Brüssels altes Hafenviertel und seine Geschichte(n)

Als der Kanal Brüssel-Willebroek (Foto), der die belgische Hauptstadt mit der Schelde verbindet, 1561 fertiggestellt wurde, entstand nach und nach innerhalb der zweiten Stadtumwallung um Brüssel ein Hafen. Dieser Hafen breitete sich mehrmals aus und sein Umfang erreichte 1870 seinen Höhepunkt. Anfang des 20. Jahrhunderts aber wurden die Docks trockengelegt und der Hafen wanderte auf ein Gebiet außerhalb des heutigen Kleinen Rings aus. Doch dort, wo damals der alte Hafen lag, gilt es einiges zu entdecken - zum Beispiel bei einem Spaziergang.

Unser Spaziergang durch das historische Hafenviertel in Brüssel beginnt an der Sankt-Katharina-Kirche, bzw. am gleichnamigen Platz. Hier lag das Katharinen-Dock in unmittelbarer Nähe zum Vlaamsesteenweg, eine schon im Mittelalter als Handels- und Wirtschaftszentrum bekannte Straße.

Von dort aus wurde 1564 das Kaufmannsdock mit an der einen Seite der Backstein-Kai und auf der anderen Seite der Brennholz-Kai angelegt. Diese Kaibezeichnungen dienen noch heute, wie übrigens alle ehemaligen Kais im alten Hafengebiet, als Straßennamen.
 Viele der Gebäude an diesen Kais zeugen noch von ihrer Hafenvergangenheit, zum Beispiel das gerade in Restauration befindliche Hafenhaus. In vielen dieser aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammenden Häusern sind heute übrigens Restaurants untergebracht, von denen nicht wenige mit Fischspezialitäten aufwarten.

Bemerkenswert ist am Backstein-Kai an der Hausnummer 90 das „Het Zeepaard“ genannte frühere Haus des Hafenmeisters aus dem Jahr 1680. Im Süden des Kaufmannsdocks lag früher auch die „Neue Fischhalle“, die die Brüsseler „Betonmaffia“ erst 1955 abreißen ließ…

Beginenhof und historische Docks

Von der Katharinen-Kirche aus bewegen wir uns in Richtung Beginenhof entweder vorne oder hinten vorbei an der Kirche Johannes der Täufer, um mit Blick auf das Pacheco-Gesundheitsinstitut durch die Beginenhofstraße zu wandern. Das gesamte Areal gehörte seiner Zeit zum Beginenhof. In der Beginenhofstraße sind an den Hausnummern 9 und 15 bis 17 noch alte Schwesternheime zu finden, die letzten ihrer Art an dieser Stelle in Brüssel.

Am Ende der Straße befand sich das Schuten- oder Kähne-Dock. Von hier aus nahmen die Schiffe Reisende mit, die über den Kanal Brüssel-Willebroeck nach Vilvoorde, Mechelen oder Antwerpen gebracht werden wollten. Hier an diesem Dock sind leider kaum noch Gebäude aus dieser Zeit zu finden. Nur noch am Zimmermanns-Kai sind einige wenige Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu finden, z.B. an den Hausnummern 1, 2, 5, 9 und 10.

Rechterhand dieses Docks schließt sich das alte Stapelhaus-Dock an, an dessen Kopfende 1781 das erste Brüsseler Stapelhaus entstand. Die Fassade dieses Hauses bildet heute die Rückseite der Königlichen Flämischen Schauburg (KVS), ein wunderbares Gebäude, das ebenfalls einen Besuch wert ist.

Auch hier tragen die Kais die Bezeichnungen ihrer früheren Funktionen: Heu-Kai und Arduin-Kai. Dieser Kai war früher ein Ort, an dem Baumaterial abgeladen wurde. Arduin ist ein typisch belgischer Kalkstein, auch „Blauer Kalkstein“ genannt. Heute hat die Redaktion der belgischen Presseagentur Belga ihren Sitz am Arduin-Kai.

