Vor 30 Jahren: Herald of free Enterprise

Vor genau 30 Jahren, am 6. März 1987, sank das Fährschiff Herald of free Enterprise vor der belgischen Küste. Das Schiff kenterte vor der Hafenausfahrt von Zeebrügge und riss 193 Menschen in den Tod. Glücklicherweise sank das Schiff damals an einer Sandbank und ging nicht vollständig unter. Dadurch konnten zahlreiche Menschenleben gerettet werden. Trotzdem bleibt dieses Drama in den Erinnerungen sowohl der Belgier, als auch der Briten, für ewig verankert.

Die Herald of free Enterprise war eine RoRo-Fähre der Reederei Townsend Thorensen, die spätere P&O European Ferries. Normalerweise fuhr sie eigentlich auf der Linie zwischen dem französischen Calais und dem englischen Dover, doch in den Tagen des Dramas pendelte sie zwischen Zeebrügge und Dover.

Die Fähre Herald of free Enterprise war ein noch recht junges Schiff. Sie war erst 1980 in der Schichau-Unterweserwerft in Bremerhaven gebaut worden und verfügte über Bug- und Heckklappen, die knapp über der Wasserlinie waren. Das war damals sehr modern und sollte das Ein- und Ausfahren von Fahrzeugen in den Fährhäfen deutlich erleichtern und auch beschleunigen. Doch gerade diese technische Neuerung wurde der Fähre am 6. März 1987 fatal.

Als die Fähre am Abend dieses Tagen gegen 19 Uhr mit seinen 459 Passagieren, den insgesamt 80 Besatzungsmitgliedern und 131 Fahrzeugen (PKW, LKW und Busse) an Bord aus dem Hafen von Zeebrügge auslief, waren die Bugklappen durch die Unaufmerksamkeit des zuständigen Bootsmannes noch nicht gänzlich geschlossen. Auf der Nordsee herrschte gerade leichter Seegang, was dafür sorgte, dass bei der zum Auslaufen erforderlichen 180°-Wende schnell eine große Menge Wasser in das Schiff eindringen konnte.

Diese Wassermenge sorgte für eine leichte Neigung der Herald of free Enterprise nach Backbord, was zum Verrutschen der Ladung und einiger Fahrzeuge an Bord führte. Die Fähre kenterte unweigerlich und ging unweit einer Sandbank rund anderthalb Seemeilen vor Zeebrügge binnen nur zwei Minuten unter. Die Fähre sank zum Glück nicht vollständig, sondern blieb bei neun Meter tiefe auf der Seite liegen. Bei diesem Drama verloren offiziell 193 Menschen ihr Leben.

Hilfe war rasch vor Ort

Da sich diese Havarie nur unweit der belgischen Küste ereignete, kam die Hilfe sehr schnell in Gang. Schon nach 19 Minuten war der erste Rettungshubschrauber über dem Schiff und nur kurze Zeit später traf das erste Schiff ein, ein Schiff, das unter einem deutschen Kapitän fuhr. Schnell konnten rund 400 Menschen gerettet werden. Besatzungsmitglieder, Helfer der Rettungsdienste und auch vereinzelte Passagiere waren an den Rettungsaktionen beteiligt.

Dieses Schiffsdrama einer britischen Fähre war die schwerste Katastrophe ihrer Art für Großbritannien seit dem Untergang der Titanic im Jahr 1912. Die Identifizierung der Todesopfer gestaltete sich besonders schwierig. Viele der Fahrgäste waren Gewinner einer Rabattaktion der britischen Tageszeitung The Sun. Diese Passagiere zahlten für die Überfahrt lediglich 1 britisches Pfund pro Fahrt, also jeweils für die Hin- und die Rückfahrt.

Bootsmann und Kapitän

Die späteren Ermittlungen des Unfallhergangs brachten zutage, dass es eine gängige Praxis im Fährdienst auf Nord- und Ostsee war, schon auszulaufen, wenn die Heck- oder Bugklappen noch nicht vollständig geschlossen waren.

Da die Klappen von der Brücke aus nicht zu sehen waren, musste ein leitender Bootsmann den Vorgang vor Ort kontrollieren, doch dieser war an diesem Tag nicht auf seinem Posten.

Doch dies alleine war nicht die Ursache für das Kentern der Herald of free Enterprise. Da die Laderampen für RoRo-Fähren im Hafen von Zeebrügge sehr niedrig liegen, mussten zum Festmachen des Schiffes die Ballasttanks gefüllt werden. Das, der Wassereintritt durch die offenen Bugklappen und die Sogwirkung bei einem Auslaufen in Niedrigwasser sorgten für eine Schieflage, die unweigerlich zum Kentern der Fähre führen musste.

Die offizielle Schlussfolgerung zum Unfallhergang machte den damaligen Kapitän, den Briten David Lewry für die Havarie verantwortlich.

Verschrottung mit Hindernis

Einige Monate nach dem Drama und den Ermittlungen zum Unfallhergang sollte die Herald of free Enterprise in Fernost verschrottet werden, doch schon im Golf von Biskaya im Nordwesten von Spanien rissen die Stahltrosse zwischen der Fähre, weiteren zur Verschrottung vorgesehenen Schiffen und dem Schlepper des Konvois. Erst im März 1988 konnte mit der Verschrottung der Unglücksfähre in Taiwan begonnen werden.

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