"Ganz Flandern ist voll von Asbest"

"Mehr Menschen sterben an Krankheiten, die in Zusammenhang mit Asbest stehen, als im Verkehr. Das zeigen niederländische Zahlen. Und das Vermächtnis in unserem Erbe ist groß: Ganz Flandern ist voll von Asbest", sagt Thomas Vanderveken in der VRT-Sendung "De afspraak". Sein Vater starb an Krebs infolge von Asbest. Vanderveken folgt mit großem Interesse den Asbestprozess gegen das Unternehmen Eternit. Am heutigen Dienstag fällt das Berufungsgericht das Urteil in diesem Prozess. Die Eternit GmbH ist ein Tochterunternehmen der Etex Group S.A. mit Sitz in Brüssel.

Es geht um den Fall einer Familie (der Familie von Françoise Jonckheere) gegen einen Asbestgiganten. Der Fall hat für zahlreiche Familien Symbolwert, auch für die Familie von Thomas Vanderveken, dessen Vater mit 64 Jahren an einem Krebs (Mesotheliom) starb, den man durch das Einatmen von Asbest bekommt.

Françoise ist die Frau, die einst den Prozess gegen Eternit nach dem Tod ihres Mannes, einem Ingenieur bei Eternit, angestrebt hat. Ihr Mann starb an Brustfellkrebs. Zwei Jahre später ist auch die Frau an diesem Krebs gestorben. Ihre Kinder führen den Prozess weiter. Von den fünf Kindern, sind inzwischen zwei ebenfalls an Krebs verstorben. "Dieses Drama spielt sich in Kapelle-op-den-Bos, am damaligen Hauptsitz der Eternit-Aktivitäten in Flandern ab."

"Bei meinem Vater wurde eineinhalb Jahre vor seinem Tod, 2004, Krebs diagnostiziert. Danach gab es keinen Weg mehr zurück. Diesen Krebs kann man nicht behandeln. Man sitzt da und wartet auf seinen Tod", so Vanderveken. "Wir haben ihn zu Hause gepflegt. Das war ein schrecklicher Prozess. Er ist echt zu Hause abgemagert und die letzten Monate waren schrecklich. Er wog nur noch 35 Kilo und hatte überall Wundliegegeschwüre."

"Und man kennt den Schuldigen!"

"Und man kennt den Schuldigen!", führt Vanderveken weiter aus.

"Die Inkubationszeit von Brustfellkrebs beträgt 40 Jahre. Das ist das Problem. Natürlich ist das meistens noch weit hin. Es ist niemals richtig deutlich, wann die Ansteckung genau erfolgt ist. In Flandern ist noch überall Asbest vorhanden. Mein Vater hat eine Zeit lang in Kapelle-op-den-Bos gewohnt. Es kann sein, dass das daher 'kam'. Er hat aber genauso gut im Flagey-Gebäude (in Brüssel, Red.!) gearbeitet. Er war Schauspieler bei der VRT", so Vanderveken. "Dort kann es auch passiert sein. Das Gebäude war ja auch voller Asbest."

Es gebe keine festen Statistiken über Menschen mit diesem Krebs in Belgien, erklärt Vanderveken noch. Man habe Zahlen von Personen, die einen Antrag beim Asbest-Fonds gestellt hätten. Doch diese Zahlen seien natürlich nicht vollständig. "In den Niederlanden haben sie bessere Zahlen und daraus geht hervor, dass doppelt so viele Menschen an Krankheiten sterben, die in Zusammenhang mit Asbest stehen, als im Verkehr. Das ist etwas, was wir total unterschätzen."

"Das Vermächtnis in unserem Erbe ist groß: Ganz Flandern ist voll von Asbest", so Vanderveken. "Man sagt immer, das Ganze ist sicher, solange das Material nicht beschädigt wird, aber inzwischen verwittert das Material und Asbest kommt frei."

Neulich habe man eine Studie von OVAM (flämische Abfallentsorgungsgesellschaft) veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass Asbestdächer, zum Beispiel von Schulen oder Überdachungen von Sporteinrichtungen, nicht sicher seien. "Wenn es darauf regnet und sie haben keine Dachrinne, fällt Asbest eigentlich einfach auf den Boden. Und dort sind Kinder."

Dieser Studie wurde übrigens drei Jahre lang keinerlei Beachtung geschenkt. Das zeige, wie schlampig man auch heute noch mit den Altlasten in unserer Umwelt umgehe. Und diese Altlasten seien noch an vielen Stellen zu finden, an denen man sie nicht einmal erwartete, erzählt Vanderveken.

So habe Ministerin Schauvliege ein Asbestzertifikat beim Kauf einer Wohnung eingeführt. "Dieses gib es noch nicht, aber es wird eingeführt und das ist gut."

"Ich habe selbst auch eine Wohnung aus 1973 gekauft und einen Asbestplan erstellen lassen. Und obwohl ich mich schon lange damit befasse, war Asbest an Stellen, an denen ich nichts vermutete, zum Beispiel in den Fensterrahmen."

"Asbest-Scheißkerle"

Ein logischer nächster Schritt für Vanderveken ist deshalb die Vergabe von Subventionen an Menschen, die Asbest abtragen lassen wollen. "Es ist doch logisch, dass der ursprüngliche Verschmutzer zahlen muss."

Eine Schande sei, dass 2/3 der Weltbevölkerung noch mit Asbest baue. So würde in Indien und China immer noch massenhaft mit Asbest gebaut. Der Export boome. Eine große Lobby verdiene damit viel Geld.

Auf die Frage, ob Eternit auch weitermache, antwortet Vanderveken: "2002, also reichlich spät, als die Gefahren von Asbest bereits lange bekannt waren, haben sie mit der Produktion von Asbest aufgehört und 2004 alles verkauft."

"Man kann wohl ab einem bestimmten Zeitpunkt behaupten, dass  wissentlich mit der Produktion und dem Verkauf von Asbest weitergemacht wurde. Wer das macht, ist ein Arschloch."