Mehr Psychopharmaka bei Jugendlichen

Während der vergangenen zehn Jahren stieg in Belgien die Einnahme von Antipsychotika bei Jugendlichen unter 18 Jahren um sage und schreibe 95 Prozent. Medikamente gegen Depressionen wurden in dieser Altersgruppe 30 Prozent häufiger verschrieben.
Alice S. / BSIP

Das belegen Statistiken der Krankenversicherung. Eltern lassen demnach immer häufiger psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen therapieren. Allerdings finden sie die Betreuung durch Psychologen meist zu teuer und deshalb werden immer schneller Medikamente verschrieben, die wohl von den Krankenkassen erstattet werden.

Bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren stieg in den vergangenen Jahren die Einnahme von Antipsychotika, die vor allem psychotische Symptome wie Halluzinationen, Wahn und Denkzerfahrenheit reduzieren und die Aufnahme von Innen- und Außenreizen hemmen. Mit diesen Medikamenten wird auch Schizophrenie behandelt. Inzwischen werden in dieser Altersgruppe täglich 992.328 Einheiten genommen. Bei Antidepressiva wurde eine Zunahme von mehr als 30 Prozent verzeichnet (988.476 Tageseinheiten).

Auch bei den 6- bis 11-Jährigen wird eine deutliche Zunahme des Antipsychotika- und Antidepressivakonsums festgestellt. Die Einsatz von Medikamenten gegen die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHD stieg von 2,28 auf 4,28 Millionen Einheiten.

„Der Leistungsdruck für Kinder ist deutlich gestiegen“, erklärt Kinderpsychiater Eric Schoentjes von der Uni-Klinik Gent das Phänomen. „Es fehlt die Zeit und das Verständnis für die normale Entwicklung von Kindern und ihre Probleme. Eltern werden ermutigt, schneller ein Lösung des Problems zu suchen, anstatt zu akzeptieren, dass ihr Kind anders ist.“

Geldfrage

Die Tatsache, dass Kindern und Jugendlichen immer öfters Psychopharmaka verschrieben werden, hat laut Kinderpsychiatern auch einen finanziellen Grund. Die Medikamente werden von den Krankenkassen erstattet, die eigentlich eher angewiesene Betreuung von Kindern und Eltern durch einen Psychologen aber nicht.

„Sowieso muss eine Therapie zuerst bei der Kindererziehung ansetzen“, so Psychiater Schoentjes. „Erst wenn das nicht greift, ist Psychotherapie angewiesen. Nur in dritter Instanz sollten Psychopharmaka eingesetzt werden. Bei sehr jungen Kindern ist dies nur sehr eingeschränkt notwendig.“