Niederlande und Flandern zu Gast am Main

Am Dienstagabend wird in Frankfurt die 68. Buchmesse eröffnet. Sie ist mit mehr als 7000 Ausstellern und rund 4000 Veranstaltungen die weltweit größte ihrer Art. Vergangenes Jahr konnte sie rund 275.000 Besucher empfangen. Die Niederlande und Flandern sind dieses Jahr die Ehrengäste der Frankfurter Buchmesse.

Fritten und Bier, sagen Flamen und Niederländer gern spöttisch auf die Frage, was sie verbindet. Nur fügen die Flamen dann hinzu, dass das in Belgien doch viel leckerer sei. Außer einer gesunden Portion Spott gegenüber dem Nachbarn und der großen Freude an Geselligkeit, teilen Flamen und Niederländer die Sprache.

„Dies ist, was wir teilen“, lautet der Slogan der diesjährigen Ehrengäste der Frankfurter Buchmesse. Und sie haben viel gemeinsam. Flamen und Niederländer sind neugierig auf Geschichten, sie sind lesefreudig, die Medien umarmen neue Autoren. Schriftsteller mischen auch in aktuellen Debatten kräftig mit.

Gemeinsamer Literaturmarkt

Faktisch haben sie auch einen gemeinsamen Literaturmarkt mit Verlagen, Lesern, Preisen und der Buchwoche im März – ein Volksfest für Leser.

Und für beide ist Deutschland ein wichtiger Absatzmarkt, weil der eigene Markt mit rund 20 Millionen niederländischsprachigen Lesern relativ klein ist.

Bereits 1993 präsentierten sich die Niederlande und Flandern in Frankfurt und dieses Jahr also erneut. Anders als damals ist die Literatur der beiden Länder mittlerweile fest auf dem deutschen Literaturmarkt etabliert. Hugo Claus (Foto), Leon de Winter und Connie Palmen sind auch dort Bestsellerautoren. Diesmal aber wollen die Organisatoren Lust auf neue Autoren und ihre Geschichten machen.

450 Neuerscheinungen zur Buchmesse

Die Niederlande und Flandern reisen mit einer Rekordzahl von mehr als 450 Neuerscheinungen nach Frankfurt, darunter auch viele von in Deutschland noch unbekannten Autoren. Die junge flämische Lyrikerin Charlotte Van den Broeck etwa wird neben dem niederländischen Bestsellerautor Arnon Grünberg Gastrednerin sein.

Zu den Neulingen gehört auch Fikry El Azzouzi. Der marokkanisch-flämische Autor erzählt in seinem Roman „Wir da draußen“ die Geschichte einer Jugendclique und ihrer Radikalisierung. Auch der Amsterdamer Marokkaner Mano Bouzamour beschreibt den Zusammenprall der Kulturen in seinem Roman „Samir, genannt Sam“.

Nationale Identität

Trotz der gemeinsamen Sprache haben Flamen und Niederländer keine gemeinsame Literatur. Die Abspaltung Belgiens von den Niederlanden 1830 führte auch zur Teilung der Literatur. „Literatur ist sehr wichtig für unsere flämische Identität“, erläutert der Bestsellerautor Stefan Hertmans („Der Himmel meines Großvaters“). Die Emanzipation der Flamen gegen die frühere Dominanz der französischsprachigen Wallonen ist ein großes Thema der Autoren, und immer noch das Trauma des Ersten Weltkrieges. „Wir ringen mit unserer Geschichte, dem Schweigen über die Kollaboration mit den Deutschen“, sagt Hertmans.

Dagegen war die nationale Identität in der niederländischen Literatur seit Ende der 1960er Jahre kaum mehr Thema. Doch das änderte sich mit aktuellen Problemen: Die Spannungen in der multikulturellen Gesellschaft, Rechtspopulisten, ein radikaler Islam und nun die Flüchtlingskrise machen die Frage nach der eigenen Identität wieder hochaktuell. „Menschen haben Angst, ihre Identität zu verlieren“, sagt Tommy Wieringa. „Wir stellen uns nun mehr denn je die Frage: Wer sind wir? Was ist holländisch?“ Die Suche nach Identität verknüpft Wieringa in seinem Roman „Dies sind die Namen“ mit dem aktuellen Flüchtlingsthema.

So verbindet die Frage der Identität nun auch die Literatur Flanderns und der Niederlande. Bart Moeyaert, der künstlerische Leiter des Gastlandauftrittes in Frankfurt, sagt es mit einem Bild. „Wir teilen die Nordseeküste“, so der preisgekrönte Kinder- und Jugendbuchautor. „Das Meer“, sagt er, „ist auch politisch, denken wir an die Flüchtlinge, und es ist nicht immer sanft und schön.“ (Quelle: dpa)