisten. Eine Integration in unsere Gesellschaften setzt der Toleranz Grenzen. Und schon gar nicht darf es Toleranz für Intoleranz geben.

Selbstvergewisserung heißt für mich, dass wir uns und unsere Werte nicht verleugnen dürfen. Wir müssen den Mut zur Einsicht in das Notwendige haben. Wir müssen mit Selbstvertrauen und Entschiedenheit unserer Verantwortung vor uns selbst gerecht werden und aktiv die vor uns liegenden Herausforderungen annehmen.

Gemeinsame Überzeugungen

Dabei weiß sich Deutschland mit Belgien aufs engste partnerschaftlich verbunden.

Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern gründen auf gemeinsamen Überzeugungen und dem eindeutigen Bekenntnis zu europäischer Integration und europäischen Werten. Dies ist in diesem Jahr gerade auch bei den beiden offiziellen Besuchen des Bundespräsidenten in Belgien – beim Staatsbesuch Anfang März wie auch beim Gipfel der Staatsoberhäupter der deutschsprachigen Länder, zu dem der belgische König im letzten Monat eingeladen hat - deutlich geworden. Dies ist das solide Fundament für die vertrauensvolle Zusammenarbeit auf bilateraler Ebene wie auch in EU, NATO, VN und anderen internationalen Organisationen.