Eine Spur von Leben

Wollten Sie auch immer mal wissen, wer oder was hinter all den Sprühwerken auf Hauswänden, Stadtmauern, in Unterführungen und auf Bahnwagen in Brüssel steckt? Unsere Redaktion hat sich der Graffiti und Street Art-Führung für eine Klasse 14-15-jähriger Schüler des Athénée Léon Lepage in Brüssel angeschlossen. Die Schüler sollen ihre Umgebung, in der sie wohnen und zur Schule gehen, über die "Graffiti-Kunst" besser kennen lernen. Für uns ist es eine Möglichkeit des Zugangs zu Bildern, Schriften und Zeichen, an denen wir oft unwissend vorübergehen.

Treffpunkt ist vor dem Atheneum in der Rijke Klarenstraat/Rue des Riches Claires unweit des Manneken Pis und des Marktplatzes in der Brüsseler Innenstadt. Allein in dieser Straße fallen gleich mehrere "Graffs", "Flops" und "Tags" auf. Die Street-Art-Führer Caroline, gelernte Bibliothekarin und Graffiti-Fan und Thyl, selbst Graffiti-Künstler, von der gemeinnützigen Vereinigung 'Fais Le Trottoir' sprechen im "Graffiti-Jargon".

'Tag', 'Graff' und 'Flop'

Die Grundbegriffe erklären sie jedoch kurz vor der Tour: "Ein 'Tag' ist ganz allgemein eine Unterschrift, die sehr schnell ausgeführt wird und die aus einer einzigen Farbe besteht. Ein 'Graff' oder eine 'Fresque' ist meistens ein ausgefeilteres Werk aus mehreren Farben und ein 'Flop' oder 'Throw-up' eine Zwischenform zwischen einem 'Tag' und einem 'Graff'. Der 'Flop' besteht aus zwei Farben, hat oft runde Formen und ist grösser als ein 'Tag'. Er dient zum Beispiel dazu, den Namen eines Künstler hervorzuheben, so dass er von weitem sichtbar ist. Nicht wenige haben typographisches Talent.

Hip Hop, New York und Philadelphia

"Graffiti kommt eigentlich aus der Kultur des Hip Hop. Die Bewegung trat zunächst vor allem in Philadelphia und New York, das heißt in der Bronx, auf. Das war Ende der 1960er Jahre. Die Leute in der Bronx waren arm, hatten keinen Zugang zur Kultur. Einige haben deshalb angefangen, zu zeichnen. Sie kannten Comics, die haben sie inspiriert. In den alten Spiderman-Comics stößt man zum Beispiel auf Typographien", fasst Thyl kurz zusammen.

Mehr Theorie ist vorerst nicht nötig, um den ersten 'Tag' in der Rijke Klarenstraat zu entschlüsseln: Eine '42' direkt gegenüber der Léon Lepage-Schule.

"Zunächst waren es nur Unterschriften, auch Pseudonyme, die sie überall anbrachten. Bald lieferten sich Crews oder Gangs Wettbewerbe um die besten Graffitis. (...) Erst Ende der 80er Jahre kam die Bewegung nach Europa und hat sich hier weiterentwickelt. Jede Stadt hat ihren eigenen Graffiti-Stil", fährt Thyl fort.

"An die Namen, die am häufigsten auftreten, klammerst Du Dich fest. Du stellst Dir vielleicht eine Person dahinter vor. Du siehst neue Namen auftauchen, andere verschwinden und Du weißt, dass eine bestimmte 'Crew' aktiv ist. (...) Wenn Du durch Europa reist, findest Du Namen, die Du schon einmal in Deinem Viertel oder in Deiner Stadt gesehen hast. Es ist toll, ihnen zu folgen und Du hast den Eindruck, dass sie Dich auf Deiner Reise begleiten", schwärmt Thyl.

Entschlüsseln bitte!

Unsere Reise geht nur ein paar Meter weiter: Wir stoßen auf 'Storm'. Thyl zeigt auf den 'Tag'. Ob man das nun möge oder nicht, sei sowieso Geschmacksache, sind sich die Graffiti-Führer einig. "Sicher ist, Storm hat sich Gedanken über seine Unterschrift gemacht und die Zeichen geübt., auch wenn das ungeübte Auge das nicht gleich erkennt."

Der 'Tag' darunter, 'PACHE', ist für die Schüler gut erkennbar. Doch auch hier gilt: Dahinter steckt viel Arbeit und wenn Du einen 'Tag' nicht beherrschst, darfst Du keinen 'Flop' anbringen. Das ist offenbar ungeschriebenes Gesetz unter den Sprayern.