Art Deco und ein alter Handelsplatz

Ein ganz anderes Flair bietet heute die nächste Station unserer Wanderung durch den alten Brüsseler Hafen. Im „Quartier Maritime“ - das Areal um den Handels-Kai, die Ieper- und die Diksmuidelaan sowie den Ijzerplein - befanden sich seiner Zeit das Handels-Dock und das Groß-Dock. Diese Docks entstanden erst um 1830 und zwar dort, wo damals Teile der Stadtmauer abgebrochen wurden, wodurch Bauland frei wurde. Das Gebiet war riesig und es konnten bis zu 150 Schiffe gleichzeitig dort ihre Waren und Güter laden oder löschen. In der Nähe befand sich damals auch eine Werft und eines der größten Stapelhäuser der Stadt.

Inzwischen gilt dieses Viertel aber auch als einer der wichtigsten Orte in der belgischen Hauptstadt für Art Deco-Häuser - Wohnungen und Handelsgebäude. Dazu gehören zweifellos das Appartementgebäude „Gérard Koninckx Frères“ in der Iepernlaan 34 bis 36, das Kaai-Theater und die „Garage Citroën“ (Foto), aus der in Zukunft eine Außenstelle des Centre Pompidou in Paris werden soll. Doch das ist ein Politikum und eine ganz andere Geschichte…

Unser Weg führt nun entlang des Kanals Brüssel-Willebroeck, vorbei an einem riesigen Backsteingebäude mit dem Namen „Klein Kasteeltje - Petit Château“. Dieses „Kleine Schloss“ war lange eine Kaserne, die keinen besonders guten Ruf hatte! Hier mussten zu Zeiten der Militärpflicht die jungen Rekruten zur Musterung antreten… In den letzten Jahren war dieses Gebäude ein Wohnheim für Asylbewerber. Von dort aus spazieren wir weiter mit Blick auf die alten Stapelhäuser beiderseits des Kanals in Richtung Vlaamsepoort.

Essen, trinken und shoppen

Dort beginnt ein sehr interessantes Viertel, dass sich quasi zwischen der Dansaertstraat und dem oben bereits beschriebenen Katharinen-Dock befindet. Dazwischen liegt die eingangs erwähnte Vlaanderenstraat. Warum ist diese Gegend so empfehlenswert? Ganz einfach!

Sie ist zum einen historisch und architektonisch interessant, denn überall sind wunderbare historische Gebäude und Fassaden zu entdecken. Und zum anderen bietet sie viele unterschiedliche Möglichkeiten, diesen Spaziergang kulinarisch abzuschließen oder in einem der vielen Cafés und Brasserien einen Kaffee oder ein belgisches Bierchen (vorzugsweise eines aus einer der zahlreichen neuen Brüsseler Mikro-Brauereien) zu genießen.

Ganz nebenbei ist dieses Viertel auch für eine Shopping-Tour interessant. Vintage-Shops reihen sich an Vinyl-Plattenläden oder an die Läden vielleicht noch unbekannter aber zu entdeckender Modeschöpfer aus unserem Land. Und die vielen kleinen Gassen zwischen Dock, Vlaamsesteenweg und Dansaertstraße zeigen ein Brüssel mit regelrecht dörflichem Charakter. Sich hier mit Neugierde und offenen Augen zu verlieren, ist sehr empfehlenswert. Nicht zuletzt, weil das Dansaert-Viertel europaweit auch als Fashion-Viertel bekannt ist. Hier haben einige belgische Modedesigner ihre Flagshops eröffnet.

Man sollte nur versuchen, wieder den Weg zurück zum Sankt-Katharinen-Platz zu finden. Hier wiederum laden ebenfalls tolle Lokale und Läden zu einem Besuch ein und Fischgeschäfte sowie Fischrestaurants bieten Köstlichkeiten maritimer Art an (Foto unten). Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung zum Börsenplatz, zur Anspachlaan und zur Fußgängerzone im Zentrum. Dann sind auch der Große Markt und Manneken Pis nicht mehr weit...