'PACHE' ist übrigens von der gleichen Truppe wie 'Storm'. Die ganze 'Crew' nennt sich 'R2', das heißt "ruine tout" (dt.: "zerstöre alles").

Auf der Hauswand daneben, ein 'MT' für "Magic Touch" und gegenüber, auf der Fassade der Bibliotheek van de Rijke Klaren/Bibliothèque Riches Claires, hat 'Parole' seine Spuren hinterlassen. Er arbeitet mit Kalligraphie. Seine Buchstaben sind derart verschnörkelt, dass nur noch er den Text lesen kann. 'Parole' hat überall in Brüssel seine Handschrift hinterlassen und ist der Polizei bekannt. Heute sprüht er deshalb nur noch legal, zumindest in Belgien.

'Derm', der Flame

Auch 'Derm' (Foto) ist legal unterwegs. Wir treffen ihn zufällig und am helllichten Tag wie er eine 'Fresque' auf die Rückseite eines GB-Supermarktes sprüht. Derm ist das westflämische Wort für Darm. Er nehme sich nicht allzu ernst, sagt der Flame und so klinge eben auch 'Derm'.

"Angefangen zu zeichnen und zu taggen habe ich auf Schulbänken. Als ich die Kunstakademie besuchte, war das eben 'in'. Dann eskalierte es", so Timothy Bauwens, die Person hinter dem Pseudonym 'Derm'.

"Letztlich wirst Du nicht wissen, was diese Figuren und Formen darstellen, doch könnten Dich Details ansprechen, die Du vielleicht lustig findest. (...) Wenn alles mit einem Augenaufschlag erkennbar wäre, könnte man genauso gut vorbeigehen", so der Flame noch.

Ein 'Graffito' im eigentlichen Sinne sei das aber nicht, erklärt die Führerin Caroline, denn "Graffiti wird an Orten angebracht, an denen sie nicht sein dürfen. Das ist bei Derm nicht der Fall."

Auf die Frage, warum er das nun ganz legal und bei Tag ausführe, antwortet Derm: "Ich wollte nie rebellieren und wenn es sein muss, nehme ich mir die Zeit, die ich für ein Werk brauche."

Hohe Strafen

Zudem riskieren illegale Sprayer bis zu 6 Monate Haft und hohe Geldstrafen (je nach Gemeinde zwischen 150 und 600 Euro pro ‘Tag‘ und falls es zu einem Prozess kommt, kann dies bis über 100.000 Euro gehen).

Wer hinter den vielen anderen geheimnisvollen Pseudonymen auf unserer Tour steckt, ist deshalb schwierig, herauszufinden. Doch ganz allgemein seien unter den Zeichnern zum Beispiel solche, die tagsüber Krankenschwester oder sogar Papa seien, Männer und Frauen, manchmal Kollektive oder Einzelpersonen, solche, die auf der Straße lebten oder arbeitslos seien oder auch Lehrer, weiß Caroline.

"Wer bist Du?"

Später im Parc Fontainas können die Schüler schon viele Zeichen selbst entschlüsseln. So das 'K, ein umgedrehtes A, ein S und 2' für "casse tout" oder 'QiETU' für "Qui est-tu?" (dt.: "Wer bist Du?").

Und am Bahnhof Brussel-Kapellekerk/Bruxelles-Chapelle entdecken wir weitere typische Namen, die Brüssel im wahrsten Sinne des Wortes markieren, zum Beispiel das Brüsseler Kollektiv 'creons'. Auch 'Idiot' tauche immer wieder in der belgischen Hauptstadt auf, heißt es. An den Bahnhofssäulen sind Werke, für die vorher Schablonen angefertigt wurden, um sie auf möglichst viele Mauern zu reproduzieren und wir lernen, dass ein 'Tagger' niemals einen anderen überschreibt - so viel Respekt muss sein!

A propos Respekt: Was würdest Du sagen, wenn auf Deiner Hausmauer plötzlich ein ‘Tag‘ auftaucht, der nicht besonders schmeichelhaft ist? Kein Problem, finden beide Graffiti-Führer. Doch nicht jeder reagiert wohl wie Caroline und Thyl. "Ich würde mir sagen, das ist cool“, so Caroline. "Hier ist jemand vorbeigekommen und hat auf meine Fassade gemalt. Deshalb muss es meinem Nachbarn noch lange nicht gefallen und ich muss ihm das auch nicht aufzwingen, aber es ist eine Spur von Leben!"

Thyl (links im Bild) und Caroline (rechts)